Australiens Finanzminister warnt vor schwächerem Wachstum und höherer Arbeitslosigkeit
Jim Chalmers rechnet mit schwächerem Wachstum und leicht steigender Arbeitslosigkeit – die Notenbank könnte die Zinsen weiter anheben.

SYDNEY, 22. Oktober – Australiens Finanzminister Jim Chalmers warnt vor einem schwächeren Wirtschaftswachstum und einer steigenden Arbeitslosigkeit. Als Gründe nennt er die weiterhin hohen Zinssätze und eine Inflation, die sich als zäh erweist. Die Warnung geht aus Auszügen einer Rede hervor, die Reuters am Donnerstag vorab einsehen konnte.
Chalmers wird seine Ansprache am Freitag auf dem Citi A50 Economic Forum in Sydney halten. Vorab kündigte er an, dass sein Ministerium die Wirtschaftsprognosen für die mittjährige Budgetaktualisierung im Dezember überarbeitet. Die Regierung stellt sich damit auf eine Eintrübung der Konjunktur ein.
„Die höhere Inflation setzt die Menschen unter Druck, die restriktivere Geldpolitik belastet die inländische Aktivität, und dies zeigt sich in der Abkühlung des Arbeitsmarktes", so Chalmers. „Höhere Zinssätze und höhere Inflation werden wahrscheinlich zu einem schwächeren Wachstum und einer leicht höheren Arbeitslosigkeit führen", fügte er hinzu.
Die Details
Die australische Notenbank hat die Zinssätze in diesem Jahr bereits viermal angehoben, auf nunmehr 4,6 Prozent. Die Kerninflation klebt seit Monaten bei 3,6 Prozent fest und liegt damit weiterhin über dem Zielkorridor der Reserve Bank of Australia (RBA) von 2 bis 3 Prozent. Zusätzlichen Druck könnten höhere globale Ölpreise erzeugen, die drohen, die Preisdruckdynamik weiter anzufeuern.
Am Arbeitsmarkt zeigen sich die Folgen der straffen Geldpolitik bereits deutlich. Die Arbeitslosenquote erreichte im September mit 4,7 Prozent ein Fünfjahreshoch – und damit ein Jahr früher, als die RBA selbst erwartet hatte. Die Märkte preisen eine Wahrscheinlichkeit dafür ein, dass die Notenbank die Zinssätze im nächsten Monat ein fünftes Mal anhebt und damit auf 4,85 Prozent bringt.
Ein positiver Faktor bleibt laut Chalmers die Widerstandsfähigkeit der Unternehmensinvestitionen. Sie könnten sich im Vergleich zu den Erwartungen vom Mai mehr als verdoppeln und in diesem Jahr um mehr als 5 Prozent steigen. Damit stützt ein Teil der privaten Nachfrage die Konjunktur, während die Haushalte unter der Inflation leiden.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Warnung ist Teil einer längeren Entwicklung, über die aktien.news berichtet hat. Bereits am 28.01.2026 meldete aktien.news, dass die australische Inflation im vierten Quartal 2025 auf 3,6 Prozent im Jahresvergleich gestiegen war – der höchste Wert seit anderthalb Jahren und deutlich über dem Zielkorridor der RBA von 2 bis 3 Prozent. Der Wert entsprach den Erwartungen der von Reuters befragten Ökonomen, markierte aber einen Anstieg gegenüber den 3,2 Prozent aus dem Vorquartal. Im Dezember beschleunigte sich die Inflation sogar auf 3,8 Prozent und übertraf die Prognosen von 3,55 Prozent deutlich; das Australian Bureau of Statistics identifizierte Wohnkosten als Haupttreiber der Preisentwicklung.
