Banken und Gesundheitskonzerne zahlen Software-Entwicklern mehr als Tech-Firmen
Laut Randstad zahlen Nicht-Tech-Arbeitgeber bis zu 17 Prozent mehr für Software-Ingenieure – KI-Nachfrage und Tech-Entlassungen verschieben den Talentmarkt.

Banken, Gesundheitsunternehmen und andere Nicht-Tech-Arbeitgeber zahlen Software-Ingenieuren inzwischen höhere Gehälter als klassische Technologiekonzerne. Das geht aus neuen Forschungsergebnissen des Personalvermittlungsriesen Randstad hervor. Treiber sind eine stark steigende Nachfrage nach KI-Kompetenzen und eine anhaltende Entlassungswelle im Technologiesektor, die den Talentmarkt neu ordnet.
Konkret zahlen Unternehmen aus dem Gesundheits- und Life-Science-Bereich bis zu 17 Prozent mehr für Software-Ingenieure als Technologieunternehmen. Der Bankensektor bietet nach den Randstad-Daten 13 Prozent mehr. Damit hat sich das traditionelle Gehaltsgefälle zwischen Tech- und Nicht-Tech-Branchen in Teilen umgekehrt.
Für die Untersuchung befragte Randstad 1.100 Geschäfts- und Technologieträger in elf Ländern, darunter die USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Japan. Zusätzlich griff die Studie auf 20 Millionen Stellenanzeigen und rund 100 Millionen Kandidatenprofile zurück. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Software-Talente außerhalb der Tech-Branche zunehmend umworben werden.
Die Details
Ein zentraler Befund der Studie: Die Zahl der Stellenanzeigen, die KI-Kompetenzen erfordern, hat sich im vergangenen Jahr verfünffacht. Dieser sprunghafte Anstieg erklärt, warum Branchen außerhalb der klassischen Softwareindustrie bereit sind, höhere Gehälter zu zahlen. Banken und Gesundheitsunternehmen konkurrieren damit direkt mit Tech-Firmen um dieselben Fachkräfte.
Gleichzeitig profitieren Nicht-Tech-Arbeitgeber von der Entlassungswelle in der Technologiebranche. 55 Prozent der befragten Nicht-Tech-Organisationen gaben an, Mitarbeiter einzustellen, die nach Entlassungen im Technologiesektor freigesetzt wurden. Der Personalabbau in der Tech-Industrie wirkt damit als Ventil für andere Branchen.
Die Dimension dieser Entlassungen ist erheblich. US-amerikanische Technologieunternehmen haben in den ersten neun Monaten von 2026 insgesamt 165.925 Stellenabbau bekannt gegeben. Das ist ein Anstieg um 54 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2025, wie Daten der Beratungsagentur Challenger, Gray & Christmas vom 1. Oktober zeigen.
Auch einzelne Konzerne haben zuletzt große Einschnitte gemeldet. Microsoft hat kürzlich mitgeteilt, dass es freiwillige Abfindungen an 60.000 Mitarbeiter anbietet. Im Juni sagte Oracle, seine Belegschaft sei innerhalb eines Jahres um 21.000 geschrumpft. Meta begann im Mai mit Entlassungen, die 10 Prozent seiner Belegschaft oder etwa 8.000 Arbeitsplätze betrafen. Im Februar legte das Zahlungsunternehmen Block von Jack Dorsey mehr als 4.000 Mitarbeiter frei, was fast der Hälfte seiner Belegschaft entspricht.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Entwicklung ist Teil einer längeren Verschiebung am Arbeitsmarkt, die aktien.news bereits mehrfach beleuchtet hat. Bereits am 25.07.2026 berichtete aktien.news, dass US-Technologieunternehmen seit Beginn des Jahres 2026 fast 140.000 Stellen abgebaut haben – und zwar obwohl die Ausgaben für Künstliche Intelligenz Rekordhöhen erreichen. Mehr als ein Drittel aller angekündigten US-Stellenstreichungen entfiel demnach auf den Technologiesektor; allein auf Amazon, Oracle, Meta und Microsoft entfielen fast 50.000 dieser Kürzungen, rund 6 Prozent ihrer gesamten Belegschaft.
