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Arzneimittel-Engpässe: Warum deutsche Apotheken kämpfen

Über 550 Medikamente sind in Deutschland dauerhaft knapp. Besonders Generika fehlen – ein Problem mit weitreichenden Folgen für Patienten und das Gesundheitssystem.

Arzneimittel-Engpässe: Warum deutsche Apotheken kämpfen

Die Situation in deutschen Apotheken spitzt sich zu: Christiane König, die vier Apotheken in Neuss betreibt, berichtet von anhaltenden Lieferengpässen. "Es sind keine Exoten, die fehlen, sondern Medikamente des täglichen Bedarfs", erklärt die Apothekerin. Besonders betroffen sind Antibiotika, Asthma-Medikamente und Blutfettsenker.

Dramatische Zahlen vom Bundesinstitut

Die Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zeichnen ein alarmierendes Bild: Im Herbst 2025 waren kontinuierlich über 550 Arzneimittel knapp. Hauptsächlich betroffen sind Generika – Medikamente, deren Patentschutz abgelaufen ist. Diese machen den Großteil der verschriebenen Arzneimittel aus und sind für das Gesundheitssystem unverzichtbar.

Produktion in Fernost als Risikofaktor

Bork Bretthauer, Geschäftsführer des Pharmaherstellerverbands Pro Generika, identifiziert die Verlagerung nach Asien als Kernproblem. Große Teile der Generikaproduktion finden heute in Indien und China statt. Gleichzeitig konzentriert sich die weltweite Herstellung auf immer weniger, dafür größere Fabriken.

Diese Konzentration birgt erhebliche Risiken: Fällt eine dieser Großfabriken aus oder stellt die Produktion ein, entstehen sofort weltweite Engpässe. Die Kosteneffizienz dieser Struktur wird durch die mangelnde Versorgungssicherheit erkauft.

Preisdruck macht Europa unattraktiv

Ulrike Holzgrabe, Seniorprofessorin für pharmazeutische Chemie an der Universität Würzburg, sieht den massiven Preisdruck als Hauptursache. Die Herstellung von Generika in Europa lohnt sich wirtschaftlich kaum noch. Pharmaunternehmen weichen daher auf günstigere Produktionsstandorte aus.

Politische Gegenmaßnahmen umstritten

Die frühere Ampel-Regierung reagierte 2023 mit dem Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG). Das Gesetz ermöglicht Preiserhöhungen bei Kinderarzneimitteln und verschärft Lagerhaltungspflichten für Hersteller und Großhändler.

Die Maßnahmen stoßen jedoch auf geteiltes Echo. Während Pro Generika Verbesserungen bei Kinderarzneimitteln sieht, kritisiert der GKV-Spitzenverband fehlende verbindliche Regelungen zur Versorgungssicherheit. Die Krankenkassen fordern ein permanentes Monitoring aller Arzneimittel auf allen Handelsstufen.

Großhändler fordert Produktionsverlagerung

Michael Kuck, Chef des Essener Arzneimittelgroßhändlers Noweda, plädiert für eine Rückverlagerung der Generikaproduktion nach Europa. Dies würde nicht nur Lieferengpässe reduzieren, sondern auch die strategische Unabhängigkeit bei der Arzneimittelherstellung stärken.

EU-Initiative mit Kostenfrage

Die EU-Kommission verfolgt mit dem "Critical Medicines Act" ähnliche Ziele. Jürgen Wasem, Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, warnt jedoch vor den finanziellen Konsequenzen: Eine europäische Produktion würde Generika verteuern und die bereits steigenden Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung weiter belasten.

Kernfrage: Preis oder Sicherheit?

Die Debatte läuft auf eine grundsätzliche politische Entscheidung hinaus: Soll die Arzneimittelversorgung möglichst günstig bleiben oder strategische Unabhängigkeit Priorität haben? Für Beitragszahler der gesetzlichen Krankenversicherung hätte eine Produktionsverlagerung direkte finanzielle Auswirkungen.

Apothekerin König blickt skeptisch in die Zukunft: "Die Engpässe haben sich im Herbst auf hohem Niveau eingependelt. Ich bin gespannt, wie der Winter läuft." Klar ist: Schnelle Lösungen sind nicht in Sicht. Die strukturellen Probleme im Pharmamarkt erfordern langfristige strategische Weichenstellungen.

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