Argentinien unter Milei: Zwischen wirtschaftlicher Konsolidierung und politischer Zerreißprobe
Drei Jahre nach Mileis Amtsantritt sinkt die Inflation, doch Reallöhne und Arbeitsplätze belasten die Bevölkerung.

Drei Jahre nach dem Amtsantritt von Javier Milei befindet sich Argentinien in einer wirtschaftlichen und politischen Übergangsphase. Die Regierung des libertären Präsidenten hat die Staatsfinanzen auf ein stabiles Fundament gestellt, doch die Stimmung in der Bevölkerung bleibt angespannt. Die sogenannte „Kettensägen-Politik" aus Austerität und Deregulierung zeigt makroökonomisch Wirkung, fordert aber einen hohen sozialen Preis.
Die Inflationsrate ist von fast 300 Prozent auf 34 Prozent gefallen, und der Staatshaushalt weist Überschüsse aus. Gleichzeitig stagniert die Wirtschaftsleistung, und die US-Bank JPMorgan warnt vor einer technischen Rezession. Die Reallöhne liegen rund 10 Prozent unter dem Niveau von Anfang 2023, und der Verlust von etwa 300.000 formellen Arbeitsplätzen belastet die Mittelschicht.
Milei zeigt sich von der Kritik an der sozialen Härte seines Kurses unbeeindruckt. Er betont, dass er von seinem Reformplan nicht abweichen werde. Angesichts der anstehenden Wahlen 2027, bei denen er für eine zweite Amtszeit kandidiert, ist die politische Lage jedoch volatil.
Die Details
Die Zustimmungswerte des Präsidenten sind von 43 Prozent im Januar auf 38 Prozent im August gesunken. Die Opposition, angeführt von Politikern wie Axel Kicillof, warnt vor einer einseitigen Ausrichtung auf Rohstoffe und einer Prekarisierung der Arbeitswelt. Damit steht dem wirtschaftlichen Konsolidierungskurs eine wachsende politische Gegenbewegung gegenüber.
Ein Lichtblick für die argentinische Wirtschaft ist der Rohstoffsektor. Massive Investitionen in Schieferöl- und Gasvorkommen sowie in Kupfer und Lithium machen das Land zu einem globalen Akteur. Martin Rapetti von der Denkfabrik Equilibra warnt jedoch, dass diese Wachstumsinseln nicht ausreichen, um die Arbeitsplatzverluste in der Industrie und im Einzelhandel aufzufangen.
Die Regierung setzt darauf, dass nach einer möglichen Wiederwahl Mileis ein massiver Investitionsschub folgen wird, sobald die Zinsen weiter sinken. Auf internationaler Ebene profitiert Argentinien von einer geopolitischen Sondersituation. In einem durch Handelskonflikte und Protektionismus geprägten Umfeld ist das Mercosur-Bündnis für viele Staaten als Handelspartner attraktiv geworden.
Der lang erwartete Handelsvertrag mit der EU wurde ratifiziert, und weitere Abkommen, etwa mit Singapur, Japan und Kanada, sind in Arbeit oder Verhandlung. Argentinien positioniert sich hierbei als Stabilitätsanker und Energieexporteur.
Dennoch drohen interne Spannungen das Potenzial zu schmälern. Mileis Drang zu bilateralen Handelsabkommen, etwa mit den USA unter der Trump-Administration, steht teilweise im Widerspruch zu den Regeln des Mercosur-Blocks. Besonders kritisch ist das zerrüttete Verhältnis zu Brasilien, Argentiniens wichtigstem Handelspartner. Mileis ideologisch geprägte Konfrontation mit dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva hat zu diplomatischen Verstimmungen geführt, darunter der Abzug des brasilianischen Botschafters. Der Experte Federico Merke weist darauf hin, dass Milei Außenpolitik als Teil eines „Kulturkampfes" begreift.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 17.01.2026 berichtete aktien.news, dass die argentinische Wirtschaft 2026 und 2027 voraussichtlich jeweils um 3,0 Prozent wachsen wird. Eine Reuters-Umfrage unter 25 Ökonomen ergab damals eine deutliche Verlangsamung gegenüber dem für 2025 erwarteten Wachstum von 4,3 Prozent. Die Prognosen für 2026 reichten von optimistischen 5,0 Prozent bis zu vorsichtigen 1,6 Prozent. Die Inflation sollte sich 2026 auf durchschnittlich 25,3 Prozent abschwächen, verglichen mit 44,5 Prozent im Jahr 2025 und einem Höchststand von 237 Prozent im Jahr 2024, als Milei sein Amt antrat.