Schon am 25.04.2026 hatte aktien.news über eine weitere Entlassungswelle berichtet: Meta plante den Abbau von 10 Prozent seiner Belegschaft, Microsoft von 7 Prozent seiner Mitarbeiter. Das Analysehaus Wolfe Research gab damals jedoch Entwarnung für den breiteren US-Arbeitsmarkt. Analyst Chris Senyek erklärte, der Markt befinde sich in einem Umfeld von „no hire, no fire".
Auch die Perspektive des Personalvermittlers Randstad ist nicht neu. Bereits am 20.05.2026 berichtete aktien.news, dass Randstad-CEO Sander van't Noordende jungen Menschen ausdrücklich den Karriereweg im Handwerk empfahl. Als Grund nannte er massive Lohnzuwächse in handwerklichen Berufen: In den USA stiegen die Löhne im Handwerk um 30 Prozent, in den Niederlanden um 21 Prozent, in Deutschland um 18 Prozent und im Vereinigten Königreich um 9 Prozent.
Ergänzend hatte aktien.news am 09.02.2026 über eine Einschätzung von Morgan Stanley berichtet. Die Investmentbank identifizierte nach einem deutlichen Kursrückgang bei Software-Unternehmen neun KI-Software-Aktien mit Kaufchance. Analyst Keith Weiss verwies darauf, dass die Bewertungsmultiplikatoren im Software-Sektor seit Oktober 2024 um rund 33 Prozent gefallen seien; der durchschnittliche Software-Multiplikator liege nun bei etwa 4,4x EV/Sales.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger liefert die Randstad-Studie mehrere Anhaltspunkte. Erstens zeigt der Gehaltsvorsprung von Banken und Gesundheitsunternehmen, dass KI-Kompetenzen inzwischen branchenübergreifend knapp sind. Unternehmen außerhalb der Tech-Branche müssen tiefer in die Tasche greifen, um Software-Talente zu gewinnen – ein Kostenfaktor, der sich in Personalbudgets niederschlagen kann.
Zweitens verschiebt sich der Wettbewerb um Talente. Wenn 55 Prozent der Nicht-Tech-Organisationen Fachkräfte aus dem Technologiesektor abwerben, verändert das die Wachstumsdynamik beider Lager. Tech-Konzerne, die Stellen streichen, verlieren Know-how an Branchen wie das Gesundheitswesen oder den Finanzsektor.
Drittens bleibt die Bewertungsfrage im Software-Sektor relevant. Die von Morgan Stanley im Februar genannten gefallenen Multiplikatoren zeigen, dass der Markt Software-Unternehmen bereits vorsichtiger bewertet. Anleger sollten diese Zusammenhänge bei der Einschätzung von Tech- und Nicht-Tech-Werten berücksichtigen, ohne daraus eine pauschale Kauf- oder Verkaufsentscheidung abzuleiten.
Ausblick
Die Randstad-Studie liefert keine konkreten Prognosen für einzelne Quartale. Sie zeigt jedoch eine klare Richtung: Die Nachfrage nach KI-Kompetenzen hat sich im vergangenen Jahr verfünffacht, und 55 Prozent der befragten Nicht-Tech-Organisationen stellen bereits Tech-Fachkräfte ein. Solange die Entlassungswelle im Technologiesektor anhält, dürften Banken und Gesundheitsunternehmen weiterhin von einem größeren Angebot an Software-Talenten profitieren.
Auf der anderen Seite steht die Einschätzung von Wolfe Research aus dem April, wonach sich der breitere US-Arbeitsmarkt in einem Umfeld von „no hire, no fire" befindet. Ob sich diese Entspannung bestätigt, hängt auch davon ab, wie sich die Stellenstreichungen bei Microsoft, Oracle, Meta und Block weiterentwickeln. Konkrete neue Termine oder Zielvorgaben nennt der Quelltext nicht.
Kurz erklärt
- Software-Ingenieur: Fachkraft, die Software entwickelt, testet und wartet.
- KI-Kompetenzen: Fähigkeiten im Umgang mit Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen.
- Multiplikator: Kennzahl, die den Unternehmenswert ins Verhältnis zu einer Finanzkennzahl setzt.
