G24 warnt: Schuldenlast wird zur großen Barriere für Entwicklungsländer
Der G24-Vorsitzende Taiwo Oyedele sieht in der wachsenden Schuldenlast eine große Barriere für inklusives Wachstum in Entwicklungsländern.

Die wachsende Schuldenlast vieler Entwicklungsländer entwickelt sich zunehmend zu einem Bremsklotz für die wirtschaftliche Entwicklung. Der Vorsitzende der Gruppe der 24 Nationen (G24), Taiwo Oyedele, warnte am Dienstag in Bangkok vor einer "großen Barriere" für inklusives Wachstum. Anlässlich der Jahrestagungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank sagte der nigerianische Finanzminister und koordinierende Wirtschaftsminister, die Regierungen der Mitgliedsländer sähen sich mit wachsenden Schuldenlasten konfrontiert.
Oyedele verwies auf Schätzungen, wonach Entwicklungsländer rund 500 Milliarden US-Dollar mehr für ihre Schulden zahlten als Industrieländer. Gleichzeitig kämpften die Volkswirtschaften mit wachsenden Haushaltsdefiziten. "Was wir bei den Mitgliedern der G24 und insbesondere in den Entwicklungsländern wie denen in Afrika beobachten, ist nicht nur eine zunehmende Höhe der Schulden, sondern auch steigende Schuldendienstkosten", sagte Oyedele vor Reportern.
Die Warnung fällt in eine Phase, in der stark verschuldete Entwicklungsländer unter enormem Druck stehen. Belastet werden sie durch Versorgungsschocks infolge des andauernden Krieges im Nahen Osten, steigende Lebensmittelpreise aufgrund eines "Super-El-Niño"-Phänomens und explodierende Kreditkosten. "Diese Entwicklungen beeinträchtigen den Fortschritt der Schwellenmärkte und Entwicklungsländer auf dem Weg zu einer inklusiven und arbeitsplatzreichen wirtschaftlichen Transformation", so Oyedele.
Die Details
Die G24 ist ein Zusammenschluss von Schwellen- und Entwicklungsländern, die ihre Interessen in der internationalen Finanzarchitektur vertreten. Ihre Mitglieder forderten den IWF und die Weltbank auf, gefährdeten Ländern kurzfristig zugänglichere und günstigere konzessionäre Finanzierungsangebote bereitzustellen. Zugleich bemühen sich die Länder nach den Worten Oyedeles, privates Kapital zu mobilisieren und die öffentlichen Ausgaben zu senken.
Iyabo Masha, Direktorin des G24-Sekretariats, machte den Mechanismus hinter der Schuldenfalle deutlich: "Schulden bremsen das Wachstum, weil Länder dann nicht über ausreichende Ressourcen verfügen, um weiteres Wachstum zu finanzieren, oder sie verwenden den Großteil ihrer Ressourcen lediglich zur Tilgung der Schulden." Masha äußerte sich jedoch zuversichtlich, dass die jüngsten Verbesserungen der Architektur für souveräne Schulden den Ländern helfen sollten, Schuldenkrisen schneller zu bewältigen.
Als konkretes Beispiel nannte Masha Senegal. Das westafrikanische Land befinde sich "ziemlich nah" an einer endgültigen Einigung mit seinen Gläubigern. Reuters hatte in der vergangenen Woche berichtet, dass Senegal bis Dezember eine Grundsatzvereinbarung mit seinen offiziellen Kreditgebern und Anleihegläubigern anstrebt. Hintergrund ist eine fehlerhaft gemeldete Schuldenlast, die Analysten auf 13 Milliarden US-Dollar schätzten – zwei Jahre, nachdem die Problematik bekannt geworden war.
Neben der Schuldenproblematik rückte Masha ein zweites Risiko in den Fokus: die rasante Einführung künstlicher Intelligenz (KI). Entwicklungsländer drohten, bei dieser Entwicklung abgehängt zu werden. Der IWF hatte seine Wachstumsprognosen für Lateinamerika und die Karibik für dieses und das kommende Jahr bereits am Dienstag nach unten korrigiert. Zur Begründung hieß es, die meisten Regionen der Region würden kaum vom KI-Boom profitieren, der anderen Volkswirtschaften geholfen habe, die Energieschocks aus dem Krieg im Nahen Osten zu absorbieren.
