Amazon verbrennt 42 Milliarden Dollar für KI-Wachstum – ignoriert Wall Street Risiken?
AWS wächst so schnell wie seit fast fünf Jahren nicht mehr, doch der Free Cash Flow von Amazon ist tief negativ.

Amazon hat im dritten Quartal 77,3 Milliarden US-Dollar in Sachanlagen und Betriebsausstattung investiert – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig wuchs die Cloud-Sparte Amazon Web Services (AWS) um 39 Prozent und damit so stark wie seit fast fünf Jahren nicht mehr. Der Preis für dieses Wachstum ist allerdings hoch: Über die vergangenen zwölf Monate summierte sich der Free Cash Flow auf einen Verlust von 42,4 Milliarden US-Dollar.
Diese Zahlen stammen aus einer Analyse des US-Finanzportals The Motley Fool, die am 30. Oktober 2026 veröffentlicht wurde. Der Autor zeigt sich skeptisch, ob die Rechnung für Amazon und seine Cloud-Konkurrenten aufgehen wird. Besonders im Fokus steht die Abhängigkeit von KI-Labors wie Anthropic, die eine wichtige Quelle der aktuellen Nachfrage darstellen.
Die Wall Street scheint diese Risiken bislang weitgehend auszublenden. Während der Konzern Rekordinvestitionen in KI-Infrastruktur stemmt, wächst die Verschuldung deutlich. Für deutsche Anleger, die direkt in Amazon-Aktien oder über breit gestreute US-Tech-Indizes investiert sind, lohnt deshalb ein genauer Blick auf die Zahlen.
Die Details
Im dritten Quartal beliefen sich die Investitionen in Sachanlagen und Betriebsausstattung auf 77,3 Milliarden US-Dollar. Das ist mehr als das Doppelte des Vorjahreszeitraums. Parallel dazu legte AWS um 39 Prozent zu – das beste Wachstum der Cloud-Sparte seit fast fünf Jahren.
Auf der anderen Seite steht eine deutlich gestiegene Verschuldung. Die langfristigen Schulden von Amazon kletterten von 65,6 Milliarden US-Dollar Ende 2025 auf 173,1 Milliarden US-Dollar. Der Free Cash Flow über die vergangenen zwölf Monate belief sich auf einen Verlust von 42,4 Milliarden US-Dollar.
Damit wird deutlich, wie stark Amazon seine Bilanz belastet, um im Rennen um KI-Infrastruktur mithalten zu können. Das Unternehmen investiert in einem Tempo, das den eigenen operativen Mittelzufluss übersteigt. Die Differenz wird über Schulden finanziert.
Bemerkenswert ist das Verhältnis zwischen Wachstum und Kapitalbedarf. Während AWS um 39 Prozent zulegte, stiegen die Investitionen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf mehr als das Doppelte. Amazon muss für sein aktuelles Wachstum also deutlich mehr Kapital einsetzen als in früheren Perioden.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuellen Zahlen sind Teil einer Entwicklung, die sich bereits seit Monaten abzeichnet. Bereits am 06.02.2026 berichtete aktien.news, dass Amazon Web Services im vierten Quartal 2025 einen Umsatz von 35,58 Milliarden Dollar erwirtschaftet und damit die Analystenschätzungen von 34,93 Milliarden Dollar übertroffen hatte. Das entsprach einem Wachstum von fast 24 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, und die Cloud-Sparte machte etwa 17 Prozent des Gesamtumsatzes von Amazon aus. Der operative Gewinn von AWS belief sich auf 12,47 Milliarden Dollar und lag über den Erwartungen von 11,91 Milliarden Dollar.
Am selben Tag, dem 06.02.2026, meldete aktien.news jedoch auch einen Kurssturz: Die Aktien von Amazon brachen im nachbörslichen Handel um rund 10 Prozent ein. Auslöser war die Ankündigung, die Kapitalausgaben für künstliche Intelligenz im Jahr 2026 auf 200 Milliarden Dollar zu erhöhen – eine Steigerung von fast 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr und deutlich über den Erwartungen der Wall Street. Zusätzlich belastete das schwächere Wachstum von AWS im vierten Quartal die Stimmung, da die Sparte langsamer wuchs als die Cloud-Dienste der direkten Konkurrenten Microsoft Azure und Google Cloud.
