Chrystia Freelands Fahrplan für den Umgang mit Trump
Kanadas Ex-Vizepremierministerin Freeland schildert in ihrem Buch, wie Demokratien Trumps räuberischer Politik widerstehen können.

Chrystia Freeland, Kanadas ehemalige stellvertretende Premierministerin und Finanzministerin, hat ein Buch vorgelegt, das mehr ist als persönliche Erinnerungen: „Unreliable Boyfriend: An Insider's View of Dealing with a Chaotic Superpower, Plutocrats and Other Complicated People" ist zugleich politischer Fahrplan und Zeugnis einer zerbrochenen Partnerschaft. Erschienen bei Simon & Schuster für 25 Pfund beziehungsweise 30 US-Dollar auf 416 Seiten, richtet sich das Werk an alle, die verstehen wollen, wie Demokratien mit einem unberechenbaren Amerika umgehen können.
Für viele Kanadier haben die unbegründeten, einseitigen und unberechenbar angewandten Zölle von US-Präsident Donald Trump in Verbindung mit Drohungen gegen die kanadische Souveränität eine langjährige Partnerschaft dauerhaft verändert. Diese Partnerschaft war zuvor so eng, dass sie nie eine Bezeichnung wie „Special Relationship" benötigte. Es war bis Trump Tradition, dass der erste Auslandsbesuch eines neuen US-Präsidenten nach Kanada führte – ein Symbolakt, der die besondere Nähe beider Länder unterstrich.
Freeland scheut sich nicht, Namen zu nennen und pikante Anekdoten zu teilen. Ihr Kernbotschaft im Umgang mit Trump lautet: „Fangen Sie keinen Streit an, aber weichen Sie auch keinem aus." Diese Haltung zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch.
Die Details
Freelands Lebensweg ist alles andere als gewöhnlich. Das Buch zeichnet ihren Weg von einer Kleinstadt in Kanada nach Harvard und dann als Rhodes-Stipendiatin an die Universität Oxford nach. Als Studentin verbrachte sie Zeit in der Ukraine, kurz vor der ukrainischen Unabhängigkeit im Jahr 1991, und erfuhr später, dass der KGB eine Akte über sie führte. Sie arbeitete in Russland während des turbulenten Übergangs, der sogenannten „Wildwest-Phase", als Oligarchen den Reichtum des Landes an sich rissen.
Nach ihrer Tätigkeit als Journalistin für mehrere große Medienhäuser – darunter die Financial Times – bekleidete Freeland einige der höchsten Ämter in der kanadischen Regierung: Ministerin für internationalen Handel, Außenministerin und schließlich Finanzministerin. Im Dezember 2024 trat sie als stellvertretende Premierministerin zurück und leitete damit einen Generationswechsel an der Spitze der kanadischen Politik ein.
Als Finanzministerin integrierte sie ihre eigenen Erkenntnisse über russische Oligarchen und amerikanische Plutokraten in ihre Arbeit, um die andernorts gemachten Fehler nicht zu wiederholen. Handelsexperten werden die Details der verschiedenen Verhandlungen zwischen Kanada und den USA sowie zwischen Kanada und der EU besonders schätzen.
Freeland beschreibt die aktuelle Weltlage mit klaren Worten: „Wir leben in einer Zeit von drei großen Kämpfen: Der Kampf zwischen Demokratie und Diktatur, der Kampf zwischen dem Volk und den Plutokraten und der Kampf zwischen globalen Allianzen und räuberischem Isolationismus."
Im abschließenden Teil des Buches bietet sie einen konkreten Fahrplan für Kanada und seine Verbündeten an. Das Konzept nennt sie – gemeinsam mit anderen – „Friendshoring": Gleichgesinnte Länder sollen Handels- und Sicherheitsbeziehungen eng miteinander verflechten. Friendshoring würde sicherstellen, dass die Werte der Nachkriegszeit überleben – Werte, die weitgehend von den USA geprägt wurden, auch wenn die USA kein Interesse mehr daran haben, sich an sie zu halten.
Freeland verweist auf zwei konkrete Beispiele für Trumps selbstschädigende Politik: Dank Trumps Vorgehen hat der Iran die Straße von Hormus instrumentalisiert, und China hat seine Dominanz bei der Produktion Seltener Erden als Waffe eingesetzt – nachdem Trump China mit Zöllen von über 100 Prozent gedroht hatte. In beiden Fällen rückte Trump von seiner ursprünglichen Alles-oder-Nichts-Haltung ab, was andere Länder registriert haben.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die im Buch beschriebenen Entwicklungen spiegeln eine Dynamik wider, die aktien.news bereits mehrfach dokumentiert hat. Bereits am 20. Januar 2026 berichtete aktien.news, dass der kanadische Premierminister Mark Carney eine neue globale Handelsstrategie forciert, die Kanada unabhängiger von den USA machen soll – mit Fokus auf engere Zusammenarbeit mit China und bilateralen Abkommen. Carney hatte die Wahlen mit dem Versprechen gewonnen, neue Wirtschaftsallianzen zu schmieden, um Kanadas wirtschaftliche Sicherheit angesichts von US-Zöllen und Annexionsdrohungen zu gewährleisten.
