Evonik lehnt BASF-Übernahme ab und setzt auf Eigenständigkeit
Der Essener Spezialchemiekonzern will keine Verhandlungen führen, obwohl BASF mit 24 Euro je Aktie und fast 40 Prozent Prämie wirbt.

Evonik will eigenständig bleiben. Der Essener Spezialchemiekonzern hat Verhandlungen über eine Übernahme durch BASF abgelehnt, obwohl der Ludwigshafener Chemieriese 24 Euro je Aktie bietet und mit einer Prämie von fast 40 Prozent auf den unbeeinflussten Schlusskurs wirbt. Das berichtet die Wirtschaftswoche. Evonik habe das Interesse des größeren Rivalen geprüft, sehe aber keinen Anlass, in förmliche Verhandlungen einzutreten.
Die Absage ist der vorläufige Höhepunkt eines Übernahmepokers, der seit Wochen läuft. BASF hatte wenige Tage zuvor noch einmal verstärkt um Evonik geworben. Bereits früher hatten beide Konzerne Sondierungsgespräche bestätigt, und BASF hatte ein erstes formelles Angebot über 22,15 Euro je Aktie vorgelegt, das Evonik als zu niedrig zurückwies. Nun liegt der Preis bei 24 Euro – doch die Führung in Essen bleibt bei ihrer Haltung.
BASF-Chef Markus Kamieth hält den Zusammenschluss dennoch für den richtigen Weg. Er nennt ihn den logischeren, sinnvolleren Schritt und verweist darauf, dass sich die Portfolios und Stärken beider Unternehmen gut ergänzten. Entstehen solle ein wettbewerbsfähigerer und widerstandsfähigerer Global Player. Kamieth sichert zugleich zu: „Betriebsbedingte Kündigungen blieben bis 2032 ausgeschlossen. Tarifverträge und Sozialpartnerschaft bleiben unangetastet."
BASF bietet 24 Euro je Aktie und wirbt mit fast 40 Prozent Prämie
Das Angebot der Ludwigshafener liegt bei 24 Euro je Evonik-Aktie. Die Prämie beziffert BASF mit fast 40 Prozent – bezogen auf den unbeeinflussten Schlusskurs, also den Kurs, bevor das Übernahmeinteresse öffentlich wurde. Dieser Referenzwert ist wichtig, weil die Evonik-Aktie nach dem Bekanntwerden der Sondierungen bereits deutlich zugelegt hatte. Eine Prämie auf einen gestiegenen Kurs fällt rechnerisch kleiner aus als eine Prämie auf den Ausgangskurs.
Am Freitagvormittag notierte die Evonik-Aktie bei 21,08 Euro, ein Plus von 0,3 Prozent gegenüber dem Vortag. Der Kurs liegt damit unter dem gebotenen Preis von 24 Euro. An der Börse wird ein Übernahmekandidat häufig unterhalb des Angebotspreises gehandelt, solange Zweifel bestehen, ob der Deal zustande kommt. Genau diese Zweifel sind nach der Absage aus Essen größer geworden.
Die RAG-Stiftung hält rund 43 Prozent der Evonik-Aktien
Bei einem Übernahmeversuch ist die Aktionärsstruktur entscheidend. Die RAG-Stiftung hält rund 43 Prozent der Evonik-Aktien und ist damit der größte Anteilseigner. Sie finanziert die Folgekosten des 2018 eingestellten deutschen Steinkohlebergbaus, darunter die sogenannten Ewigkeitskosten, die aus zahlreichen Anlagen dauerhaft anfallen. Für die Stiftung steht bei einer Übernahme also nicht nur der Verkaufspreis zur Debatte, sondern auch die Frage, wie verlässlich die Erträge aus der Beteiligung künftig fließen.
Das Kuratorium der Stiftung hat 13 Mitglieder. Fünf davon gehören ihm automatisch durch ihr Amt an: die Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und dem Saarland, die Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen sowie der Vorsitzende der IG BCE. Das Kuratorium bestellt den Vorstand der Stiftung. Auf der Internetseite der RAG-Stiftung heißt es: „Über Entscheidungen von grundlegender Bedeutung wird das Kuratorium regelmäßig informiert". Das Gremium ist überwiegend mit Politikerinnen und Politikern besetzt – ein Grund, warum bei diesem Übernahmepoker auch die Landespolitik mitredet.