Am 29.04.2026 berichtete aktien.news, dass Amazon begonnen habe, das Vertrauen der Wall Street zurückzugewinnen. Ausschlaggebend sei eine spürbare Verbesserung des Wachstums im Cloud-Geschäft gewesen. Im Mittelpunkt stand dabei AWS, das besonders davon profitiert, dass Amazon seinen strategischen Fokus und sein Kapital konsequent auf künstliche Intelligenz ausgerichtet hat. Zu den Partnern zählten namhafte KI-Unternehmen wie OpenAI, Anthropic und Meta Platforms.
Am 26.09.2026 folgte der nächste Bericht: Amazon werde in diesem Jahr rund 220 Milliarden US-Dollar in Rechenzentren und KI-Infrastruktur investieren. Das sei eine Summe, die nahezu dem gesamten verfügbaren Cashflow des Konzerns entspreche. Eine Analyse von The Motley Fool kam damals zu dem Ergebnis, dass sich die Investitionen langfristig auszahlen könnten.
Was das für Anleger bedeutet
Die Kombination aus Rekordinvestitionen, negativem Free Cash Flow und stark steigender Verschuldung ergibt für Anleger ein zweischneidiges Bild. Einerseits zeigt das AWS-Wachstum von 39 Prozent, dass die Nachfrage nach Cloud- und KI-Infrastruktur ungebrochen ist. Andererseits finanziert Amazon dieses Wachstum zunehmend über Fremdkapital.
Historisch war AWS die Sparte, die den Großteil der Konzerngewinne beisteuerte. Bereits am 06.02.2026 berichtete aktien.news, dass sich die operative Marge von AWS leicht von 34,6 Prozent im dritten Quartal auf 35 Prozent verbesserte und die Cloud-Sparte den Großteil der Konzerngewinne beiträgt. Diese Rolle macht die Entwicklung der Sparte für die Bewertung des gesamten Konzerns entscheidend.
Der Autor der Motley Fool-Analyse bleibt skeptisch, ob die Rechnung für Amazon und seine Cloud-Konkurrenten aufgehen wird. Seine zentrale Sorge gilt der Nachfrageseite: Sollte das Wachstum bei KI-Labors wie Anthropic nachlassen, könnte ein erheblicher Teil der aktuellen Investitionen auf einer unsicheren Grundlage stehen. Anthropic ist eine wichtige Quelle dieser Nachfrage.
Für deutsche Privatanleger bedeutet das, die Kennzahlen des Konzerns genauer zu verfolgen als in früheren Jahren. Besonders relevant sind die Entwicklung des Free Cash Flow, die Höhe der langfristigen Schulden und das Wachstumstempo von AWS. Diese drei Größen zeigen, ob die Investitionen tatsächlich in Erträge umgewandelt werden können. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Konkrete Termine für die nächsten Quartalszahlen nennt die Quelle nicht. Klar ist jedoch, dass Amazon seine Kapitalausgaben weiter auf hohem Niveau halten will: Bereits am 06.02.2026 hatte das Unternehmen angekündigt, die KI-Investitionen im Jahr 2026 auf 200 Milliarden Dollar zu erhöhen. Der Bericht vom 26.09.2026 nannte für dieses Jahr rund 220 Milliarden US-Dollar für Rechenzentren und KI-Infrastruktur.
Entscheidend für die weitere Entwicklung wird sein, ob das Wachstum bei AWS und bei den KI-Partnern anhält. Der Autor der Analyse verweist ausdrücklich auf die Abhängigkeit von Labors wie Anthropic. Bleibt deren Expansion hinter den Erwartungen zurück, dürfte die Frage nach der Rentabilität der Investitionen erneut auf die Tagesordnung kommen.
Kurz erklärt
- Free Cash Flow: Der frei verfügbare Mittelzufluss eines Unternehmens nach Abzug aller Investitionen.
- Kapitalausgaben (CapEx): Ausgaben für langfristige Vermögenswerte wie Rechenzentren, Gebäude und Ausrüstung.
- AWS: Amazon Web Services, die Cloud-Computing-Sparte von Amazon.
