Anthropic sichert sich höchste Junk-Kreditnote von KBRA
Das KI-Start-up Anthropic erhielt im Juni die Emittentenbewertung BBB+ – die höchste Note im spekulativen Bereich.

Das KI-Start-up Anthropic hat im Juni von der Ratingagentur Kroll Bond Rating Agency (KBRA) eine Emittentenbewertung von BBB+ erhalten. Das berichtet die Financial Times unter Berufung auf ihr vorliegende Dokumente. Es handelt sich um die höchste Note im spekulativen Bereich, auch als „High Yield" oder umgangssprachlich als Junk-Bond-Bereich bekannt. Damit liegt die Bewertung nur eine Stufe unter dem Investment-Grade-Niveau.
Die Ratingentscheidung war bislang nicht öffentlich bekannt. Sie fiel zeitlich zusammen mit der Vorbereitung eines Chip-Finanzierungspakets über 35 Milliarden US-Dollar, das von Apollo angeführt wurde. Für ein Unternehmen, das erst seit fünf Jahren am Markt ist und bislang nur begrenzte Finanzdaten offenlegt, ist die Einstufung eine bemerkenswert starke Bewertung.
Der Hersteller des Sprachmodells Claude rückt damit in Reichweite des Investment-Grade-Status. Ein solcher würde dem Start-up ermöglichen, seine Finanzierungskosten zu senken und auf einen breiteren Pool institutioneller Anleger zuzugehen – darunter Lebensversicherer und Pensionsfonds, die in der Regel nur in Anleihen mit Investment-Grade-Rating investieren dürfen.
Die Details
Von den im Juni abgeschlossenen 35 Milliarden US-Dollar entfielen rund 4,4 Milliarden US-Dollar auf nachrangige Schuldtitel (Junior Debt). Diese Papiere setzen die Kreditgeber direkt dem Kreditrisiko von Anthropic aus. Der verbleibende Teil des Pakets war durch eine Garantie des Halbleiterherstellers Broadcom abgesichert. Der Junior Debt vergab KBRA eine Bewertung von BBB+ mit stabilem Ausblick.
Das Papier wurde damals mit einer Rendite von rund 8,5 Prozent verkauft, während der vorrangige Teil der Schuld (Senior Debt) einen Zinssatz von 5,75 Prozent aufwies. Die Differenz von fast drei Prozentpunkten spiegelt das höhere Ausfallrisiko der nachrangigen Tranche wider.
Grundlage der KBRA-Bewertung waren ausgewählte Finanzinformationen, die Anthropic bereitstellte. Dazu zählten der Umsatz, das bereinigte operative Ergebnis und die annualisierten Run-Rate-Einnahmen im ersten Quartal 2026 sowie eine interne Prognose für die Ergebnisse des zweiten Quartals. Wichtige Kennzahlen wie der freie Cashflow und das Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisation (EBITDA) behielt Anthropic jedoch zurück. Die Analysten mussten daher eigene Schätzungen auf Basis von Annahmen erstellen. Wegen der begrenzten Datenlage erstellte KBRA eine sogenannte „Risikobewertung" (Risk Score), statt traditionelle vollständige Finanzmodelle zu verwenden. Sowohl KBRA als auch Anthropic lehnten eine Kommentierung ab.
KBRA ist im Vergleich zu Moody's, S&P und Fitch eine kleinere Ratingagentur. Sie wird letztlich den Kreditstatus von Anthropic nach dem Börsengang bestimmen. Bankberater von Anthropic und des Konkurrenten OpenAI haben bei den größten Ratingagenturen lobbyiert, um den KI-Labors nach ihrem Börsengang Investment-Grade-Ratings zu verschaffen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 08.05.2026 berichtete aktien.news, dass Anthropic eine massive Finanzierungsrunde plant, die das Unternehmen mit knapp einer Billion Dollar bewerten könnte. Bis zu 50 Milliarden Dollar sollten eingesammelt werden, die angestrebte Pre-Money-Bewertung lag bei rund 900 Milliarden Dollar. Erst im Februar dieses Jahres war Anthropic mit 380 Milliarden Dollar bewertet worden.
Am 13.08.2026 meldete aktien.news unter Berufung auf die Financial Times, dass Anthropic beim geplanten Börsengang im Oktober mit einer Bewertung von 2 Billionen US-Dollar oder mehr debütieren könnte. Eine solche Bewertung würde das Unternehmen an SpaceX vorbeischieben und den größten Börsengang aller Zeiten markieren.
