BoE untersucht Barclays: Private-Credit-Risiken im Visier der Aufsicht
Die Bank of England prüft, ob Barclays-Trader illiquide Private-Credit-Darlehen falsch klassifiziert haben, um Kapitalanforderungen zu senken.

Die Bank of England (BoE) untersucht einem Medienbericht zufolge, ob Trader der britischen Großbank Barclays illiquide Private-Credit-Darlehen falsch dargestellt haben, um die regulatorischen Kapitalanforderungen des Instituts zu senken. Das berichtete die Financial Times am Montag unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Auslöser ist demnach eine Beschwerde, die bei der Prudential Regulation Authority (PRA), der Aufsichtsbehörde der Zentralbank, bereits in diesem Jahr eingegangen ist.
Im Zentrum der Prüfung steht die Klassifizierung von Derivaten, die an Private-Credit-Darlehen gekoppelt sind. Konkret geht es um Total-Return-Swaps, mit denen Banken Kredite für Private-Credit-Fonds finanzieren und deren wirtschaftliche Performance gegen eine Gebühr an Kunden übertragen. Die Einstufung solcher Positionen als Handelsbuch- oder Bankbuchbestand hat direkten Einfluss darauf, wie viel Kapital eine Bank gegen potenzielle Verluste vorhalten muss.
Für Barclays steht damit ein heikles aufsichtsrechtliches Thema im Raum. Die Bank erklärte laut FT, sie nehme ihre regulatorischen Verpflichtungen ernst, kommentiere jedoch Interaktionen mit den Aufsichtsbehörden nicht. Die Untersuchung fällt in eine Phase, in der die Aufsicht weltweit wachsende Risiken im Private-Credit-Markt beobachtet, dessen Volumen der Bericht mit 2 Billionen US-Dollar beziffert.
Die Details
Die Beschwerde bei der PRA dreht sich um die Frage, ob die Darstellung der Positionen durch Barclays-Trader korrekt war. Nach Angaben der FT argumentierten die Trader, dass sogenannte Back-to-Back-Swaps zur Absicherung ihrer Exposition die Positionen handelbar machten — obwohl die zugrunde liegenden Darlehen illiquide waren. Diese Argumentation ist deshalb brisant, weil sie die Grundlage für eine günstigere regulatorische Behandlung bilden könnte.
Der Mechanismus dahinter: Wird ein Vermögenswert dem Handelsbuch zugeordnet, gelten andere Kapitalanforderungen als im Bankbuch. Die Zuordnung beeinflusst somit unmittelbar, wie viel Eigenkapital die Bank für potenzielle Verluste zurücklegen muss. Die PRA hatte Banken in der Vergangenheit bereits davor gewarnt, illiquide Vermögenswerte als handelbare Instrumente umzupacken, um die Kapitalanforderungen zu senken.
Über den genauen Zeitpunkt der Beschwerde und den aktuellen Stand der Prüfung machte der Bericht keine näheren Angaben. Ebenso ließ die FT offen, welche konkreten Konsequenzen Barclays drohen könnten. Barclays selbst verwies lediglich auf seine grundsätzliche Haltung zu regulatorischen Pflichten.
Hintergrund: Was bisher geschah
Private Credit ist in den vergangenen Jahren zu einem der am schnellsten wachsenden Segmente an den Finanzmärkten geworden — und damit zunehmend in den Fokus von Aufsehern und Analysten geraten. Bereits am 17.04.2026 berichtete aktien.news, dass JPMorgan Chase, Barclays und weitere Wall-Street-Banken damit begonnen haben, Credit Default Swaps (CDS) zu handeln, die an führende Private-Credit-Fonds gekoppelt sind. Betroffen waren Fonds der Branchengrößen Blackstone, Apollo Global und Ares Management. Neben JPMorgan und Barclays boten laut FT-Bericht auch Morgan Stanley und Citigroup den Handel mit entsprechenden Kontrakten an.