Am 19. September 2026 beleuchtete aktien.news die wirtschaftliche Verwundbarkeit Kanadas: Die kanadische Wirtschaft beträgt nur ein Dreizehntel der amerikanischen und ist für rund 70 Prozent seiner Warenexporte auf US-Verbraucher angewiesen. Trump hatte Kanada zudem wiederholt als „51. Bundesstaat" bezeichnet und die territoriale Integrität des Landes herabgewürdigt. Dennoch hat Premierminister Carney dem Druck standgehalten.
Ebenfalls am 17. September 2026 berichtete aktien.news, dass Carney vor dem Europäischen Parlament in Straßburg für eine historisch enge Partnerschaft mit der EU warb – einschließlich eines assoziierten Mitgliedsstatus für Kanada. Trump hatte diesen Vorstoß als „lächerlich" bezeichnet und mit Zöllen gedroht. Carney konterte: „Kanada und Europa sind jeweils stark. Europa und Kanada sind zusammen stärker."
Am 6. Juli 2026 hatte aktien.news zudem eine Rezension des Buches „How to Win a Trade War" veröffentlicht und darauf hingewiesen, dass laut Umfragen 72 Prozent der amerikanischen Wähler Trumps Zölle als schädlich für die Wirtschaft betrachten – ein Kontext, der Freelands Analyse zusätzlich untermauert.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger liefert Freelands Buch wichtige Einordnungen zur geopolitischen Lage, die direkte Auswirkungen auf Handelsströme und Investitionsklima haben. Das Konzept des „Friendshoring" – also die Verlagerung von Lieferketten hin zu politisch verlässlichen Partnern – gewinnt in der Investmentwelt zunehmend an Bedeutung. Unternehmen, die stark von US-amerikanischen Lieferketten oder dem US-Markt abhängig sind, stehen vor strukturellen Herausforderungen.
Die von Freeland beschriebene Instrumentalisierung Seltener Erden durch China sowie die Nutzung der Straße von Hormus durch den Iran zeigen, wie geopolitische Spannungen konkrete Rohstoff- und Energiemärkte beeinflussen können. Anleger, die in entsprechende Sektoren investiert sind, sollten diese Entwicklungen im Blick behalten. Freelands Kernthese – dass sich viele Länder zu lange zu sehr auf den Sicherheits- und Wirtschaftsschirm der USA verlassen haben – ist auch für die Bewertung europäischer Verteidigungsausgaben und Infrastrukturinvestitionen relevant.
Ausblick
Freeland argumentiert, dass Länder langfristig sicherstellen müssen, notfalls auf sich allein gestellt sein zu können. In der heutigen multipolaren, sich schnell entwickelnden und technologiegestützten Welt reichen einseitige Abhängigkeiten schlichtweg nicht mehr aus. Diejenigen, die von den Maßnahmen Chinas und des Irans negativ betroffen sind, entwickeln laut Freeland bereits effektive Umgehungslösungen – auch wenn es Jahre dauern kann, bis diese Früchte tragen.
Langfristig, so Freelands Einschätzung, werden viele Länder – einschließlich Kanada – Trump möglicherweise dafür danken, dass er sie aus ihrer Lethargie wachgerüttelt hat. Sie konzentrieren sich nun darauf, ihre eigene Verteidigung und Widerstandsfähigkeit gegen künftige Schocks wiederaufzubauen. Konkrete Termine oder Meilensteine für das Friendshoring-Konzept nennt das Buch nicht; die Umsetzung wird als langfristiger Prozess beschrieben.
Kurz erklärt
- Friendshoring: Strategie, bei der Länder ihre Handels- und Lieferkettenbeziehungen bevorzugt mit politisch gleichgesinnten Partnern aufbauen, um Abhängigkeiten von unzuverlässigen Akteuren zu reduzieren.
- Plutokraten: Bezeichnung für eine herrschende Klasse, deren Macht primär auf großem Reichtum basiert, nicht auf demokratischer Legitimation.
- Seltene Erden: Gruppe von Metallen, die für die Produktion von Hochtechnologieprodukten wie Batterien, Elektromotoren und Elektronik unverzichtbar sind und deren Förderung global stark konzentriert ist.
