Salesforce übernimmt Berliner Start-up Contentful für KI-Strategie
Der Berliner Software-Anbieter Contentful geht an den US-Tech-Konzern Salesforce – mit Folgen für Europas digitale Souveränität.

Der Berliner Software-Spezialist Contentful wechselt den Besitzer: Der US-amerikanische Tech-Konzern Salesforce übernimmt das Start-up, wie beide Unternehmen gemeinsam mitteilten. Der Abschluss des Deals ist bis Ende Oktober geplant. Über den Kaufpreis schweigen beide Parteien.
Zuletzt wurde Contentful im Jahr 2021 – im Rahmen einer Finanzierungsrunde – mit mehr als drei Milliarden Dollar bewertet. Ob das Berliner Unternehmen diese Bewertung halten konnte, bleibt offen. Die Bewertungen von Technologiefirmen erreichten im Nullzinsumfeld 2021 ein historisches Rekordniveau, das in den Folgejahren nur wenige Start-ups verteidigen konnten.
Was ist Contentful?
Contentful wurde 2013 von Sascha Konietzke und Paolo Negri in Berlin gegründet. Die beiden Gründer hatten zuvor an einem Content-Management-System speziell für mobile Apps gearbeitet – zu einer Zeit, als die meisten Anbieter noch auf Browserversionen setzten. Aus diesem Projekt entstand schließlich Contentful. „Der heutige Meilenstein ist das Ergebnis von 13 Jahren Teamarbeit, Ausdauer, technischer Innovation, Lachen, Tränen, Inspiration – und vieler wichtiger Erkenntnisse auf dem Weg dorthin", lässt sich Gründer Konietzke zitieren.
Das Kernprodukt des Unternehmens ist eine cloudbasierte Plattform, über die Firmen Texte, Bilder und Produktdaten zentral verwalten und per Schnittstellen an Websites sowie Apps ausspielen können. Anders als bei klassischen Content-Management-Systemen sind Inhalte und Frontend voneinander getrennt – Fachleute sprechen von einem sogenannten „Headless CMS". Entwickler profitieren dabei von maximaler Flexibilität bei der Nutzung der Daten in unterschiedlichsten Anwendungen.
Laut eigenen Angaben zählt Contentful rund 4.800 Kunden, darunter namhafte Konzerne wie die Franchisekette KFC, den Lebensmittelriesen Kraft Heinz und Microsoft. Das Unternehmen fokussiert sich auf Firmenkunden, die im Abomodell für die Lizenz zahlen – ein Ansatz, der sich klar von Wettbewerbern wie WordPress unterscheidet. Zuletzt kommunizierte Contentful im April 2024 einen Jahresumsatz von rund 200 Millionen Dollar. Seit der Gründung flossen insgesamt rund 350 Millionen Dollar in das Start-up. Zu den Investoren zählen unter anderem General Catalyst, Tiger Global sowie der frühere SAP-Venture-Arm Sapphire. Auch ein Investmentvehikel von Salesforce war bereits seit 2018 an Contentful beteiligt.
Contentful als Baustein der Salesforce-KI-Strategie
Salesforce plant, Contentful in seine neue Strategie namens „Headless 360" zu integrieren, die der Konzern erst im vergangenen Monat angekündigt hatte. Ziel ist es, sämtliche Daten, Workflows und Funktionen von Salesforce nicht mehr über Browser-Oberflächen, sondern über Schnittstellen zugänglich zu machen – und damit auch für KI-Agenten steuerbar zu werden. Der US-Konzern positioniert sich damit gezielt für das Zeitalter autonomer KI-Systeme.
Contentful ist dabei nur eine von mehreren Akquisitionen, mit denen Salesforce sein KI-Portfolio ausbaut. Im Februar erwarb der Konzern das auf KI-Tools für den Handel spezialisierte Unternehmen Cimulate. Im vergangenen Jahr zahlte Salesforce rund acht Milliarden Dollar für den Infrastrukturanbieter Informatica. Darüber hinaus hält Salesforce Medienberichten zufolge ein Paket im Wert von rund fünf Milliarden Dollar am KI-Entwickler Anthropic, der sich derzeit auf einen Börsengang vorbereitet.
Gründer Konietzke sieht den Zeitpunkt des Verkaufs als strategisch richtig: „KI-Agenten sind inzwischen im Web zahlreicher vertreten als Menschen und zwingen Unternehmen dazu, ihre digitalen Angebote grundlegend neu zu denken." Contentful sei ideal auf diesen technologischen Wendepunkt ausgerichtet.
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Zur AktienanalyseKritik: Verlust digitaler Souveränität für Europa
Aus der europäischen Tech-Szene kommt jedoch Kritik. Eine bislang rein europäische Plattform, die ihren Firmenkunden digitale Souveränität garantieren sollte, fällt nun unter US-amerikanisches Recht und die Preispolitik von Salesforce. Für europäische Unternehmen, die auf Datenschutz und regulatorische Unabhängigkeit setzen, könnte das ein relevanter Faktor werden.
Contentful hat seinen Ursprung in Berlin und beschäftigt dort nach wie vor das größte Team. Vor rund sechs Jahren gründete das Start-up eine US-Holding, die seitdem als Muttergesellschaft fungiert. Weitere Büros betreibt das Unternehmen in Denver, San Francisco, New York, London und Sydney. Insgesamt arbeiten laut eigenen Angaben 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Contentful. Ob die Marke in ihrer bisherigen Form bestehen bleibt, ließ das Unternehmen offen. CEO Karthik Rau versicherte auf LinkedIn, bestehende Kunden würden weiterhin mit höchster Priorität betreut.