Auch die Verflechtung zwischen Versicherern und dem Private-Credit-Markt hat deutlich zugenommen. Am 17.03.2026 berichtete aktien.news auf Basis einer Barclays-Untersuchung, dass US-Lebensversicherer ihre Engagements im Private-Credit-Markt im Jahr 2025 um 21 Prozent beziehungsweise 83 Milliarden US-Dollar ausgeweitet haben — mehr als doppelt so stark wie das Gesamtvermögenswachstum von 9 Prozent. Die gesamten Private-Credit-Bestände der US-Lebensversicherer beliefen sich Ende Dezember auf 482 Milliarden US-Dollar. Damit machten diese Anlagen 8 Prozent des gesamten Versicherungsvermögens von rund 6 Billionen US-Dollar aus, nach etwa 7 Prozent im Vorjahr. Große private Fondsmanager wie Apollo Global Management spielen bei diesen Transaktionen eine zentrale Rolle.
Nicht zuletzt ist Barclays selbst ein regelmäßiger Beobachter der Geldpolitik. Am 18.09.2026 berichtete aktien.news, dass Analysten der Bank nach der Zinsentscheidung der Bank of England ihre Prognose angepasst haben: Sie erwarten nun Zinsschritte um jeweils 25 Basispunkte im November sowie im Februar 2027. Die BoE hatte den Leitzins im September wie erwartet bei 3,75 Prozent belassen; die Entscheidung fiel mit einer Mehrheit von 6 zu 3 Stimmen. Im Gegensatz dazu legten die externen Mitglieder Swati Dhingra und Alan Taylor den Fokus anders.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Untersuchung vor allem ein Signal für die wachsende regulatorische Aufmerksamkeit gegenüber dem Private-Credit-Markt. Wer über Fonds, ETFs oder Versicherungsprodukte indirekt in diesem Segment engagiert ist, sollte die Entwicklung der aufsichtsrechtlichen Debatte im Blick behalten. Die Klassifizierung von Risiken — Handelsbuch oder Bankbuch — klingt technisch, entscheidet aber mit darüber, wie robust eine Bank für Verlustphasen aufgestellt ist.
Der Fall zeigt zudem, wie eng die Verflechtungen zwischen Banken, Versicherern und privaten Fondsmanagern inzwischen sind. Wie der Bericht vom 17.04.2026 verdeutlicht, handeln mehrere große Häuser bereits Derivate auf Private-Credit-Fonds — ein Markt, der erst entsteht und dessen Risikoprofil Aufseher genau beobachten. Ob aus der Prüfung der PRA formale Konsequenzen erwachsen, ist offen. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Konkrete Termine für den Abschluss der Prüfung nannte der Bericht nicht. Barclays äußerte sich nicht zu Details der Aufsichtsinteraktion. Beobachten dürften Anleger daher zweierlei: weitere Berichte über den Verlauf der PRA-Prüfung sowie die grundsätzliche Entwicklung der Kapitalanforderungen für Private-Credit-Engagements.
Der Markt selbst wächst weiter, wie die Zahlen der US-Lebensversicherer zeigen, die aktien.news am 17.03.2026 zusammengefasst hat. Zugleich erwartet Barclays geldpolitische Schritte der BoE im November und im Februar 2027 — ein Umfeld, das die Bewertung von Kreditrisiken zusätzlich prägt. Auch die im April 2026 berichtete Ausweitung des Derivatehandels auf Private-Credit-Fonds dürfte die Aufmerksamkeit der Aufsicht weiter hochhalten.
Kurz erklärt
- Total-Return-Swap: Ein Derivat, bei dem die wirtschaftliche Wertentwicklung eines Basiswerts gegen eine Gebühr übertragen wird.
- Handelsbuch: Der Bestand an Positionen, die eine Bank kurzfristig handeln will und für die eigene Kapitalregeln gelten.
- Prudential Regulation Authority: Die britische Aufsichtsbehörde, die die Kapitalausstattung von Banken überwacht.
