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KI im Finanzwesen: Welche Kompetenzen junge Experten brauchen

Business Schools und Arbeitgeber ringen darum, wie die nächste Generation von Finanzexperten im KI-Zeitalter ausgebildet werden soll.

KI im Finanzwesen: Welche Kompetenzen junge Experten brauchen

Die Künstliche Intelligenz verändert die Finanzbranche in einem rasanten Tempo – und stellt Ausbildungsstätten sowie Arbeitgeber vor grundlegende Fragen. Was früher stundenlange Arbeit bedeutete, erledigt KI heute in Minuten. „Heute können wir die Zusammenfassung eines Earnings Calls innerhalb einer Minute nach dessen Ende liefern", sagt Lily Li, Leiterin für KI-Einführung und -Lösungen beim Asset-Manager Franklin Templeton. Neben der Bewältigung der Arbeitslast während der Berichtssaison hilft KI Finanzexperten bei Aufgaben, die von der Portfoliokonstruktion bis hin zur maßgeschneiderten Gestaltung von Bankdienstleistungen reichen.

Die Technologie analysiert dabei auch unstrukturierte Daten wie E-Mails, Textnachrichten und Voicemails. Doch während die Fähigkeiten der Technologie offensichtlich sind, stellt sich für Business Schools eine entscheidende Frage: Welche Kompetenzen benötigt die nächste Generation von Finanzexperten, um im Zeitalter der KI erfolgreich zu sein? „Niemand weiß genau, wohin die Reise geht", sagt Alina Rosu, Finanzprofessorin an der HEC Paris und Co-Direktorin des dortigen Masterstudiengangs in International Finance.

Erheblicher Fachkräftemangel in der Branche

Aktuelle Daten belegen, wie groß die Kompetenzlücke bereits ist. Laut einer Erhebung der Bank of England aus dem Jahr 2024 sehen 81 Prozent der befragten Unternehmen im britischen Finanzdienstleistungssektor den mangelnden Zugang zu Talenten und Fachkräften als Hindernis für die Einführung von KI. Eine EY-Umfrage unter europäischen Finanzdienstleistern, die im Dezember 2024 veröffentlicht wurde, zeigt ein ähnliches Bild: 78 Prozent der Befragten glaubten, ihren Mitarbeitern fehle es an ausgeprägten Fähigkeiten im Bereich der generativen KI – doch nur 25 Prozent hatten entsprechende Schulungsprogramme etabliert.

Ein Bericht der britischen Financial Services Skills Commission (FSSC) stufte die Wahrscheinlichkeit, mit der Arbeitsplätze von KI-Fortschritten betroffen sein werden, sektorübergreifend ein. Das Ergebnis: Finanzdienstleistungen rangierten dabei an der Spitze – noch vor der IT-Branche. Als Reaktion darauf erweitern Business Schools ihre Finanzstudiengänge gezielt um neue Inhalte. An der HEC Paris müssen Finanzstudierende beispielsweise mindestens eines der Wahlfächer zum Thema „KI & Finanzen" belegen.

Technisches Verständnis als Pflicht – aber kein Programmiertalent nötig

Die FSSC hat 13 Kompetenzbereiche identifiziert, die für den Erfolg des Sektors entscheidend sind, darunter Softwareentwicklung, digitale Kompetenz, Datenanalyse und maschinelles Lernen. Professorin Rosu betont dabei: „Man muss kein Programmiergenie sein. Aber man muss verstehen, was die Technologie tut." Technisches Wissen sei vor allem deshalb wichtig, weil es Finanzexperten ermögliche, KI-Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.

James Dow, Finanzprofessor an der London Business School, warnt ausdrücklich vor blindem Vertrauen in KI-Systeme. „KI ist noch in einem Stadium, in dem viele ihrer Ergebnisse unzuverlässig sind", sagt er. „Selbst wenn sie nicht halluziniert, ist sie durchaus in der Lage, oberflächliche Analysen zu erstellen." Lukas Gonon, Assistenzprofessor für KI im Finanzwesen an der Universität St. Gallen, ergänzt: „Sie müssen lernen, sich nicht zu sehr auf die KI zu verlassen und stets ihr eigenes Urteilsvermögen einzusetzen, um die Ergebnisse zu bewerten."

Die Universität St. Gallen bietet bereits einen Kurs mit dem Titel „Fit for Artificial Intelligence in Finance" an, der untersucht, wie Deep Learning und generative KI im gesamten Sektor eingesetzt werden – vom Privatkundengeschäft über die Absicherung von Derivaten bis hin zum algorithmischen Handel.

Menschliches Urteilsvermögen bleibt der entscheidende Vorteil

Neben technischen Fähigkeiten rücken sogenannte Soft Skills zunehmend in den Fokus. Khadeeja Bassier, Chief Operating Officer beim Asset-Manager Ninety One, bringt es auf den Punkt: „Dies ist eine Branche, die historisch gesehen mit Informationen gehandelt hat. Aber wir bewegen uns hin zu einem System, in dem das Urteilsvermögen der menschliche Vorsprung ist."

Die FSSC teilt diese Einschätzung. Sechs der 13 von dem Beratungsgremium als wünschenswert hervorgehobenen Fähigkeiten sind explizit menschliche Soft Skills: kreatives Denken, Coaching, Empathie, Anpassungsfähigkeit, Beziehungsmanagement und Teamarbeit. Bassier sieht die Gefahr, sich ausschließlich auf technisches Wissen zu konzentrieren – auf Kosten zwischenmenschlicher Fähigkeiten. „Es geht weniger um isolierte analytische Schlagkraft als vielmehr darum, die Zusammenhänge zu erkennen und zu finden, wo der digitale Fußabdruck auf die reale Welt trifft", sagt sie.

Für Rosu an der HEC Paris bedeutet das: Finanzgrundlagen bleiben unverzichtbar. „Die Finanzgrundlagen zu kennen, wird weiterhin entscheidend sein", sagt sie. „Nur dann kann man die KI im Wesentlichen herausfordern und sie darauf ausrichten, bessere Antworten zu geben." Die Botschaft an die nächste Generation von Finanzexperten ist damit klar: Wer im KI-Zeitalter bestehen will, braucht sowohl technisches Verständnis als auch ausgeprägte menschliche Kompetenzen – und vor allem die Fähigkeit, beides miteinander zu verbinden.

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