Am 09.02.2026 meldete aktien.news, dass die argentinischen Finanzmärkte verhalten handelten, nachdem der Leitindex S&P Merval nach anfänglichen Gewinnen um 2 Prozent nachgab. In der Vorwoche war der Index bereits um knapp 7 Prozent eingebrochen. Investoren richteten ihre Aufmerksamkeit damals besonders auf die Senatsdebatte über einen Gesetzentwurf zur Arbeitsmarktreform, die Milei vorantrieb.
Am 27.03.2026 berichtete aktien.news, dass Argentiniens Wirtschaftsaktivität im Januar 2025 um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gewachsen ist. Die nationale Statistikbehörde INDEC veröffentlichte diese Daten. Damit übertraf das Land die Erwartungen der von Reuters befragten Analysten, die lediglich ein Plus von 1,6 Prozent prognostiziert hatten.
Am 16.09.2026 berichtete aktien.news, dass die argentinische Regierung ihren Haushaltsplanentwurf für das Jahr 2027 dem Kongress vorgelegt hat. Der Entwurf sieht ein BIP-Wachstum von vier Prozent im Jahr 2027 vor, nach erwarteten drei Prozent im laufenden Jahr. Die Regierung rechnet zudem mit einem Handelsüberschuss von über 15 Milliarden US-Dollar im kommenden Jahr. Die jährliche Inflation wird auf 18 Prozent geschätzt, verglichen mit 29 Prozent in diesem Jahr.
Was das für Anleger bedeutet
Für Investoren bleibt Argentinien ein Markt mit enormem Potenzial, aber auch mit erheblichen politischen Risiken. Der Rohstoffsektor mit Schieferöl, Gas, Kupfer und Lithium bietet konkrete Wachstumschancen, während die breite Wirtschaft stagniert. Die politische Volatilität vor den Wahlen 2027 und das angespannte Verhältnis zu Brasilien erhöhen die Unsicherheit zusätzlich.
Deutsche Privatanleger sollten beachten, dass die Reformpolitik Mileis zwar die makroökonomischen Kennzahlen verbessert hat, die soziale Lage aber angespannt bleibt. Die Zustimmungswerte des Präsidenten sinken, und die Opposition formiert sich. Ob die wirtschaftliche Vernunft über die politische Rhetorik siegen wird, bleibt abzuwarten. Argentinien bleibt damit ein Markt, der Chancen und Risiken eng miteinander verknüpft.
Ausblick
Die nächsten entscheidenden Termine sind die Präsidentschaftswahlen 2027, bei denen Milei für eine zweite Amtszeit antritt. Die Regierung erwartet nach einer möglichen Wiederwahl einen massiven Investitionsschub, sobald die Zinsen weiter sinken. Auf internationaler Ebene sind weitere Handelsabkommen mit Singapur, Japan und Kanada in Arbeit oder Verhandlung. Der Haushaltsplanentwurf für 2027 projiziert ein BIP-Wachstum von vier Prozent und einen Handelsüberschuss von über 15 Milliarden US-Dollar. Ob sich diese Erwartungen erfüllen, hängt maßgeblich vom Ausgang der politischen Auseinandersetzungen ab.
Kurz erklärt
- Inflation: Anhaltender Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, der die Kaufkraft des Geldes verringert.
- Technische Rezession: Zwei aufeinanderfolgende Quartale mit rückläufiger Wirtschaftsleistung.
- Mercosur: Südamerikanischer Wirtschaftsblock, der den freien Handel zwischen seinen Mitgliedstaaten fördert.
