Ex-BOJ-Chef Kuroda befürwortet weitere Zinserhöhungen, sein Stellvertreter mahnt zur Vorsicht
Der frühere Notenbankchef unterstützt den Kurs seines Nachfolgers, während sein Ex-Stellvertreter vor voreiligen Schritten warnt.

Der frühere Chef der Bank of Japan (BOJ), Haruhiko Kuroda, befürwortet in einem neuen Buch weitere Zinserhöhungen. Die japanische Notenbank werde wahrscheinlich bei jeder kommenden Sitzung eine Anhebung in Betracht ziehen. Mit dieser Haltung unterstützt Kuroda den aktuellen Vorstoß seines Nachfolgers, eine Dekade extrem lockerer Geldpolitik zu beenden. Die Nachricht stammt aus Tokio und wurde am 27. Oktober veröffentlicht.
Kurodas Position steht in deutlichem Gegensatz zu der Einschätzung seines ehemaligen Stellvertreters Masazumi Wakatabe. Dessen im September veröffentlichtes Buch warnt vor voreiligen Zinserhöhungen. Wakatabe fordert die politischen Entscheidungsträger auf, sich weiterhin auf die Ankurbelung der Nachfrage zu konzentrieren. Damit vertreten zwei ehemalige Spitzenvertreter derselben Institution gegensätzliche Auffassungen über den künftigen geldpolitischen Kurs.
Die Äußerungen offenbaren eine Divergenz in der politikbezogenen Denkweise. Kuroda steht an der geldpolitischen Säule der reflationistischen Ausrichtung, während Wakatabe für eine vorsichtigere Gangart plädiert. Für Beobachter der japanischen Geldpolitik ist dieser Gegensatz bemerkenswert, da beide Männer über Jahre hinweg die Geschicke der Notenbank mitbestimmt haben.
Die Details
Im Mittelpunkt der aktuellen Debatte steht die Frage, wie schnell die BOJ ihre jahrelang ultra-lockere Geldpolitik zurückfahren soll. Kuroda zufolge wird die Notenbank bei jeder anstehenden Sitzung eine Zinserhöhung prüfen. Er unterstützt damit ausdrücklich den Kurs seines Nachfolgers, der die extrem expansive Ausrichtung der vergangenen Dekade beenden will.
Wakatabe hingegen warnt in seinem im September erschienenen Buch vor überstürzten Schritten. Er rät den Entscheidungsträgern, den Fokus weiterhin auf die Stärkung der Nachfrage zu legen. Die beiden Positionen markieren die Spannbreite innerhalb des ehemaligen Führungspersonals der japanischen Zentralbank.
Die Divergenz ist auch deshalb relevant, weil sie die grundsätzliche Richtungsdebatte in der japanischen Geldpolitik widerspiegelt. Auf der einen Seite steht die Überzeugung, dass die Zeit für eine Normalisierung der Zinsen gekommen ist. Auf der anderen Seite steht die Sorge, dass zu frühe Erhöhungen die wirtschaftliche Erholung abwürgen könnten.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Diskussion fällt in eine Phase, in der die japanische Geldpolitik ohnehin im Umbruch ist. Bereits am 6. Oktober 2026 berichtete aktien.news, dass BOJ-Gouverneur Kazuo Ueda deutliche Signale für eine straffere Geldpolitik gesendet habe. Ueda erklärte in Tokio, es werde „wichtiger als zuvor", die Kerninflation um das 2%-Ziel der Zentralbank zu verankern. Damit erhöhte er den Druck auf die Märkte und bereitete Anleger auf weitere Zinserhöhungen vor.
Am 16. Oktober 2026 berichtete aktien.news, dass Japans Kerninflation einer Reuters-Umfrage zufolge erstmals seit Dezember wieder über die Zielmarke der BOJ steuern dürfte. 15 befragte Ökonomen erwarteten für September einen Anstieg des landesweiten Kernverbraucherpreisindex (CPI) um 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im August hatte die Teuerungsrate noch bei 1,7 Prozent gelegen. Parallel wuchs der Druck aus Washington: Erin Browne, Unterstaatssekretärin im US-Finanzministerium, erklärte am Rande der IWF- und Weltbank-Tagung in Bangkok, Japan habe das deflationäre Umfeld hinter sich gelassen, das das Land über ein Jahrzehnt geprägt habe.
