Kevin Warsh als Fed-Chef: Was seine eigenen Worte verraten
Der designierte Fed-Vorsitzende Kevin Warsh hat klare Positionen zu Inflation, Bilanzabbau und Forward Guidance formuliert – mit weitreichenden Konsequenzen.

Kevin Warsh ist seit 2011 einer der schärfsten Kritiker der US-Notenbank Federal Reserve. Nun übernimmt er deren Führung – und seine eigenen Aussagen aus der Bestätigungsanhörung im vergangenen Monat geben einen deutlichen Hinweis darauf, welchen Kurs er einschlagen will. Für Anleger und Märkte weltweit sind seine Positionen von erheblicher Bedeutung.
In seiner schriftlichen Stellungnahme vor dem Kongress formulierte Warsh unmissverständlich: „Inflation ist eine Entscheidung, und die Fed muss die Verantwortung dafür übernehmen." Mündlich gegenüber den Abgeordneten war er noch direkter: „Inflation ist die Entscheidung der Fed." Diese Aussage erinnert an die berühmte These des Ökonomen Milton Friedman, wonach „Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen ist." Warsh sieht den Inflationsschub nach der Pandemie als vermeidbare Folge eines Fehlers der Fed.
Damit stellt er sich gegen die unter Ökonomen verbreitete Sichtweise, dass die globale Inflation nach der Pandemie vor allem aus unterbrochenen Lieferketten und aufgestauter Konsumnachfrage resultierte. Warsh lehnte diese Erklärung ab und sagte den Abgeordneten: „Ich denke, Inflation entsteht, wenn die Regierung zu viel druckt – womit ich meine, dass die Zentralbank und im weitesten Sinne der Staat zu viel ausgibt."
Billanz der Fed und Staatsausgaben im Fokus
Ein zentrales Anliegen von Warsh ist der Abbau der Fed-Bilanz, die derzeit rund 7 Billionen US-Dollar umfasst. Er argumentiert, dass die Fed durch die Ausweitung ihrer Bilanz während der Finanzkrise – und das Beibehalten dieser Größe weit über die Krise hinaus – staatliche Mehrausgaben erst ermöglicht habe. Im Rahmen eines von ihm angestrebten „Regimewechsels" bei der Zentralbank will er diese Bilanz deutlich reduzieren.
Ob Warsh auch auf geringere Staatsausgaben drängen wird, bleibt offen. Fed-Vorsitzende halten sich traditionell mit konkreten fiskalpolitischen Empfehlungen zurück, warnen aber regelmäßig allgemein vor dem nicht nachhaltigen Verschuldungspfad der US-Regierung.
Besonders auffällig ist Warshs ablehnende Haltung gegenüber der sogenannten Forward Guidance – der Praxis, den Finanzmärkten die geldpolitischen Absichten im Voraus mitzuteilen. „Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen aus Vergangenheit und Gegenwart glaube ich nicht an Forward Guidance", sagte er. „Ich glaube nicht, dass ich Ihnen eine Vorschau auf eine künftige Entscheidung geben sollte." Diese Haltung könnte tiefgreifende Auswirkungen auf die Kommunikation der Fed haben.
Streit um Zinspfad und Unabhängigkeit
Warsh tritt sein Amt inmitten einer internen Debatte über die Formulierungen in den Fed-Erklärungen an. Viele Entscheidungsträger sprachen sich im April dafür aus, die Erklärung so umzuformulieren, dass die Fed Zinsen ebenso leicht anheben wie senken könnte. Warsh könnte zudem die vierteljährlichen Wirtschaftsprognosen der Fed abschaffen wollen, die Vorhersagen der Mitglieder zu Konjunktur und Zinspfad enthalten.
Warsh betonte auch, dass er dem Kongress gegenüber keine Versprechen zu Zinsentscheidungen gemacht habe: „Der Präsident hat mich in keinem unserer Gespräche gebeten, eine Zinsentscheidung im Voraus festzulegen." Gleichzeitig unterstrich er, dass Fehler schnell korrigiert werden müssten – eine Aussage, die in den kommenden Monaten genau beobachtet werden dürfte.
Angesichts erneut steigender Inflation – bedingt durch höhere Ölpreise und zollgetriebenen Preisdruck – könnte Warsh vor einem Dilemma stehen. Eine Zinserhöhung zur Inflationsbekämpfung würde ihn in Konflikt mit Präsident Donald Trump bringen, der Warsh in der Erwartung sinkender Zinsen nominiert hatte.
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Zur AktienanalyseOffene Fragen und auffällige Schweigsamkeit
Mehrere wichtige Themen ließ Warsh in seiner Anhörung bewusst oder unbewusst offen. Er äußerte sich nicht dazu, ob er den aktuellen Leitzins für zu hoch oder falsch kalibriert hält. Er bekräftigte das 2-Prozent-Inflationsziel der Fed nicht ausdrücklich – ob er ein anderes oder gar kein numerisches Ziel bevorzugt, bleibt unklar.
Auch zur zweiten Säule des Fed-Mandats, der Vollbeschäftigung, äußerte er sich kaum. Ebenso schwieg er zu Trumps Versuch, Fed-Gouverneurin Lisa Cook abzusetzen – ein Fall, der nun vor dem Obersten Gerichtshof liegt und den bisherigen Fed-Chef Jerome Powell als den wichtigsten Rechtsfall in der Geschichte der Fed bezeichnet hat.
Warshs Haltung zur Präzision von Wirtschaftsdaten gibt ebenfalls Rätsel auf. „In der Wirtschaftswissenschaft müssen wir uns auf die Stelle links vom Komma konzentrieren, nicht auf die rechts vom Komma", sagte er. Wörtlich genommen könnte das bedeuten, dass er keinen wesentlichen Unterschied zwischen einer Inflation von 3,3 Prozent und 3,8 Prozent sieht – oder dass das Erreichen von 2,9 Prozent genauso gut wäre wie das exakte 2-Prozent-Ziel.


