Anthropic vor Börsengang: 80,7 Milliarden Verlust und Broadcoms Rettung
Der KI-Konzern bereitet einen Börsengang im November vor – und offenbart dabei massive Finanzrisiken.

Anthropic bereitet sich auf einen möglichen Börsengang im November vor. Mit der Annäherung an die Börse rücken die komplexen Finanzstrukturen des KI-Startups in den Fokus der Öffentlichkeit. Aktuelle Berichte des Wall Street Journal zeigen dabei sowohl die massiven bilanziellen Herausforderungen als auch die strategische Bedeutung von Partnerschaften mit Branchengrößen auf.
Im Zentrum der Kritik steht die finanzielle Bilanz des Unternehmens. Anthropic verzeichnete im ersten Halbjahr einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden US-Dollar. Dieser massive Fehlbetrag wirft laut Jonathan Weil vom Wall Street Journal kritische Fragen hinsichtlich der von Analysten bevorzugten alternativen Kennzahlen auf. Während Anthropic hohe Verluste ausweist, verbuchten Investoren wie Amazon und Alphabet gleichzeitig erhebliche Buchgewinne aus denselben Finanzierungsgeschäften.
Daraus entfacht sich eine Debatte darüber, ob solche volatilen Posten in die bereinigten Gewinnkennzahlen einfließen sollten, die von der Wall Street für die Bewertung vor dem Börsengang herangezogen werden. Parallel dazu verdeutlicht das Projekt „North Star“ die Abhängigkeit des Startups von seinen Technologiepartnern. Wie Alexander Saeedy, Anissa Gardizy und Matt Wirz berichten, war die Sicherung eines 63-Milliarden-Dollar-Schuldendeals entscheidend, um Anthropic das Leasing spezialisierter Chips zu ermöglichen.
Die Details
Die spezialisierten Chips, um die es bei dem Geschäft geht, wurden von Broadcom gemeinsam mit Google entwickelt. Broadcom-CEO Hock Tan spielte bei der Finanzierung eine Schlüsselrolle. Als die beteiligten Banken aufgrund gestiegener Zinsen und der allgemeinen Marktunsicherheit im KI-Sektor zögerten, über 40 Milliarden Dollar bereitzustellen, intervenierte Tan persönlich.
Broadcom, das als Chiphersteller eng mit Anthropic verbunden ist, hatte bereits finanzielle Garantien gegeben, um das Kreditrisiko für die Banken abzufedern. Dennoch drohte das Vorhaben in der Endphase zu scheitern, da einige Banken eine höhere Kompensation für das Risiko forderten. Erst durch kurzfristige Verhandlungen des Broadcom-CEOs am Wochenende, bei denen höhere Zinssätze für die Kredite akzeptiert wurden, konnte der Abschluss des bisher größten KI-Schuldendeals sichergestellt werden.
Dieser Kraftakt unterstreicht, wie intensiv die großen Akteure der Tech-Branche agieren, um die Infrastruktur für Anthropic rechtzeitig vor dem geplanten Börsengang zu festigen. Der 63-Milliarden-Dollar-Deal ist dabei nicht nur eine Finanztransaktion, sondern ein Signal für die Verflechtung zwischen Chipherstellern, Cloud-Anbietern und KI-Entwicklern. Ohne die Bereitschaft von Broadcom, zusätzliches Risiko zu tragen, wäre der Zugang zu den benötigten Rechenressourcen für Anthropic offenbar gefährdet gewesen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 21.10.2026 berichtete aktien.news, dass Anthropic in den kommenden Jahren rund 750 Milliarden US-Dollar für zusätzliche Rechenkapazitäten ausgeben könnte. Das ging aus einem Bericht des Wall Street Journal hervor, der auf dem Bloomberg Terminal veröffentlicht wurde. Der Bericht stützte sich auf einen Entwurf des IPO-Prospekts, in dem für das erste Halbjahr 2026 ein Nettoverlust von 80,7 Milliarden US-Dollar ausgewiesen wurde. Im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres hatte der Nettoverlust bei 13 Milliarden US-Dollar gelegen.
Ebenfalls am 21.10.2026 meldete aktien.news, dass der KI-Gigant im ersten Halbjahr 2026 einen Verlust von 80,7 Milliarden Dollar verbucht habe. Der Betrag lag nach Angaben des Wall Street Journal fast 10 Milliarden Dollar über den Verlusten jedes einzelnen anderen großen Unternehmens. In der Berichterstattung wurde der Verlust sogar als höher beschrieben als die Verluste aller anderen großen Unternehmen zusammengenommen.
Bereits am 29.09.2026 berichtete aktien.news, dass Anthropic einen Börsengang vorbereitet, der zu den größten der Technologiegeschichte zählen könnte. Nach Angaben von Reuters legte der vorliegende Prospekt des Unternehmens Ausgabenpläne von 518 Milliarden Dollar dar. Die Notierung sollte nach den Midterm-Wahlen im November stattfinden. Am selben Tag berichtete aktien.news zudem, dass der Umsatz von Anthropic im Jahr 2025 um mehr als 1.000 Prozent auf 4,6 Milliarden Dollar stieg. Zugleich meldete das Unternehmen einen Nettoverlust von 42 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr, von dem 34 Milliarden Dollar auf eine bilanzielle Belastung entfielen.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Kombination aus Rekordverlust und milliardenschwerer Fremdfinanzierung ein zentraler Punkt bei der Bewertung eines möglichen IPO. Die von Jonathan Weil aufgeworfene Frage nach den bereinigten Kennzahlen ist dabei von praktischer Bedeutung: Wenn Investoren wie Amazon und Alphabet aus denselben Finanzierungsgeschäften Buchgewinne verbuchen, während Anthropic hohe Verluste ausweist, hängt die wahrgenommene Ertragskraft stark davon ab, welche Posten in die Bewertung einfließen.
Hinzu kommt die Abhängigkeit von Partnern. Der 63-Milliarden-Dollar-Deal zeigt, dass Anthropic ohne die finanzielle Unterstützung von Broadcom und die Bereitschaft der Banken, höhere Zinssätze zu akzeptieren, nicht ohne Weiteres an die benötigten Chips gekommen wäre. Anleger sollten daher nicht nur die Wachstumszahlen, sondern auch die Finanzierungsstruktur und die Rolle der Partnerunternehmen im Blick behalten. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Der Börsengang wird nach den bisherigen Berichten im November erwartet, nach den Midterm-Wahlen. Der Entwurf des IPO-Prospekts nennt Ausgabenpläne von 518 Milliarden Dollar, während ein weiterer Bericht von rund 750 Milliarden US-Dollar für zusätzliche Rechenkapazitäten spricht. Entscheidend für den weiteren Verlauf dürfte sein, ob die Infrastruktur rechtzeitig vor dem geplanten Börsengang gesichert werden kann – genau das war das Ziel des Projekts „North Star“.
Kurz erklärt
- Nettoverlust: Der Fehlbetrag, der nach Abzug aller Aufwendungen von den Erträgen eines Unternehmens übrig bleibt.
- Bereinigte Kennzahlen: Gewinnkennzahlen, bei denen Analysten bestimmte Sonderposten herausrechnen, um das operative Ergebnis zu zeigen.
- Schuldendeal: Eine Finanzierung, bei der ein Unternehmen Kapital aufnimmt und dafür Zinsen zahlt.
- Börsengang (IPO): Der erstmalige Verkauf von Aktien eines Unternehmens an der Börse.
