Börsenwoche im Fokus: Quartalsberichte und britische Banken unter Steuerdruck
Der britische Haushalt am 28. Oktober und die Quartalszahlen von Barclays bis NatWest bestimmen die kommende Handelswoche in London.

Die kommende Handelswoche an der Londoner Börse steht ganz im Zeichen zahlreicher Quartalsberichte von FTSE-100-Unternehmen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem britischen Bankensektor, der seine Ergebnisse für das dritte Quartal vorlegt. Gleichzeitig sorgt die politische Unsicherheit im Vorfeld des britischen Haushaltsplans am 28. Oktober für zusätzliche Volatilität. Investoren warten auf frische Unternehmensdaten, müssen aber zugleich mögliche steuerliche Änderungen einpreisen.
Im Mittelpunkt der Debatte steht die Frage, ob und wie stark die Regierung die Abgabe auf Bankgewinne anhebt. Analysten der Bank of America (BofA) erwarten solide Zahlen für das dritte Quartal, warnen jedoch vor einer konservativen Prognose für die Zeit nach 2026. Als Begründung nennen sie den anstehenden Haushalt am 28. Oktober, der steuerliche Änderungen mit sich bringen könnte. Für die Institute bedeutet das eine doppelte Belastung: Sie müssen operativ überzeugen und zugleich Erwartungsmanagement für das kommende Jahr betreiben.
Aktuell zahlen britische Kreditinstitute eine Körperschaftssteuer von 25 % zuzüglich eines 3-prozentigen Aufschlags auf Gewinne über 100 Millionen Pfund. Wie stark ein Institut von einer Erhöhung getroffen würde, hängt vor allem davon ab, welcher Anteil seiner Gewinne in Großbritannien steuerpflichtig ist. Genau hier unterscheiden sich die großen Häuser erheblich – ein Punkt, den Anleger bei der Bewertung der einzelnen Aktien berücksichtigen sollten.
Die Details
Die BofA bevorzugt derzeit die NatWest Group und spricht Kaufempfehlungen für die Lloyds Banking Group sowie HSBC aus. Barclays wird neutral bewertet. Besonders Lloyds und NatWest sind aufgrund ihres hohen Anteils an in Großbritannien steuerpflichtigen Gewinnen von rund 85 % stärker von möglichen Steuererhöhungen betroffen als Barclays mit 33 % oder HSBC mit 20 %. Die Schweizer Großbank UBS schätzt, dass eine Verdoppelung des Bankenaufschlags die Gewinne der inländischen Banken um 3 bis 4 % belasten würde. Das sollte jedoch nicht ausreichen, um die Aktien fundamental zu verteuern. Solche Steuern würden vermutlich als Inputkosten an die Kunden weitergegeben.
Die Termine für die Quartalsberichte sind klar getaktet: Barclays eröffnet die Berichtssaison am 22. Oktober, gefolgt von HSBC am 27. Oktober, Standard Chartered am 28. Oktober, Lloyds am 29. Oktober und NatWest am 30. Oktober. Damit fällt der Haushaltstermin mitten in die Berichtswoche der Banken – ein zeitlicher Zusammenhang, der die Kurse zusätzlich bewegen dürfte.
Neben den Banken stehen zahlreiche weitere Unternehmen im Fokus der Anleger. Am Mittwoch, 21. Oktober, legen Fresnillo, Halfords, Hochschild Mining, Liontrust Asset Management, PensionBee, Quilter, Sanderson Design Group und Segro ihre Berichte vor. In den kommenden Tagen werden zudem Updates von Unternehmen wie Bunzl, Sainsbury's, RELX, Anglo American, BP Marsh & Partners, GB Group, Gear4music Holdings, Sabre Insurance, Trifast, XP Power, Amirose London Holdings, Gamma Communications und Scancell Holdings erwartet. Zudem werden einige Unternehmen, darunter BAE Systems, Dunelm, Games Workshop und JD Wetherspoon, ohne das Recht auf die jüngste Dividende gehandelt.
Die Aktienkurse im Bankensektor litten zuletzt unter der Spekulation über zusätzliche Steuern sowie Sorgen um Kreditbedingungen und schwächere Kreditnachfrage. Dennoch zeigen sich Analysten optimistisch hinsichtlich der Widerstandsfähigkeit der inländischen Banken. Als Stützen gelten das „Higher-for-longer“-Zinsumfeld und der Einsatz struktureller Absicherungen (Structural Hedges). Während die BofA bei NatWest Potenzial für eine Anhebung der Einkommensprognose sieht, bleibt die Stimmung bei Barclays aufgrund der US-Exponierung und schwächerer Gebühreneinnahmen im Investmentbanking verhalten. Bei HSBC wird ein schwierigeres drittes Quartal aufgrund von Bewertungseffekten bei Schuldtiteln erwartet, während Standard Chartered von starken Vermögenszuflüssen profitieren dürfte.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 16.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Aktien der großen britischen Kreditinstitute unter Verkaufsdruck standen. Auslöser waren Berichte, wonach die britische Regierung die Steuer auf die Gewinne der in London notierten Banken noch in diesem Monat erhöhen will. Im Zentrum der Sorgen stand die sektorspezifische Bankgewinnabgabe, die zusätzlich zur Körperschaftsteuer erhoben wird. Konkret berichteten Medien, dass Finanzminister John Healey die Abgabe bei seiner ersten Haushaltsvorstellung als Schatzkanzler von derzeit 3 Prozent auf 8 Prozent anheben könnte. Der Haushalt ist für den 28. Oktober angesetzt. Eine höhere Abgabe würde die Gewinne der auf den britischen Markt fokussierten Institute schmälern.