Am 12.02.2026 berichtete aktien.news, dass die RBA vor hartnäckigem Inflationsdruck am Arbeitsmarkt warnt. Sarah Hunter, stellvertretende Gouverneurin der Notenbank, betonte in einer Rede in Perth die enge Verbindung zwischen Arbeitsmarktlage und Preisentwicklung. Der Arbeitsmarkt habe sich stabilisiert und bleibe weiterhin angespannt – eine Knappheit, die in direktem Zusammenhang mit dem Inflationsdruck in der Wirtschaft stehe.
Am 13.08.2026 meldete aktien.news, dass RBA-Vizegouverneur Christopher Kent die Inflationsrisiken als weiterhin nach oben gerichtet bezeichnete. Bei einer Reuters NEXT Newsmaker-Veranstaltung in Sydney sagte Kent, viele Dinge müssten positiv verlaufen, damit die Zinsen auf dem damaligen Niveau von 4,35 Prozent verbleiben könnten.
Am 29.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Ausgaben der australischen Haushalte im August nicht gestiegen sind. Wie das Australian Bureau of Statistics mitteilte, blieb der monatliche Indikator für die Haushaltsausgaben bei 82,3 Milliarden Australischen Dollar (57,71 Milliarden US-Dollar) unverändert. Ökonomen hatten einen Anstieg von rund 0,3 Prozent erwartet; im Juli waren die Ausgaben überraschend stark um 1,1 Prozent gestiegen. Die Haushalte sparten in allen Kategorien – von Lebensmitteln über Kleidung bis hin zu kulturellen Angeboten. Lediglich für Kraftstoff gaben sie mehr aus.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung in Australien vor allem wegen der Zinsperspektive relevant. Solange die Kerninflation bei 3,6 Prozent verharrt und die Notenbank eine weitere Anhebung auf 4,85 Prozent nicht ausschließt, bleibt die Geldpolitik restriktiv. Das belastet nach den Worten von Chalmers die inländische Aktivität – ein Umfeld, in dem konsumnahe Bereiche der australischen Wirtschaft unter Druck geraten können. Die stagnierenden Haushaltsausgaben vom August und die auf 4,7 Prozent gestiegene Arbeitslosenquote stützen diese Einschätzung.
Gleichzeitig zeigt die Widerstandsfähigkeit der Unternehmensinvestitionen, dass nicht alle Teile der Wirtschaft gleichermaßen betroffen sind. Chalmers rechnet damit, dass die Investitionen in diesem Jahr um mehr als 5 Prozent steigen könnten. Wer Australien-Engagement hält, sollte daher zwischen konsumnahen und investitionsgetriebenen Segmenten unterscheiden.
Ein weiterer Faktor ist die Zinsdifferenz: Ein höherer Leitzins macht Anlagen in australischen Dollar für internationale Anleger tendenziell attraktiver, während eine schwächere Konjunktur und steigende Arbeitslosigkeit gegenläufig wirken. Hinzu kommt das Risiko höherer globaler Ölpreise, die laut Chalmers die Preisdruckdynamik weiter anfeuern könnten. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Konkrete Termine stehen bereits fest. Am Freitag wird Chalmers auf dem Citi A50 Economic Forum in Sydney sprechen. Im Dezember folgt die mittjährige Budgetaktualisierung, für die das Finanzministerium seine Wirtschaftsprognosen derzeit überarbeitet. Und schon im nächsten Monat entscheidet die RBA über den Leitzins; die Märkte preisen eine Wahrscheinlichkeit für eine fünfte Anhebung auf 4,85 Prozent ein. Ob es dazu kommt, hängt maßgeblich davon ab, wie sich Inflation und Arbeitsmarkt bis dahin entwickeln.
Kurz erklärt
- Kerninflation: Maß für die Preisentwicklung, das schwankungsanfällige Posten ausklammert und damit den zugrunde liegenden Trend zeigt.
- Leitzins: Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld beschaffen können und der die Kreditkosten der Wirtschaft bestimmt.
- Arbeitslosenquote: Anteil der Erwerbspersonen, die keine Beschäftigung haben und Arbeit suchen.
