Japanische Aktien: Bewertungsunterschiede eröffnen neue Chancen beim Stock-Picking
Eastspring-Analysten sehen den japanischen Markt nicht mehr breit unterbewertet und setzen auf bewertungsdisziplinierte Einzelaktienauswahl.

Der japanische Aktienmarkt steht vor einem Wandel. Nach Einschätzung von Ivailo Dikov, Leiter japanische Aktien bei Eastspring Singapore, und dem Kunden-Portfolio-Manager James Ying tritt der Markt in eine Phase ein, die aktives Stock Picking belohnt und das bloße Nachlaufen der Rallye bestraft. In einem aktuellen Bericht argumentieren die beiden Autoren, dass der Markt nicht mehr so breit unterbewertet sei wie zuvor.
Zugleich betonen sie, dass die Bewertungen im Kontext verbesserter Profitabilität, Kapitalproduktivität und Unternehmensführung zu betrachten seien. Die reine Marktbewertung verschleiere eine breite Streuung innerhalb des japanischen Aktienmarktes. Diese Streuung ist das zentrale Argument des Berichts: Während einige Aktien aus den Bereichen künstliche Intelligenz und Technologie reich bewertet seien, böten weniger geschätzte Bereiche weiterhin attraktive Chancen.
Für Anleger unterstreicht dies nach Ansicht der Autoren die Bedeutung einer bewertungsdisziplinierten Herangehensweise und der bottom-up-Aktienauswahl. Der Bericht fällt in eine Phase, in der der japanische Markt ohnehin unter Druck steht: Im frühen Handel lagen japanische Aktien nach nächtlichen Verlusten an den US-Technologiebörsen im Minus, belastet von anhaltenden Bedenken hinsichtlich höherer Energiekosten.
Die Details
Der Bericht von Eastspring Singapore wurde um 02:35 Uhr GMT veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt notierte der japanische Leitindex Nikkei mit 2% bei 61.640,41 Punkten. Die Autoren Ivailo Dikov und James Ying vertreten darin die Auffassung, dass der Markt nicht mehr so breit unterbewertet ist wie in früheren Phasen. Die Bewertung müsse vielmehr im Zusammenhang mit der verbesserten Profitabilität, der Kapitalproduktivität und der Unternehmensführung der japanischen Unternehmen gesehen werden.
Ein zweiter Marktbericht aus dem frühen Handel um 00:12 Uhr GMT zeichnet ein anderes Bild der aktuellen Lage. Danach lagen japanische Aktien im frühen Handel im Minus, nachdem es an den US-Technologiebörsen in der Nacht Verluste gegeben hatte. Als Grund nannte der Bericht weiter bestehende Bedenken hinsichtlich höherer Energiekosten. Halbleiter- und Bankaktien führten die Verkäufe an.
Konkret verlor der Halbleiterspezialist Kioxia Holdings 9,2%. Die Bankaktie Mizuho Financial Group fiel um 5,6%. Der Dollar stand bei 156,32 Yen, nach 157,19 Yen zum Schluss des Tokioter Aktienmarktes am Donnerstag. Anleger beobachteten die Rohölpreise sowie die Entwicklungen in der Ukraine und im Nahen Osten sorgfältig, hieß es in dem Bericht. Der Nikkei-Index lag zu diesem Zeitpunkt mit 2,2% bei 61.518,38 Punkten.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die jüngste Einschätzung von Eastspring Singapore reiht sich in eine Serie von Berichten über den japanischen Aktienmarkt ein. Bereits am 04.06.2026 berichtete aktien.news, dass die britische Großbank Barclays Japan als den Markt mit dem besten KI-Value in Asien einstuft. Barclays-Stratege Ajay Rajadhyaksha schrieb damals: „Der beste KI-Value könnte sich in Tokio verbergen." Der japanische Markt war zu diesem Zeitpunkt mit einem Plus von rund 32 Prozent im laufenden Jahr hinter den Märkten Südkoreas und Taiwans zurückgeblieben. Als entscheidenden Vorteil nannte Barclays die breite Sektordiversifizierung Japans, während Südkorea und Taiwan stark von einer Handvoll Chiphersteller dominiert würden.
