Energiewende sieht bis 2035 kritische Engpässe bei Mineralstoffen
GEM Mining Consulting warnt: Verarbeitungsengpässe und unzuverlässige Projektprognosen bedrohen die Versorgung mit Lithium, Kobalt, Kupfer, Graphit und Seltenen Erden.

Der Energiewende droht bis zum Jahr 2035 eine kritische Verknappung bei wichtigen Mineralstoffen. Diese reicht über die reine Extraktionskapazität der Bergbauunternehmen hinaus, wie das Beratungsunternehmen GEM Mining Consulting in einer aktuellen Analyse darlegt. Nicht allein die Fördermenge, sondern vor allem Verarbeitungsengpässe und unzuverlässige Projektprognosen bedrohen die Versorgungssicherheit.
Das in Santiago de Chile ansässige Beratungsunternehmen schätzt, dass das prognostizierte Angebot im Jahr 2035 lediglich 68 Prozent der Lithiumnachfrage decken wird. Bei Kobalt sind es 74 Prozent, bei Kupfer 75 Prozent. Damit klafft bei den Schlüsselrohstoffen der Energiewende eine erhebliche Lücke zwischen dem, was Bergwerke theoretisch liefern könnten, und dem, was die Industrie tatsächlich benötigt.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf Graphit und Seltene Erden. Bei diesen Mineralien erscheinen die prognostizierten Volumina zwar adäquat, doch sie sind mit höheren Lieferkettenrisiken konfrontiert. Der Grund: Die Verarbeitungskapazitäten sind stark in China konzentriert. Die Analyse stellt damit gängige Annahmen über die Rohstoffsicherheit infrage.
Die Details
GEM hinterfragt eine verbreitete Methode zur Bewertung der Rohstoffsicherheit: den Vergleich der angekündigten Förderkapazitäten mit der prognostizierten Nachfrage. Nach Einschätzung des Beratungsunternehmens können diese Kennzahlen das tatsächlich für Hersteller verfügbare Material erheblich überschätzen. Bergwerke sehen sich mit Verzögerungen bei Genehmigungen und Finanzierungen, Problemen beim Hochfahren der Produktion, metallurgischen Verlusten sowie Anforderungen an die Kundenqualifizierung konfrontiert.
Um diese Risiken abzubilden, hat GEM zwei Messgrößen entwickelt. Der Volume Scarcity Index verfolgt die Lücke zwischen Angebot und Primärnachfrage. Der Supply Chain Fragility Index misst Faktoren wie die Konzentration der Verarbeitung, technologische Abhängigkeiten und geografische Risiken.
Lithium erweist sich als das am stärksten volumenmäßig begrenzte Mineral und erzielt auf dem Knappheitsindex einen Wert von 80 von 100 Punkten. Kobalt erreicht 65 Punkte, Kupfer 62 Punkte. Betrachtet man dagegen die Vulnerabilität der Lieferkette, verschiebt sich das Bild deutlich: Seltenerd-Magnete erzielen auf dem Anfälligkeitsindex 95 von 100 Punkten, Graphit in Batteriequalität 89 Punkte – obwohl das prognostizierte Angebot im Jahr 2035 jeweils 107 Prozent beziehungsweise 96 Prozent der entsprechenden Nachfrage decken würde.
Kobalt kommt auf einen Anfälligkeitswert von 78, Nickel erreicht 66, da die Verarbeitung in Indonesien und China konzentriert ist. Kupfer liegt trotz seines drohenden physischen Defizits vergleichsweise niedrig bei 36. Diese Unterscheidung bedeutet, dass das größte Defizit bei den Minenliefermengen nicht zwangsläufig die größte strategische Verwundbarkeit darstellt.
Für Lithium, Kobalt und Kupfer sieht GEM die Priorität darin, zuverlässige neue Minenproduktionen in Betrieb zu nehmen. Bei Graphit und Seltenen Erden ist hingegen die Diversifizierung der Raffination und Verarbeitung außerhalb der dominierenden Produktionsländer wichtiger. Seltene Erden veranschaulichen dieses Problem: GEM schätzt, dass ein diversifiziertes Angebot an Magneten außerhalb Chinas nur 15 Prozent der globalen Nachfrage decken würde. Verbraucher bleiben damit exponiert, selbst wenn die weltweite Gesamtproduktion ausreichend erscheint.