Deutlich positiver war das Bild noch am 05.08.2026: Damals meldete aktien.news, dass die britischen Bankaktien NatWest Group und Lloyds Banking Group sich auf Mehrjahreshöchstständen befanden und Analysten weiteres Potenzial sahen. Das Analysehaus Berenberg hob sein Kursziel für NatWest auf 880 Pence an und sah damit ein Aufwärtspotenzial von 25 % gegenüber dem aktuellen Kurs. Die Schweizer Großbank UBS traute Lloyds einen Anstieg von 117 Pence auf 133 Pence zu und bekräftigte ihre Kaufempfehlung. NatWest-Aktien wurden zuletzt auf einem Mehrjahreshoch von 726 Pence gehandelt; im Oktober 2023 notierte das Papier noch bei 182 Pence. Lloyds erreichte mit 117,9 Pence ebenfalls einen neuen Höchststand – vor drei Jahren lag der Kurs noch bei rund 40 Pence.
Auch am 20.01.2026 gab es Rückenwind für den Sektor: JPMorgan hob die Kursziele für die großen britischen Banken deutlich an und begründete dies mit anhaltendem Neubewertungspotenzial sowie starken Wachstumsprognosen bis 2027. Die US-Investmentbank verschob ihre Bewertungsbasis auf Dezember 2027. Für Barclays erhöhte JPMorgan das Kursziel auf 570 Pence und bestätigte die Aktie als „Top-Empfehlung“ vor der Veröffentlichung der Quartalszahlen. Die Analysten erwarteten, dass Barclays bei einem Investoren-Update einen Weg zu einer nachhaltigen Eigenkapitalrendite (ROTE) von 13-14 % bis 2028 aufzeigen würde.
Und am 02.05.2026 berichtete aktien.news im Wochenausblick, dass die Berichtssaison für das erste Quartal 2026 auf Hochtouren lief. Zu den meistbeachteten Veröffentlichungen zählten damals die Ergebnisse von HSBC Holdings sowie von Shell, International Consolidated Airlines Group und dem britischen Modehändler Next. Der britisch-asiatische Bankgigant HSBC steht damit erneut im Zentrum des Interesses – diesmal mit den Zahlen zum dritten Quartal.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in britische Bankaktien investiert sind oder ein Investment erwägen, verschiebt sich der Fokus von der reinen Ertragsseite auf die Steuerpolitik. Die unterschiedliche Belastung zeigt sich in den Zahlen: Lloyds und NatWest erzielen rund 85 % ihrer steuerpflichtigen Gewinne in Großbritannien, Barclays 33 % und HSBC 20 %. Eine Erhöhung der Bankgewinnabgabe trifft die beiden inländisch fokussierten Institute damit deutlich stärker als die international aufgestellten Häuser.
Zugleich relativiert die UBS-Einschätzung das Ausmaß: Eine Verdoppelung des Aufschlags würde die Gewinne der inländischen Banken um 3 bis 4 % belasten und damit nach Einschätzung der Analysten nicht ausreichen, um die Aktien fundamental zu verteuern. Ein Teil der Belastung dürfte über die Weitergabe als Inputkosten an Kunden abgefedert werden. Anleger sollten dennoch beachten, dass die Berichtssaison und der Haushaltstermin in derselben Woche liegen – kurzfristige Kursschwankungen sind damit wahrscheinlich.
Zusätzlich relevant sind die Ex-Dividende-Tage: Wer Aktien von BAE Systems, Dunelm, Games Workshop oder JD Wetherspoon erst ab dem entsprechenden Handelstag erwirbt, hat keinen Anspruch auf die jüngste Dividende. Auch das kann den angezeigten Kurs am Handelstag optisch belasten, ohne dass sich am Unternehmenswert etwas geändert hat. Die hier genannten Informationen dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Investitionen können an Wert verlieren.
Ausblick
In der kommenden Woche richtet sich der Blick zunächst auf den Mittwoch, 21. Oktober, mit Berichten von Fresnillo, Halfords, Hochschild Mining, Liontrust Asset Management, PensionBee, Quilter, Sanderson Design Group und Segro. Anschließend folgen die Bankzahlen von Barclays am 22. Oktober, HSBC am 27. Oktober, Standard Chartered am 28. Oktober, Lloyds am 29. Oktober und NatWest am 30. Oktober. Der britische Haushaltsplan ist für den 28. Oktober angesetzt – an diesem Tag werden auch die Zahlen von Standard Chartered erwartet. Weitere Updates werden von Bunzl, Sainsbury's, RELX, Anglo American, BP Marsh & Partners, GB Group, Gear4music Holdings, Sabre Insurance, Trifast, XP Power, Amirose London Holdings, Gamma Communications und Scancell Holdings erwartet.
Kurz erklärt
- Körperschaftssteuer: Steuer auf den Gewinn von Kapitalgesellschaften, die am Sitzland des Unternehmens anfällt.
- Bankgewinnabgabe: Zusätzliche sektorspezifische Steuer auf Gewinne von Kreditinstituten, die neben der regulären Körperschaftssteuer erhoben wird.
- Structural Hedge: Absicherungsstruktur, mit der Banken Zinsänderungsrisiken über längere Laufzeiten glätten.
- Ex-Dividende: Handelstag, ab dem neu gekaufte Aktien keinen Anspruch mehr auf die zuletzt beschlossene Dividende haben.
