Citi rechnet 2027 mit deutlich höheren europäischen Gaspreisen
Die US-Bank Citi erwartet wegen der Risiken im Nahen Osten steigende europäische Gaspreise und nennt Szenarien bis 154 Euro pro Megawattstunde.

Die US-Großbank Citi rechnet damit, dass die europäischen Gaspreise im Jahr 2027 deutlich steigen werden. Als treibende Kraft nennt das Institut die anhaltenden Risiken im Nahen Osten, die zu Preisanstiegen am europäischen Gasmarkt führen könnten. Im Zentrum der Analyse steht der niederländische Referenzkontrakt TTF, der als Benchmark für den europäischen Erdgashandel gilt.
Konkret schätzt Citi, dass die Benchmark-Preise für den niederländischen TTF-Winter 2026/27 auf 85 Euro pro Megawattstunde (MWh) steigen könnten, falls der Konflikt eskaliert, die Verflüssigungsanlagen jedoch unbeschadet bleiben. In einem schwereren Szenario, in dem LNG-Anlagen getroffen und außer Betrieb genommen würden, hält die Bank sogar einen Anstieg auf rund 154 Euro pro MWh für möglich. Beide Varianten sind Risikoszenarien, keine sicheren Prognosen.
Unter Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit beider Szenarien veranschlagt Citi ein gewichtetes Preisniveau von etwa 103 Euro pro MWh in einem Eskalationsszenario. Zum Zeitpunkt der Analyse lag der Preis bei rund 95 Euro pro MWh. Ohne eine Eskalation könnten die Preise stattdessen in einem Bereich von 60 bis 70 Euro pro MWh handeln.
Citi beziffert das Eskalationsszenario mit bis zu 154 Euro pro Megawattstunde
Citi erklärte, dass die Preise über die Winterverträge 2026/27 sowie die Verträge für 2027 und 2028 hinweg ähnliche Wahrscheinlichkeiten einer Eskalation widerzuspiegeln schienen. Hinzu komme eine grobe Chance von 25 Prozent, dass Verflüssigungsanlagen getroffen werden. Die Bank bezweifelte allerdings, ob der Markt das Risiko einer Beschädigung der Infrastruktur korrekt einschätzt. Als Argument führte sie die sich verbessernden Beziehungen zwischen dem Iran und Katar an. Gleichzeitig warnte Citi, dass die Entwicklungen im Konflikt weiterhin unberechenbar blieben.
Die TTF-Preise für das Kalenderjahr 2028 steigen binnen drei Monaten um rund 60 Prozent
Citi hob zudem den starken Anstieg bei europäischem Gas mit längerer Laufzeit hervor. Die TTF-Preise für das Kalenderjahr 2028 sind in den vergangenen drei Monaten um rund 60 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung ist für Verträge mit so weit in die Zukunft reichenden Lieferdaten ungewöhnlich. Sie hat die Preise nahe an die Niveaus gebracht, die nach Ausbruch des Russisch-Ukrainischen Krieges im Jahr 2022 zu sehen waren.
Die Bank sagte, dass die Märkte möglicherweise die Möglichkeit einpreisen, dass LNG-Verflüssigungsanlagen beschädigt werden und monatelang oder sogar jahrelang offline bleiben. Zusätzlich vermutet Citi eine gewisse Short-Covering-Situation, also den Rückkauf von Leerverkaufspositionen, der Preise nach oben treiben kann.
Am Henry Hub sieht Citi höheres risikobereinigtes Aufwärtspotenzial als beim TTF
Unterdessen sieht Citi ein höheres risikobereinigtes Aufwärtspotenzial bei den US-amerikanischen Benchmark-Gaspreisen am Henry Hub als beim europäischen TTF. Dies gelte, falls schwere Witterungsbedingungen oder ein Polarwirbel eintreten. Die Winterpreise am Henry Hub sind stark gefallen. Gleichzeitig gehört die spekulative Positionierung bei Managed-Money-Investoren zu den kürzesten Levels seit Anfang 2020.
Diplomatische Bemühungen und die israelischen Wahlen bleiben wichtige Faktoren
Diplomatische Bemühungen unter Beteiligung von Katar, Saudi-Arabien und China bleiben wichtige Faktoren, die die Aussichten beeinflussen könnten. Auch die Entwicklungen im Umfeld der israelischen Wahlen nennt Citi als relevanten Einflussfaktor. Für den europäischen Gasmarkt hängt damit viel davon ab, wie sich die geopolitische Lage im Nahen Osten weiterentwickelt.
