Ölvorräte schmelzen: Goldman Sachs warnt vor historischem Angebotsschock
Die globalen Ölbestände sinken so schnell wie nie – Goldman Sachs meldet einen Abbau von 8,7 Millionen Barrel täglich im Mai.

Die globalen Rohöl- und Ölproduktbestände schrumpfen in einem beispiellosen Tempo. Laut einer aktuellen Analyse der Goldman-Sachs-Ökonomen Yulia Zhestkova Grigsby und Daan Struyven sind die sichtbaren Lagerbestände im Mai täglich um durchschnittlich 8,7 Millionen Barrel gesunken. Das ist fast doppelt so schnell wie der Durchschnitt seit Beginn des Iran-Kriegs.
Als Hauptursache identifizieren die Analysten die anhaltende Blockade der Straße von Hormus durch Iran und die USA. Die Ölexporte durch die strategisch bedeutende Meerenge liegen weiterhin bei gerade einmal fünf Prozent des normalen Niveaus. „Die Anspannung an den physischen Märkten nimmt weiter zu", schreiben die Goldman-Experten in ihrer Analyse.
Angebotsschock ohne historisches Vorbild
Der Konflikt hat die globalen Energiemärkte in einen Ausnahmezustand versetzt. Die vor der Krise aufgebauten Puffer werden rapide aufgezehrt. Koordinierte Freigaben aus strategischen Reserven mehrerer Regierungen konnten den Preisauftrieb bislang zwar dämpfen, aber nicht stoppen.
IEA-Chef Fatih Birol warnte vergangene Woche vor einer weiteren Beschleunigung des Bestandsabbaus. Selbst bei einem baldigen Kriegsende werde der Markt bis Oktober „stark unterversorgt" bleiben – so die offizielle Einschätzung der Internationalen Energieagentur.
Rund zwei Drittel des Mai-Bestandsabbaus entfallen laut Goldman auf einen Rückgang des sogenannten „Öls auf dem Wasser" – also auf Tanker, die sich aktuell auf See befinden. Besonders auffällig: Die europäischen Flugtreibstoff-Importe liegen 60 Prozent unter dem Durchschnittswert des Jahres 2025.
China und USA unter massivem Druck
In China, dem weltgrößten Rohölimporteur, reagiert die Raffinerieindustrie mit spürbarer Kaufzurückhaltung auf das knappe Angebot. Die Kraftstoffverkäufe brachen im vergangenen Monat um 22 Prozent ein – bedingt durch fehlende Importe, aber auch durch eine schwächelnde Binnenwirtschaft. Das geht aus Goldman-Berechnungen unter Berufung auf hauseigene Ökonomen hervor.
In den USA sind die landesweiten Rohölbestände einschließlich der strategischen Ölreserve in der vergangenen Woche um rekordverdächtige 17,8 Millionen Barrel gefallen. Rekordexporte belasten zunehmend die heimischen Vorräte. Die Bestände am wichtigen Knotenpunkt Cushing in Oklahoma nähern sich den sogenannten Tankböden – dem Niveau, unterhalb dessen eine technische Entnahme kaum noch möglich ist.
Zusätzlichen Nachfragedruck dürfte der bevorstehende Beginn der US-Reisesaison erzeugen. Erfahrungsgemäß zieht dieser Zeitraum die Nachfrage nach Benzin, Diesel und Kerosin deutlich an – ein weiterer Belastungsfaktor für ohnehin angespannte Märkte.
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Zur AktienanalyseBrent bei 106 Dollar – weit über Jahresbeginn, unter Kriegshoch
Brent-Rohöl wurde am Donnerstag bei rund 106 Dollar je Barrel gehandelt. Das entspricht einem Anstieg von mehr als 70 Prozent gegenüber dem Jahresbeginn – liegt aber noch deutlich unter dem bisherigen Kriegshoch von über 126 Dollar.
Seit März haben sich die globalen Lagerbestände im Schnitt täglich um 4,6 Millionen Barrel verringert. Im Jahresvergleich sind die Bestände bislang noch stabil – dank eines „beträchtlichen Puffers", der in den neun Monaten vor Kriegsbeginn aufgebaut worden war. Dieser Puffer schmilzt jedoch in einem Tempo, das Anleger und Marktteilnehmer gleichermaßen alarmiert.