Am 03.07.2026 meldete aktien.news einen Rückgang des Nikkei. Der Leitindex notierte damals im frühen Handel mit einem Minus von 1,0 Prozent bei 68.065,34 Punkten. Als Hauptbelastungsfaktoren nannte der Bericht die anhaltende Unsicherheit rund um den Nahostkonflikt sowie schwache US-Arbeitsmarktdaten. Besonders Elektronik- und Technologiewerte standen unter Verkaufsdruck. Zu den größten Verlierern zählte der Halbleiterspezialist Kioxia Holdings mit rund 7,0 Prozent Minus sowie der Technologie- und Investmentkonzern SoftBank Group mit einem Rückgang von 4,6 Prozent.
Am 10.08.2026 berichtete aktien.news über eine zweigeteilte Entwicklung an den asiatischen Märkten. Während die Aktienmärkte von einer Erholung an der Wall Street profitierten, gerieten die regionalen Währungen unter Druck. Auslöser waren schwache US-Arbeitsmarktdaten, die die Erwartungen für eine Zinserhöhung der US-Notenbank Federal Reserve im September deutlich dämpften. Die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinsanhebung im September sank laut Marktanalysen von zuvor rund 64 bis 67 Prozent auf etwa 43 bis 44 Prozent.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die in japanische Aktien investiert sind oder ein Investment erwägen, enthält der Bericht von Eastspring Singapore mehrere Hinweise. Die zentrale Botschaft lautet, dass der japanische Markt nicht mehr pauschal als unterbewertet gelten kann. Wer in der Vergangenheit auf eine breite Marktrallye gesetzt hat, könnte damit in einer Phase, die aktives Stock Picking belohnt, weniger erfolgreich sein.
Stattdessen kommt es nach Einschätzung der Autoren auf eine bewertungsdisziplinierte Herangehensweise und die Auswahl einzelner Unternehmen von unten nach oben an. Die breite Streuung innerhalb des Marktes bedeutet, dass sich die Bewertungen einzelner Sektoren und Titel erheblich unterscheiden. Während einige KI- und Technologieaktien bereits reich bewertet sind, gibt es in weniger beachteten Bereichen weiterhin Chancen.
Zugleich zeigt der frühe Handel, dass der Markt kurzfristig anfällig bleibt. Die Verluste an den US-Technologiebörsen, die Bedenken wegen höherer Energiekosten sowie die Entwicklung der Rohölpreise und die Lage in der Ukraine und im Nahen Osten wirken auf die Kurse. Halbleiter- und Bankaktien standen zuletzt besonders unter Verkaufsdruck. Anleger sollten daher sowohl die Bewertungsebene als auch das makroökonomische Umfeld im Blick behalten. Dies ist keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung.
Ausblick
Der Bericht von Eastspring Singapore nennt keine konkreten Termine oder Prognosen für den weiteren Verlauf des japanischen Aktienmarktes. Die Autoren erwarten jedoch, dass die Phase, in der aktives Stock Picking belohnt wird, anhält und dass die Bewertungsunterschiede innerhalb des Marktes bestehen bleiben. Anleger beobachten nach Angaben des Marktberichts weiterhin die Rohölpreise sowie die Entwicklungen in der Ukraine und im Nahen Osten. Diese Faktoren dürften kurzfristig die Stimmung an den japanischen Börsen bestimmen. Der Nikkei notierte zuletzt bei 61.640,41 Punkten.
Kurz erklärt
- Stock Picking: Die gezielte Auswahl einzelner Aktien durch einen Anleger oder Fondsmanager, statt einen ganzen Markt oder Index zu kaufen.
- Bottom-up-Aktienauswahl: Ein Ansatz, bei dem die Analyse einzelner Unternehmen im Mittelpunkt steht und nicht die allgemeine Markt- oder Konjunkturlage.
- Bewertungsdispersion: Das Auseinanderdriften der Bewertungen einzelner Aktien oder Sektoren innerhalb eines Marktes.
- Kapitalproduktivität: Ein Maß dafür, wie effizient ein Unternehmen eingesetztes Kapital in Erträge umwandelt.