Bereits am 16.10.2026 berichtete aktien.news von politischem Widerstand
Die aktuelle Absage fügt sich in eine längere Entwicklung. Bereits am 26.09.2026 meldete aktien.news, dass beide Unternehmen Sondierungsgespräche bestätigt hatten; an der Börse legten die Evonik-Papiere um 7,2 Prozent zu, während die BASF-Aktie 3,6 Prozent verlor. Am 30.09.2026 folgte der Bericht, dass Evonik ein Angebot über 22,15 Euro als unzureichend zurückwies und dem Konkurrenten zugleich den Einblick in die Bücher verweigerte. Am 01.10.2026 war zu lesen, dass BASF nach dem ersten formellen Angebot von 22,15 Euro je Aktie eine Absage kassierte.
Am 16.10.2026 berichtete aktien.news dann von wachsendem Widerstand: Das unverbindliche Angebot lag zu diesem Zeitpunkt drei Wochen zurück, BASF stellte ein höheres Angebot nur in Aussicht, wenn Evonik Einblick in die Bücher gewährt, und die nordrhein-westfälische Landesregierung sprach sich gegen den Zusammenschluss aus. Der Preis ist inzwischen gestiegen, die politischen Bedenken sind geblieben. Sie betreffen vor allem die Arbeitsplätze in einer kriselnden deutschen Chemieindustrie.
Für Anleger zählt der Abstand zwischen Angebot und Börsenkurs
Für Privatanleger ist die Nachricht aus mehreren Gründen relevant. Erstens lebt die Aktie derzeit von der Übernahmephantasie: Notiert sie unter dem gebotenen Preis, preist der Markt Zweifel an einem Zustandekommen ein. Zweitens ist der größte Anteilseigner eine Stiftung mit politisch besetztem Kuratorium, was den Kreis der Entscheider erweitert. Drittens schützt die Absage der Evonik-Führung nicht dauerhaft vor einem neuen Vorstoß – BASF hat bereits nachgelegt.
Viertens adressiert Kamieth die politischen Sorgen mit Standortzusagen. Er übernimmt im Kauf-Fall Standortvereinbarungen, schließt betriebsbedingte Kündigungen bis 2032 aus und betont, Essen und NRW blieben ein wichtiger Standort. Zudem seien die Syneqt-Parks in Marl und Wesseling selbst betreibbar; Syneqt beschäftigt rund 3.500 Menschen. Kamieth sagt: „Mit mindestens einem Vorstandsressort und der Leitung von Geschäfts- und Funktionseinheiten. Wir werden prüfen, welche gemeinsamen Aktivitäten wir von Essen aus führen könnten. Wir möchten NRW als Forschungs- und Entwicklungsstandort stärken." Ob diese Zusagen ausreichen, lässt der Bericht offen.
Evonik lässt nur einen informativen Austausch mit BASF zu
Wie es weitergeht, ist offen. Evonik schließt Verhandlungen über eine Übernahme ab, hält aber einen rein informativen, vertraulichen Austausch mit BASF für möglich. BASF hat die Gesprächsbereitschaft Evoniks zur Kenntnis genommen und nennt die Ablehnung nicht nachvollziehbar. Einen Zeitplan für das weitere Vorgehen nennt der Bericht nicht. Für Anleger bleiben damit vor allem zwei Größen im Blick: der Kurs der Evonik-Aktie und jede neue Äußerung aus Ludwigshafen oder Essen.
Drei Begriffe erklären den Übernahmepoker
- Übernahmeprämie: Der Aufschlag, den ein Bieter auf den Börsenkurs eines Zielunternehmens zahlt, um Aktionäre zum Verkauf zu bewegen.
- Unbeeinflusster Schlusskurs: Der Kurs vor dem Bekanntwerden eines Übernahmeinteresses, an dem die Prämie gemessen wird.
- Kuratorium: Ein Aufsichtsgremium, das über grundlegende Entscheidungen einer Stiftung informiert wird und deren Vorstand bestellt.