Masha formulierte die Sorge deutlich: "Es ist besorgniserregend, dass (KI) die digitale Kluft vertiefen wird." Für Länder, die bestimmte Entwicklungsstufen noch nicht erreicht hätten, beginne es quasi bei Null. Von der Rolle der KI würden sie vorerst kaum profitieren. "Vielleicht könnten sie, wenn sie einen guten Zugang zu Elektrizität haben, Investitionen in Rechenzentren und ähnliches tätigen. Doch ohne solche Infrastruktur würde es einige Zeit dauern, bis sie davon profitieren könnten", sagte Masha am Rande der Pressekonferenz der G24.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Warnungen der G24 fügen sich in eine Reihe von Appellen, die aktien.news in den vergangenen Wochen dokumentiert hat. Bereits am 02.10.2026 berichtete aktien.news, dass das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) vor den Folgen sich überschneidender Krisen für Entwicklungsländer warnte. Steigende Energiekosten, ein Super-El-Niño-Ereignis und explodierende Kreditkosten erhöhten den Druck zusehends, hieß es damals. UNDP-Administrator Alexander De Croo warnte gegenüber Reportern in Washington vor einem möglichen "Dominoeffekt", bei dem viele Länder in finanzielle Not geraten. Anlass der Warnung waren die jährlichen Treffen von IWF und Weltbank, die vom 12. bis 18. Oktober in Bangkok stattfinden.
Am 07.10.2026 berichtete aktien.news über die Warnung der IWF-Direktorin Kristalina Georgieva vor einem doppelten Risiko für die Weltwirtschaft. Der Fortschritt bei künstlicher Intelligenz befeuere Investitionen und Wachstum, doch zugleich setzten explodierende Energiekosten und rekordhohe öffentliche Schulden die ohnehin "enttäuschend niedrige" Wachstumsdynamik dieses Jahrzehnts unter Druck. Bei einer Veranstaltung in Singapur sagte Georgieva, KI werde "schnell zu einem entscheidenden Treiber für das relative Wohlstandsniveau der Länder in der Weltwirtschaft".
Am 10.10.2026 meldete aktien.news, dass US-Finanzminister Scott Bessent die Jahrestagungen von IWF und Weltbank in Bangkok nicht besuchen wird. Als Grund nannte das Finanzministerium inländische Verpflichtungen, ohne diese näher zu spezifizieren. Die US-Delegation wird stattdessen vom stellvertretenden Finanzminister Francis Brooke sowie der Staatssekretärin für internationale Angelegenheiten, Erin Browne, geleitet.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger sind die Entwicklungen über mehrere Kanäle relevant. Steigende Schuldendienstkosten in Schwellen- und Entwicklungsländern erhöhen das Ausfallrisiko von Staatsanleihen und können die Kurse entsprechender Emerging-Market-Fonds belasten. Zugleich wirken höhere Kreditkosten dämpfend auf das Wachstum und damit auf die Gewinnaussichten von Unternehmen, die in diesen Märkten engagiert sind.
Die Forderung der G24 nach günstigerer konzessionärer Finanzierung und die Hoffnung auf eine verbesserte Architektur für souveräne Schulden könnten dagegen mittelfristig für Entlastung sorgen. Der Fall Senegal zeigt, dass Umschuldungsprozesse inzwischen schneller vorankommen können. Anleger mit Engagements in afrikanischen oder lateinamerikanischen Anleihen sollten die angekündigten Vereinbarungen daher aufmerksam verfolgen.
Ein zweiter Faktor ist die KI-Dynamik. Wenn ganze Regionen vom KI-Boom abgekoppelt bleiben, verschieben sich langfristig die Wachstumsperspektiven zwischen den Wirtschaftsräumen. Der IWF hat seine Prognosen für Lateinamerika und die Karibik bereits nach unten korrigiert – ein Signal, dass sich die Schere zwischen profitierenden und nicht profitierenden Volkswirtschaften weiter öffnen könnte.
Ausblick
Konkrete Termine ergeben sich aus dem Quelltext nur wenige. Senegal strebt nach dem Reuters-Bericht bis Dezember eine Grundsatzvereinbarung mit seinen offiziellen Kreditgebern und Anleihegläubigern an. Die G24-Mitglieder wollen ihre Forderungen nach günstigerer Finanzierung gegenüber IWF und Weltbank aufrechterhalten und parallel privates Kapital mobilisieren sowie öffentliche Ausgaben senken. Die Jahrestagungen von IWF und Weltbank in Bangkok, auf deren Rand die Äußerungen fielen, dauern bis zum 18. Oktober.
Kurz erklärt
- Konzessionäre Finanzierung: Kredite zu besonders günstigen Bedingungen, die vor allem ärmeren Ländern zugutekommen sollen.
- Schuldendienst: die laufenden Zahlungen eines Landes für Zinsen und Tilgung seiner Schulden.
- Souveräne Schulden: Verbindlichkeiten eines Staates gegenüber ausländischen Gläubigern und Anleiheinvestoren.
