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Altersdiskriminierung bedroht Ruhestand von Millionen älterer Arbeitnehmer

KI-gesteuerte Recruiting-Algorithmen benachteiligen ältere Bewerber systematisch – mit gravierenden Folgen für die Altersvorsorge.

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Altersdiskriminierung bedroht Ruhestand von Millionen älterer Arbeitnehmer

Rund 5 Millionen Briten zwischen 49 und 55 Jahren müssen möglicherweise ein zusätzliches Jahr länger arbeiten, falls die britische Regierung die geplante Anhebung des Renteneintrittsalters von 67 auf 68 Jahre vorzieht. Gleichzeitig sehen sich ältere Arbeitnehmer mit einem weiteren, weniger sichtbaren Problem konfrontiert: algorithmischer Altersdiskriminierung bei der Jobsuche. Das Zusammenspiel beider Entwicklungen stellt eine ernste wirtschaftliche Herausforderung dar – nicht nur für Einzelpersonen, sondern für ganze Gesellschaften.

Sinnbildlich für dieses Problem steht Stacey Duguid, eine 52-jährige ehemalige Moderedakteurin aus Großbritannien. In den vergangenen 16 Monaten reichte sie hunderte von Bewerbungen ein – die meisten blieben unbeantwortet. Mit ihren Social-Media-Beiträgen über die „stille Schande", in der Lebensmitte „unvermittelbar" zu sein, löste sie eine Welle der Resonanz aus. „Das Geld geht zur Neige, und ich habe Angst", schrieb sie. „Und wenn ich in dieser Lage bin, sind Sie es vielleicht auch?"

Duguid wurde daraufhin mit Nachrichten von Menschen überschwemmt, die ihren Zorn über automatisierte, KI-gesteuerte Rekrutierungsprozesse teilten. Viele glauben, dass diese Systeme ältere Kandidaten systematisch aussortieren. Als Reaktion darauf strich Duguid 20 Jahre Berufserfahrung aus ihrem Lebenslauf und startete eine Kampagne für Veränderungen. Doch Experten betonen: Letztlich spiegeln die Algorithmen nur die inhärente Altersdiskriminierung der Menschen wider, die am Einstellungsprozess beteiligt sind.

KI als Beschleuniger der Unsicherheit

Professorin Lynda Gratton, deren kommendes Buch „Living the 100-Year Life" die Notwendigkeit betont, ein längeres Arbeitsleben aktiv zu gestalten, warnt vor einer passiven Haltung. „Wenn Sie glauben, dass Ihre einzige Option darin besteht, sich auf Stellen zu bewerben, schränken Sie Ihre Möglichkeiten ein", sagt sie. Gratton bezeichnet die Vierziger als den „entscheidenden Moment", um über die nächsten 30 Arbeitsjahre nachzudenken – und sich zu diversifizieren, umzuschulen oder ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Die Zahlen belegen diesen Trend: Laut dem britischen Office for National Statistics sind 48 Prozent der Selbstständigen im Vereinigten Königreich 50 Jahre oder älter. Das ist der höchste Anteil seit einem Jahrzehnt und ein Anstieg von 18 Prozent in den vergangenen zehn Jahren, wie Lyndsey Simpson, Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens 55/Redefined, betont. Simpson sieht darin jedoch nicht nur eine Notlösung: Kluge Arbeitgeber erkennten, dass „die über 50-Jährigen der am schnellsten wachsende Talentpool sind". Unternehmen wie Veolia, Domestic & General und Dentsu führen bereits Umschulungsprogramme durch, um erfahrene Mitarbeiter gezielt zu gewinnen.

Umschulung als Ausweg – aber zu welchem Preis?

Ein zentrales Hindernis bei der Neuorientierung ist das Gehalt. Lucy Standing, Gründerin der gemeinnützigen Organisation Brave Starts, die 45- bis 65-Jährigen beim Berufswechsel hilft, berichtet, dass ihre Mitglieder Flexibilität höher bewerten als das Einkommen. Jeder Dritte gab an, ein Gehalt von nur 25.000 britischen Pfund zu akzeptieren, um sich in einer neuen Rolle oder Branche umschulen zu lassen. Standing nennt Flexibilität „eine absolute Notwendigkeit" – angesichts des Drucks durch die Pflege älterer Verwandter und Enkelkinder.

Ein konkretes Beispiel liefert Simpsons eigener Bruder: Als leitender Angestellter im Einzelhandel kündigte er, um sich zum Audiologen umschulen zu lassen. Zwei Jahre später hat er Gehaltsparität erreicht und genießt eine deutlich bessere Work-Life-Balance – in einem Beruf, der von der alternden Bevölkerung profitieren dürfte.

Planung statt Panik

Trotz der wachsenden Risiken mangelt es vielen an Vorsorge. Laut einer neuen Studie von RBC Wealth Management glaubt zwar jeder Achte im „dritten Viertel" des Lebens, wahrscheinlich 100 Jahre alt zu werden – doch weniger als jeder Fünfte hat im vergangenen Jahr Zeit für Finanzplanung aufgewendet. Experten fordern, dass diese Planung auch die Karriereentwicklung einschließen müsse.

15 Millionen Menschen im Vereinigten Königreich sparen zu wenig für den Ruhestand. Viele setzen darauf, länger zu arbeiten, um die Finanzierungslücke zu schließen. Doch diese Strategie funktioniert nur, wenn ältere Arbeitnehmer auch tatsächlich Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten. Solange KI-Algorithmen und strukturelle Altersdiskriminierung dem entgegenwirken, bleibt die Rechnung für Millionen Menschen nicht aufzugehen.

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