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Rezessionen vorhersagen: Warum alle Indikatoren versagen

ExxonMobil-Chefökonom Tyler Goodspeed erklärt, warum Zinskurven, Sahm-Regel und Co. bei der Rezessionsprognose regelmäßig scheitern.

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Rezessionen vorhersagen: Warum alle Indikatoren versagen

Rezessionen sind schwer zu definieren – und noch schwerer vorherzusagen. Das ist die zentrale These von Tyler Goodspeed, Chefökonom von ExxonMobil und Autor eines neuen Buches zu diesem Thema. Im Podcast „The Economics Show" der Financial Times erläuterte er, warum selbst die bekanntesten Wirtschaftsindikatoren bei der Rezessionsprognose regelmäßig versagen.

Goodspeed vergleicht Rezessionen mit einem bekannten juristischen Bonmot: schwer zu definieren, aber man erkennt sie, wenn man sie sieht. Doch genau diese intuitive Erkennbarkeit täuscht darüber hinweg, wie schwierig eine verlässliche Vorhersage tatsächlich ist. Ob Zinskurve, Sahm-Regel oder Markov-Switching-Modelle – alle diese Instrumente seien laut Goodspeed „reich an falsch-positiven und falsch-negativen Ergebnissen".

Warum klassische Indikatoren scheitern

Die invertierte Zinskurve gilt in der Finanzwelt als eines der bekanntesten Warnsignale für eine bevorstehende Rezession. Doch Goodspeed widerspricht dieser Einschätzung klar: Zinskurven und andere „typische Instrumente und Indikatoren, von denen wir oft in der Finanzpresse hören", sagten Rezessionen nicht konsistent voraus. Der Grund dafür sei fundamental: „Rezessionen sind grundsätzlich unvorhersehbar", so der Ökonom.

Bemerkenswert ist dabei seine persönliche Ehrlichkeit: Obwohl er ein Buch geschrieben hat, das die Unvorhersehbarkeit von Rezessionen belegt, schaut er selbst weiterhin auf den Sahm-Indikator und die Zinskurve. Er vergleicht dieses Verhalten mit dem Lesen des Horoskops – man glaubt nicht wirklich daran, wirft aber trotzdem einen Blick darauf.

Ein multifaktorieller Ansatz als Alternative

Statt auf einzelne Modelle zu setzen, empfiehlt Goodspeed einen historisch fundierten, multifaktoriellen Ansatz. Dabei geht es darum, die unbedingten Wahrscheinlichkeiten verschiedener Rezessionsursachen zu addieren und dann zu fragen, ob die aktuelle Situation diese Wahrscheinlichkeiten erhöht oder senkt.

Konkret nennt er folgende historische Basiswahrscheinlichkeiten für die USA im vergangenen Jahrhundert:

  • Energiebedingte Rezession: etwa 1 zu 10 pro Jahr
  • Pandemiebedingte Rezession: etwa 1 zu 100 pro Jahr
  • Rezession im Zusammenhang mit Kreditkontrollen: etwa 5 zu 100 pro Jahr

Dieser Ansatz sei „produktiver, als zu versuchen, Modelle zu entwickeln, die das vorhersagen sollen, was fundamental unvorhersehbar ist", so Goodspeed.

Neue Sichtweise auf die Finanzkrise 2008

Besonders aufschlussreich ist Goodspeeds Analyse der globalen Finanzkrise von 2008. Während Subprime-Hypotheken, mangelnde Finanzregulierung und der Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes als Hauptursachen gelten, verweist er auf einen oft übersehenen Faktor: die Energiepreise.

Im Juni 2008 erreichte der inflationsbereinigte Preis für ein Barrel Öl sein Allzeithoch – höher als während des arabischen Ölembargos 1973, der iranischen Revolution 1979 oder der irakischen Invasion in Kuwait 1990. Der durchschnittliche amerikanische Haushalt musste im Sommer 2008 rund 2.000 Dollar mehr für Energie ausgeben als noch wenige Jahre zuvor. Gleichzeitig stiegen die Hypothekenzinsen, weil die Inflation anzog. Diese Kombination aus Energieschock und steigenden Kreditkosten habe die Krise entscheidend mitverursacht.

Goodspeeds Ansatz liefert damit eine wichtige Lektion für Anleger und Ökonomen: Wer Rezessionen verstehen will, sollte nicht auf einen einzigen Indikator vertrauen, sondern den wirtschaftlichen Kontext in seiner ganzen Breite betrachten. Einfache Faustregeln mögen beruhigend wirken – verlässlich sind sie nicht.

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