Ein weiteres Kernproblem sind die angekündigten Projektkapazitäten. Sie können Politikern und Investoren einen irreführenden Eindruck von der künftigen Verfügbarkeit von Mineralstoffen vermitteln. GEM berechnet, dass ein hypothetisches Projekt, das jährlich 100.000 Tonnen produzieren soll, nach Anpassung um Entwicklungs- und Betriebsrisiken letztlich nur etwa 60.200 Tonnen zuverlässigen, verkäuflichen Output liefern könnte – eine Reduktion um fast 40 Prozent.
Die Verluste summieren sich über die gesamte Entwicklungs- und Produktionskette. Genehmigungs- und Finanzierungsverzögerungen können den Bau hinauszögern, Inbetriebnahmen die Produktionsaufnahme verschieben, Bergwerke benötigen Zeit, um ihre Nennkapazität zu erreichen, und metallurgische Ausbeuten reduzieren die Menge des produzierten nutzbaren Materials. Material, das eine Verarbeitungsanlage verlassen hat, steht vor einer weiteren Hürde: der Erfüllung der chemischen und technischen Spezifikationen, die von Batterie-, Magnet- und anderen Herstellern gefordert werden.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Analyse knüpft an frühere Berichte an. Bereits am 12.08.2026 berichtete aktien.news, dass Engpässe bei kritischen Mineralien bis 2035 nicht nur von der Menge der geförderten Tonnen abhängen. GEM analysierte damals sechs Schlüsselmineralien – Kupfer, Lithium, Nickel, Kobalt, Graphit in Batteriequalität und Seltenerdmagnete – auf Basis des Ausblicks der Internationalen Energieagentur (IEA) für das Jahr 2035. Schon damals zeigte sich, dass das erwartete Angebot lediglich 68 Prozent des Lithiumbedarfs, 74 Prozent bei Kobalt und 75 Prozent bei Kupfer deckt.
Am 12.07.2026 berichtete aktien.news, dass sich die Verarbeitung Seltener Erden zu einem der folgenreichsten Engpässe in der Lieferkette für saubere Energietechnologien entwickelt hat. Entscheidend sind demnach die Stufen der Trennung, Raffination und Legierung – nicht allein die Rohstoffgewinnung.
Am 11.08.2026 berichtete aktien.news, dass westliche Regierungen bei der Rückverlagerung kritischer Mineralien-Lieferketten zu scheitern riskieren – nicht wegen mangelnder Bergbaukapazitäten, sondern wegen fehlender Verarbeitungsinfrastruktur. Und am 22.07.2026 meldete aktien.news, dass die Interessenvertretung der Bergbau- und Metallindustrie ICMM vor einem Wettbewerb um Wasserressourcen warnt, der die Entwicklung neuer Minen weltweit gefährdet.
Was das für Anleger bedeutet
Für Bergbauunternehmen und Investoren verändert die Analyse nach Ansicht von GEM die Bewertung von Projekten. Eine kleinere Lagerstätte mit nachgewiesener Verarbeitungsinfrastruktur und Kunden kann eine größere strategische Bedeutung haben als eine deutlich größere Ressource ohne zuverlässigen Marktzugang. Anleger, die in Rohstoffwerte investieren, sollten daher nicht allein auf die angekündigten Fördermengen schauen.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Regierungen, die sichere Lieferungen bei kritischen Mineralstoffen anstreben, über reine Ressourcenabschätzungen oder geplante Minenkapazitäten hinausdenken müssen. Verarbeitungsinfrastruktur, Finanzierung, Genehmigungen, technische Leistungsfähigkeit und die Fähigkeit, qualifiziertes Material zu liefern, bestimmen maßgeblich, ob unterirdische Ressourcen zu nutzbarer Versorgung werden.
Ausblick
Der Wettlauf um Mineralstoffe im Rahmen der Energiewende wird nach Einschätzung von GEM ebenso sehr dadurch entschieden, was nach dem Abbau des Erzes geschieht, wie davon, wie viel die Bergbauunternehmen extrahieren können. Der Bericht nimmt dabei das Jahr 2035 als Referenzzeitpunkt in den Blick. Konkrete neue Termine oder einzelne Projektpläne nennt die Analyse nicht.
Kurz erklärt
- Volume Scarcity Index: Kennzahl, die die Lücke zwischen dem Angebot und der Primärnachfrage eines Rohstoffs abbildet.
- Supply Chain Fragility Index: Kennzahl für die Anfälligkeit einer Lieferkette, etwa durch konzentrierte Verarbeitung und geografische Risiken.
- Metallurgische Ausbeute: Anteil des nutzbaren Materials, der bei der Verarbeitung des Erzes tatsächlich gewonnen wird.