Am 15.09.2026 berichtete aktien.news, dass der IPO möglicherweise bereits Anfang November abgeschlossen werden könnte und rund zwei Billionen Dollar einbringen soll. Amazon und Alphabet halten Minderheitsbeteiligungen an Anthropic, die bei einem Börsengang erheblich an Wert gewinnen könnten. Der annualisierte Umsatz erreichte dem Bericht zufolge im Mai 47 Milliarden Dollar.
Am 19.09.2026 folgte der Hinweis, dass Investoren zunehmend skeptisch sind, ob Anthropic sein außergewöhnliches Wachstumstempo halten kann. Konkurrenz durch OpenAI, preissensible Kunden und grundsätzliche Fragen zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz überschatteten den geplanten IPO. Die annualisierten Umsätze stiegen im Juli auf 65 Milliarden US-Dollar, Unterstützer prognostizierten bis Jahresende mehr als 120 Milliarden US-Dollar.
Was das für Anleger bedeutet
Die Kreditnote ist mehr als eine Formalie. Sie entscheidet darüber, zu welchen Konditionen Anthropic künftig Kapital aufnehmen kann – und damit über die Finanzierbarkeit des geplanten Investitionsprogramms. Das Unternehmen will im nächsten Jahrzehnt mehr als 500 Milliarden US-Dollar in Rechenressourcen und Infrastruktur stecken. Diese Ausgaben gelten als entscheidend für die Fortsetzung des Investitionsbooms, der das Wachstum der US-Aktienmärkte angetrieben hat.
Anthropic teilte Anlegern am Mittwoch in einer Präsentation vor dem IPO mit, dass der Umsatz im dritten Quartal um fast 50 Prozent auf 16,8 Milliarden US-Dollar gestiegen sei. Das Unternehmen sei bereits zwei Quartale in Folge bereinigt profitabel. Allerdings hat sich die Wachstumsrate im Vergleich zum rasanten Tempo zu Beginn des Jahres verlangsamt. Die neuesten Finanzkennzahlen lagen zudem unter den optimistischsten Prognosen der Anleger aus dem Sommer.
Zum Zeitpunkt der Ratingentscheidung ging Anthropic noch von einem Umsatz von 10,9 Milliarden US-Dollar im zweiten Quartal aus. Tatsächlich lag dieser bei 11,5 Milliarden US-Dollar, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen erklärten. Das fünfjährige Unternehmen hatte Ende Juni keine eigenen Schulden auf seiner Bilanz, da es sich zur Finanzierung auf kreditwürdige Geschäftspartner und Zweckgesellschaften (Special Purpose Vehicles) verlassen hatte.
Für deutsche Privatanleger sind die Vorgänge vor allem deshalb relevant, weil sie die Bewertungslogik des gesamten KI-Sektors berühren. Sinkende Finanzierungskosten bei den großen KI-Labors stützen die Investitionspläne – steigende Kosten könnten den Ausbau dagegen bremsen. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Anthropic könnte bis zu 42 Milliarden US-Dollar an konvertiblen Anleihen begeben, die später in Anteile des KI-Labors umgewandelt werden können. Damit sollen die Leasingzahlungen für Halbleiter von Broadcom finanziert werden. Die detaillierten Konditionen dieser Wandelanleihen wurden KBRA nach Angaben der genannten Personen nicht übermittelt.
Banken der Wall Street beginnen bereits damit, ein Deal-Volumen von 60 Milliarden US-Dollar zusammenzustellen, um Anthropic beim Erwerb weiterer maßgeschneiderter KI-Chips zu unterstützen. Diese werden gemeinsam von Google und Broadcom entwickelt. Das neue Schuldpaket würde 18 Milliarden US-Dollar an Junior Debt umfassen, die durch die Mietzahlungen von Anthropic für die Chips gesichert sind.
Kurz erklärt
- Emittentenbewertung: Bonitätsnote, die eine Ratingagentur einem Schuldner als Ganzem zuweist, unabhängig von einzelnen Anleihen.
- Investment Grade: Qualitätsstufe für Anleihen mit vergleichsweise geringem Ausfallrisiko, die vielen institutionellen Anlegern als Mindeststandard dient.
- Junior Debt: Nachrangige Schuldtitel, die im Insolvenzfall erst nach vorrangigen Gläubigern bedient werden und deshalb höhere Zinsen bieten.
- Special Purpose Vehicle: Zweckgesellschaft, die ein Unternehmen gründet, um Finanzierungen außerhalb der eigenen Bilanz abzuwickeln.
- Konvertible Anleihe: Schuldverschreibung, die der Gläubiger später in Aktien des Unternehmens umtauschen kann.
