KPMG Australien unter formeller ASIC-Untersuchung nach Audit-Leak-Skandal
Die australische Wertpapieraufsicht ASIC ermittelt formal gegen drei KPMG-Wirtschaftsprüfer – Kunden und Behörden überprüfen ihre Zusammenarbeit.

Die Australian Securities and Investments Commission (ASIC) hat ihre formelle Untersuchung gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG Australien aufgenommen. Die Aufsichtsbehörde hatte bereits im April mit einer vorläufigen Prüfung begonnen und ist nach dem Rücktritt des CEO sowie des Prüfungschefs der Kanzlei in der vergangenen Woche zu einer formellen Ermittlung übergegangen. Im Mittelpunkt stehen Vorwürfe, dass vertrauliche Vorstandsunterlagen eines Kunden missbräuchlich verwendet wurden.
ASIC-Vorsitzende Sarah Court erklärte am Freitag vor einem Senatsausschuss: „Wir haben unsere formelle Untersuchung Anfang dieser Woche aufgenommen, und ich möchte auch klarstellen, dass wir in diesem Zeitraum mehrere verbindliche Aufforderungen an KPMG gerichtet haben." Court nannte drei registrierte Wirtschaftsprüfer, die derzeit im Fokus der Ermittlungen stehen, betonte jedoch, dass die Zahl der Betroffenen noch steigen könnte: „Ich weiß also nicht, ob es dabei bleiben wird." KPMG selbst lehnte eine Stellungnahme ab.
Whistleblower-Vorwürfe als Ausgangspunkt
Der Skandal nahm im März 2026 seinen Lauf, als Senatorin Deborah O'Neill von der regierenden australischen Labor-Partei dem Parlament Vorwürfe eines Whistleblowers über Fehlverhalten bei KPMG mitteilte. Konkret sollen vertrauliche Vorstandsunterlagen des Immobilienunternehmens Lendlease verwendet worden sein, um Angebote für große Prüfungsausschreibungen der Großbank Westpac und des Immobilienunternehmens Dexus zu unterstützen. Dies stellt einen schwerwiegenden Verstoß gegen die Grundsätze der Unabhängigkeit und Vertraulichkeit dar, die für Wirtschaftsprüfer bindend sind.
KPMG hatte zunächst eine interne Untersuchung der Vorwürfe durchgeführt, konnte jedoch kein Fehlverhalten nachweisen. Inzwischen hat das Unternehmen die Anwaltskanzlei Allens mit einer neuen externen Untersuchung beauftragt. Court identifizierte die KPMG-Partner Paul Rogers und Eileen Hoggett als zwei der drei Wirtschaftsprüfer, gegen die ermittelt wird. Der Whistleblower hatte das Duo als leitende Partner des Lendlease-Prüfungsteams benannt. Den Namen des dritten Partners nannte Court nicht öffentlich.
Hoggett war zuletzt als Chief Operating Officer bei KPMG tätig, trat jedoch laut einer Mitteilung des Unternehmens vom Mittwoch von dieser operativen Rolle zurück. Als Prüfungspartnerin bleibt sie dem Vernehmen nach weiterhin tätig. Court äußerte „tiefe Bedenken" hinsichtlich des mutmaßlichen Fehlverhaltens, wies jedoch auf eine rechtliche Einschränkung hin: Aufgrund der Partnerschaftsstruktur des Unternehmens habe ASIC keine Befugnis, Maßnahmen gegen die Kanzlei als Ganzes zu ergreifen – nur gegen einzelne Wirtschaftsprüfer.
Kunden und Behörden überprüfen ihre Verträge
Der Skandal zieht bereits erste praktische Konsequenzen nach sich. Das Immobilienunternehmen Dexus erklärte, dass der Jahresabschluss 2026 nicht von Hoggett unterzeichnet werde. „Wir nehmen diese Angelegenheit ernst und setzen uns dafür ein, die Integrität und Unabhängigkeit unserer externen Prüfungsvereinbarungen zu gewährleisten", sagte ein Sprecher des Unternehmens. Auch der Pensionsfonds REST, der mit einem Volumen von rund 105 Milliarden australischen Dollar KPMG als internen Revisor und Steuerberater nutzt, forderte von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Klarheit über den Skandal.
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Zur AktienanalyseSelbst staatliche Institutionen reagieren. ASIC-CEO Scott Gregson verlangte von KPMG Zusicherungen, dass keine mit dem Skandal in Verbindung stehenden Partner an den eigenen laufenden Verträgen der Behörde mit der Kanzlei beteiligt seien. Die Gouverneurin der australischen Zentralbank, Michele Bullock, erklärte am Donnerstag, dass KPMG einen Whistleblower-Dienst für die Reserve Bank of Australia im Rahmen eines Vertrags betrieben habe, der jährlich 10.000 australische Dollar kostete. „Ich glaube nicht, dass wir sie erneut mit dem Whistleblower-Dienst beauftragen werden", sagte Bullock in einer Anhörung vor einem Senatsausschuss. Ein weiterer Vertrag mit KPMG über die Vermittlung von Personalrekrutierungen aus dem Ausland werde ebenfalls neu ausgeschrieben.
Parallelen zum PwC-Skandal von 2023
Die Entwicklungen erinnern stark an den PwC-Skandal, der Australien vor drei Jahren erschütterte. Damals hatte der KPMG-Konkurrent PwC Australia vertrauliche Regierungsinformationen an potenzielle Kunden weitergegeben. Der Skandal veranlasste zahlreiche Kunden aus dem öffentlichen und privaten Sektor, ihre Beziehungen zu PwC einzufrieren. Nun gibt es Anzeichen dafür, dass einige KPMG-Kunden ähnlich reagieren könnten. Für die gesamte Branche der sogenannten „Big Four" – zu denen neben KPMG und PwC auch Deloitte und EY zählen – stellt die Häufung solcher Skandale eine ernsthafte Vertrauenskrise dar, die Regulatoren weltweit aufmerksam verfolgen.