Am 20. Oktober 2026 meldete aktien.news, dass die BOJ ihre Inflationsprognose für das nächste Geschäftsjahr anheben könnte. Als Grund nannten vier mit der Denkweise der Zentralbank vertraute Quellen gegenüber Reuters die steigenden Ölpreise, die länger als erwartet Preisdruck auf die japanische Wirtschaft ausüben. Nachdem die Notenbank die Zinssätze im vergangenen Monat bereits angehoben hatte, wurde erwartet, dass sie diese bei der zweitägigen Politiktagung, die am 30. Oktober endet, unverändert lässt – es sei denn, der Yen setzt seinen Abwärtstrend fort, was die Importkosten und die allgemeine Inflation in die Höhe treiben würde.
Erst am 26. Oktober 2026 berichtete aktien.news, dass die BOJ bei ihrer am Freitag endenden zweitägigen Sitzung voraussichtlich den Sieg in einem fast 14 Jahre dauernden Kampf um die Erreichung ihres 2%-Inflationsziels verkünden werde. Zugleich dürfte die Notenbank auf die Risiken hinweisen, dass die Preise über das Ziel hinausschießen könnten. Damit signalisierte sie die Möglichkeit einer Zinserhöhung bereits im Dezember. Solche hawkischen Formulierungen dürften die Erwartungen verstärken, dass die BOJ, die US-Notenbank Federal Reserve und die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen bis Ende des Jahres anheben werden.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die japanische Geldpolitik vor allem über den Yen und die globalen Kapitalströme relevant. Eine straffere Politik der BOJ kann den Yen stützen und damit die Attraktivität japanischer Anlagen verändern. Zugleich beeinflusst sie die Erwartungen an andere große Notenbanken.
Die Divergenz zwischen Kuroda und Wakatabe zeigt, dass innerhalb der japanischen Geldpolitik keine einheitliche Meinung über das Tempo der Normalisierung besteht. Anleger sollten daher die Kommunikation der Notenbank und die kommenden Sitzungen genau verfolgen. Die im Quelltext genannten Signale deuten darauf hin, dass die BOJ ihren Kurs schrittweise straffen könnte.
Wichtig ist der Hinweis, dass die hier genannten Aussagen aus Büchern ehemaliger Notenbankvertreter stammen. Sie geben deren persönliche Einschätzung wieder und sind nicht mit offiziellen Beschlüssen der aktuellen Notenbankführung gleichzusetzen.
Ausblick
Im Quelltext und den Archiv-Auszügen werden mehrere konkrete Termine genannt. Die BOJ hält am 30. Oktober ihre zweitägige geldpolitische Sitzung ab, bei der auch neue vierteljährliche Wachstums- und Inflationsprognosen veröffentlicht werden. Diese Prognosen werden von Marktteilnehmern weltweit genau auf Hinweise für den Zeitpunkt der nächsten Zinserhöhung untersucht.
Nach Einschätzung vom 26. Oktober 2026 könnte die Notenbank die Möglichkeit einer Zinserhöhung bereits im Dezember signalisieren. Ob es dazu kommt, hängt unter anderem davon ab, ob der Yen seinen Abwärtstrend fortsetzt, der die Importkosten und die allgemeine Inflation in die Höhe treiben würde.
Kurz erklärt
- Reflationistische Geldpolitik: Eine Strategie, die eine Volkswirtschaft mit expansiven Maßnahmen aus einer Phase niedriger Inflation oder Deflation führen soll.
- Kerninflation: Ein Preisindex, der schwankungsanfällige Komponenten ausklammert, um den grundlegenden Preistrend abzubilden.
- Hawkisch: Eine geldpolitische Haltung, die auf straffere Zinsen und die Bekämpfung der Inflation ausgerichtet ist.
