Medicare übernimmt Adipositas-Medikamente – doch kaum jemand weiß es
Ab sofort können US-Senioren Wegovy & Co. für nur 50 Dollar monatlich beziehen – doch 82 Prozent der Berechtigten sind ahnungslos.

Millionen älterer Amerikaner stehen kurz vor einem historischen Einschnitt in der Gesundheitsversorgung: Das staatliche US-Krankenversicherungsprogramm Medicare übernimmt ab sofort erstmals die Kosten für Adipositas-Medikamente. Über das neue Bridge-Demonstrationsprogramm können anspruchsberechtigte Versicherte Präparate wie Wegovy oder Zepbound für eine monatliche Zuzahlung von lediglich 50 US-Dollar erhalten. Damit endet für viele Senioren eine jahrelange finanzielle Hürde beim Zugang zu den begehrten GLP-1-Medikamenten der Pharmariesen Novo Nordisk und Eli Lilly.
Doch der wegweisende Wandel droht an einem Großteil der Berechtigten unbemerkt vorbeizugehen. Laut einer Umfrage des Obesity Care Advocacy Network, die Ende März unter mehr als 2.100 Erwachsenen ab 65 Jahren durchgeführt wurde, geben erschreckende 82 Prozent aller älteren Amerikaner an, nicht zu wissen, dass Medicare in Kürze mit der Kostenübernahme für Adipositas-Medikamente beginnt. Bemerkenswert: Die Unwissenheit zieht sich quer durch alle politischen Lager – 79 Prozent der Republikaner und 84 Prozent der Demokraten sind gleichermaßen uninformiert.
Bewusst zurückhaltende Kommunikation der Behörden
Die Centers for Medicare & Medicaid Services (CMS) haben im Vorfeld des Programmstarts am 1. Juli bewusst auf eine breite Öffentlichkeitskampagne verzichtet. Ein Behördenvertreter erklärte gegenüber Reportern, dass Versicherte „am ehesten zum Handeln bewegt werden", wenn ihnen eine Leistung tatsächlich zur Verfügung steht. Die CMS kündigte an, nach dem offiziellen Start weitere Werbemaßnahmen einzuleiten – „im Interesse eines verantwortungsvollen Umgangs mit Steuergeldern". Experten ergänzten gegenüber CNBC, dass zunächst sichergestellt werden müsse, dass Anbieter und Apotheken vorbereitet sind und die nötigen Ressourcen bereitstehen.
Auch die Pharmaunternehmen Novo Nordisk und Eli Lilly halten sich bei der Bewerbung des neuen Programms auffällig zurück. Das steht in starkem Kontrast zu den aufwendigen Marketingkampagnen, die beide Konzerne in der Vergangenheit für ihre Adipositas- und Diabetes-Präparate gefahren haben. Novo Nordisk gab in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 fast 500 Millionen US-Dollar für US-Werbung für Wegovy und Ozempic aus – mehr als doppelt so viel wie Eli Lilly, das knapp über 200 Millionen Dollar für die Bewerbung von Zepbound und Mounjaro aufwendete, wie Reuters unter Berufung auf Daten des Werbebeobachters MediaRadar berichtete.
Jamey Millar, Executive Vice President für das US-Geschäft von Novo Nordisk, räumte in einem Interview ein, dass keine klassische Fernsehwerbung für die neue Kostenübernahme geplant ist. Er zeigte sich jedoch überzeugt, dass Patienten durch Ärzte und Apotheken auf das Programm aufmerksam werden. Gezielte Erwähnungen in sozialen Medien und auf der Unternehmenswebsite sollen das Bridge-Programm bewerben. Millar verglich die Dynamik mit der jährlichen Grippeimpfung oder der Gürtelrosen-Impfung für ältere Erwachsene.
Anmeldung ist nicht automatisch – Patienten müssen aktiv werden
Ein wesentlicher Unterschied zur herkömmlichen Arzneimittelabdeckung durch Medicare: Die Anmeldung zum Bridge-Programm erfolgt nicht automatisch. Versicherte müssen aktiv werden, die Voraussetzungen für die Förderfähigkeit erfüllen, ein Rezept einholen und eine Vorabgenehmigung durch die CMS erhalten, bevor die Kostenübernahme greift. Zudem müssen Interessierte in Part D, der Arzneimittelversicherung von Medicare, eingeschrieben sein.
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Zur AktienanalyseNicht alle Medicare-Versicherten werden sich qualifizieren. Ausgeschlossen sind insbesondere Patienten, die bereits über ihren Part-D-Plan eine Kostenübernahme für ein GLP-1-Präparat für eine bereits von Medicare abgedeckte Anwendung erhalten – etwa bei Typ-2-Diabetes, zur Verringerung des kardiovaskulären Risikos oder bei Schlafapnoe. Da das Bridge-Programm direkt von der CMS und nicht über die privaten Part-D-Pläne verwaltet wird, sind private Versicherer nicht verpflichtet, ihre Kunden über die neue Leistung zu informieren.
Experten warnen, dass die mangelnde Bekanntheit dazu führen könnte, dass viele anspruchsberechtigte Senioren die neue Kostenübernahme erst mit erheblicher Verzögerung in Anspruch nehmen. Die Umfrage des Obesity Care Advocacy Network wurde zudem noch vor der Ankündigung der Regierung abgeschlossen, das Bridge-Programm bis 2027 zu verlängern – die tatsächliche Unwissenheit in der Bevölkerung dürfte also noch größer sein. Für Millionen älterer Amerikaner, die bislang keinen Zugang zu den teuren Medikamenten hatten, könnte das Programm dennoch ein entscheidender Wendepunkt sein – sofern sie davon erfahren.