Bereits am 06.10.2026 berichtete aktien.news von angehobenen Gaspreisprognosen der UBS
Der aktuelle Befund von Citi reiht sich in eine Serie früherer Berichte von aktien.news ein. Bereits am 06.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Schweizer Großbank UBS ihre Preisprognosen für europäisches Erdgas bis 2027 nach oben korrigiert hatte. Damals legte der niederländische Referenzkontrakt TTF um 3 Prozent auf 75,74 Euro pro Megawattstunde zu. Als Hauptgründe nannte die UBS anhaltende Störungen bei den LNG-Exporten aus der Golfregion sowie im Vergleich zu historischen Durchschnittswerten weiterhin knappe Gasspeicherstände in der Europäischen Union.
Am 21.10.2026 meldete aktien.news, dass die europäischen Erdgaspreise die Marke von 90 Euro pro Megawattstunde überschritten hatten und damit ein Niveau erreichten, das zuletzt im Dezember 2022 gesehen wurde. Der richtungsweisende TTF-Future notierte in jüngsten Handelssitzungen bei 90,16 Euro pro MWh. Damit hatten sich die Kosten im Vergleich zum Niveau vor dem Iran-Krieg verdreifacht.
Auch die Ölmarkt-Einschätzungen von Citi aus dem Jahr 2026 gehören in diesen Zusammenhang. Am 20.05.2026 berichtete aktien.news, dass Citi kurzfristig einen Anstieg des Brent-Rohölpreises auf 120 US-Dollar pro Barrel erwartete und in einem Bull-Case-Szenario bis zu 150 US-Dollar pro Barrel für möglich hielt. Am 09.05.2026 hatte aktien.news gemeldet, dass Citi vor weiter steigenden Ölpreisen bei anhaltend schwierigen Gesprächen zwischen den USA und dem Iran gewarnt hatte.
Für deutsche Privatanleger bleibt der Gaspreis ein wichtiger Kosten- und Inflationsfaktor
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung der europäischen Gaspreise von unmittelbarer Bedeutung. Höhere Großhandelspreise können sich mittelfristig in den Heizkosten und in der Inflation niederschlagen. Die von aktien.news am 21.10.2026 beschriebene Sorge von Politik, Zentralbanken und Industrie vor einer erneuten Energiekrise zeigt, wie eng der Gaspreis mit der gesamtwirtschaftlichen Lage verknüpft ist.
Citi liefert in der aktuellen Analyse ausdrücklich keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung, sondern beschreibt Szenarien und deren Wahrscheinlichkeiten. Anleger sollten beachten, dass die genannten Preisniveaus an Bedingungen geknüpft sind: 85 Euro pro MWh gelten nur bei einer Eskalation ohne Schäden an Verflüssigungsanlagen, 154 Euro pro MWh nur bei getroffenen und stillgelegten LNG-Anlagen. Ohne Eskalation nennt die Bank einen Bereich von 60 bis 70 Euro pro MWh.
Citi nennt keine konkreten Termine, verweist aber auf laufende diplomatische Bemühungen
Konkrete Termine für eine Neubewertung nennt Citi in der Analyse nicht. Die Bank verweist vielmehr auf laufende diplomatische Bemühungen unter Beteiligung von Katar, Saudi-Arabien und China sowie auf die Entwicklungen im Umfeld der israelischen Wahlen. Diese Faktoren könnten die Aussichten für den Gasmarkt verändern.
Beobachtenswert bleibt aus Sicht der Bank die Preisentwicklung bei den länger laufenden TTF-Kontrakten bis 2028. Deren Anstieg um rund 60 Prozent binnen drei Monaten deutet darauf hin, dass der Markt längerfristige Versorgungsrisiken einpreist. Ob diese Einschätzung gerechtfertigt ist, hängt davon ab, ob Verflüssigungsanlagen tatsächlich beschädigt werden – ein Risiko, dessen Bewertung Citi selbst anzweifelt.
Diese Fachbegriffe sollten Anleger kennen
- TTF: niederländischer Referenzpreis für Erdgas im Großhandel, an dem sich viele europäische Gasgeschäfte orientieren.
- LNG: verflüssigtes Erdgas, das per Schiff transportiert und in Verflüssigungsanlagen erzeugt wird.
- Henry Hub: US-amerikanischer Referenzpreis für Erdgas, der als Benchmark für den amerikanischen Markt gilt.
