Wohlstand älterer Amerikaner stützt die US-Konsumausgaben
Babyboomer geben mehr aus, sind finanziell zufriedener und greifen zunehmend auf Anlagekonten zurück – mit wachsender Wirkung auf die Gesamtwirtschaft.

Die US-Konsumausgaben zeigen sich trotz anhaltender Belastungen durch Wohnkosten, Schulden und Alltagskosten weiterhin robust. Ökonomen suchen nach Erklärungen für diese Widerstandsfähigkeit – und stoßen dabei zunehmend auf einen generationellen Faktor: den wachsenden Wohlstand älterer Amerikaner.
Der Ökonom Ed Yardeni, Präsident und Chef-Anlagestratege von Yardeni Research, prägte dafür den Begriff der „G-förmigen Wirtschaft". Das „G" steht für „generational divide" – also eine generationenbedingte Kluft. Yardeni argumentiert, dass Babyboomer länger leben, gesünder bleiben und länger aktiv sind. Sie geben mehr für sich selbst, ihre erwachsenen Kinder und Enkelkinder aus. Zudem verfügten ältere Amerikaner über Investitionen, Altersvorsorgeguthaben und Immobilienvermögen, die eine größere Kaufkraft ermöglichen. Damit stellt er sich gegen die verbreitete These der „K-förmigen Wirtschaft", bei der Einkommensunterschiede – nicht Generationenunterschiede – als Haupterklärung für die gespaltene Konsumentwicklung gelten.
Die Details
Eine neue Umfrage der Principal Financial Group, die CNBC exklusiv vorlag, liefert konkrete Belege für diese Generationenkluft. Befragt wurden zwischen dem 17. April und dem 16. Mai insgesamt 1.000 US-Verbraucher. Die Fehlermarge liegt bei plus/minus 3,1 Prozentpunkten. Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Generationen:
- 53% der Babyboomer gaben an, ihre Schulden bewältigen zu können – gegenüber 42% der Generation X und der Millennials sowie 39% der Generation Z.
- 41% der Boomer berichteten über die höchste Zufriedenheit mit ihrer aktuellen finanziellen Situation, verglichen mit 29% der Gen X, 36% der Millennials und 34% der Gen Z.
- 52% der Boomer gaben an, über genügend Finanzwissen zu verfügen, um sichere Entscheidungen zu treffen – gegenüber 40% der Gen X, 42% der Millennials und 36% der Gen Z.
Neue Daten der US-Notenbank Federal Reserve unterstreichen diese Entwicklung. Der am Freitag veröffentlichte Bericht „Changes in U.S. Family Finances from 2022 to 2025" basiert auf dem Survey of Consumer Finances und zeigt: Familien, die von einer Person im Alter von 75 Jahren oder älter geführt werden, verzeichneten zwischen 2022 und 2025 einen Anstieg des inflationsbereinigten mittleren Nettovermögens um 37%. Gleichzeitig sank das mittlere Nettovermögen von Familien unter 35-jähriger Führung im gleichen Zeitraum um 23%.
Die übrigen Altersgruppen verzeichneten deutlich geringere Veränderungen: Bei Familien im Alter von 35 bis 44 Jahren stieg das mittlere Nettovermögen um 5%, bei den 55- bis 64-Jährigen um 3%. Bei den 45- bis 54-Jährigen sank es um 6%, bei den 65- bis 74-Jährigen um 4%. Laut Fed scheint das „Wachstum der Renteneinkommen eine Schlüsselrolle" bei der Verbesserung des Nettovermögens der ältesten Haushalte zu spielen. Das Medianeinkommen bei Familien mit einem Haushaltsvorstand ab 75 Jahren stieg zwischen 2022 und 2025 um 24% – bei Familien unter 35 Jahren waren es lediglich 2%.
Wichtig: Die Ergebnisse vergleichen Gruppen-Mediane über die Umfragejahre hinweg, anstatt dieselben Familien über die Zeit zu verfolgen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 10. Oktober 2026 berichtete aktien.news, dass die typische amerikanische Familie nach der Covid-19-Pandemie zwar etwas wohlhabender geworden ist, besonders stark jedoch wohlhabende und ältere Amerikaner profitierten. Das Median-Nettovermögen amerikanischer Familien stieg zwischen 2022 und 2025 inflationsbereinigt um 2% auf rund 216.000 US-Dollar – für den Durchschnittshaushalt ein vergleichsweise moderater Anstieg.
Am 4. Oktober 2026 hatte aktien.news zudem berichtet, dass US-Haushalte inzwischen ein saisonbereinigtes jährliches Zinsniveau von 604 Milliarden Dollar tragen – rund 50 Milliarden Dollar pro Monat. Der Anteil der Zinszahlungen am verfügbaren persönlichen Einkommen liegt bei 2,5 Prozent, nach 1,5 Prozent zuvor. Diese Zinslast trifft jüngere und einkommensschwächere Haushalte besonders hart, während ältere Amerikaner mit schuldenfreiem Immobilienvermögen und Renteneinnahmen weniger betroffen sind.
Am 4. Mai 2026 hatte aktien.news bereits festgehalten, dass die amerikanischen Verbraucher trotz eines Verbrauchervertrauens auf dem niedrigsten Stand seit 74 Jahren weiterhin ausgaben – eine Widerstandsfähigkeit, die viele Marktbeobachter überraschte.
Was das für Anleger bedeutet
Besonders aufschlussreich sind Daten des JPMorgan Chase Institute, das mehr als 20 Millionen anonymisierte Chase-Girokonten auswertete. In den drei Monaten bis April 2026 transferierten 8,2% der Personen Geld von Anlagebeständen auf ihre Girokonten – ein deutlicher Anstieg gegenüber 4% im gleichen Zeitraum des Jahres 2019. Im April 2026 entsprachen die Nettotransfers von Anlagen auf Girokonten 6,8% der Ausgaben, gegenüber 3,5% im April 2019.
Besonders ausgeprägt ist dieser Trend bei älteren und einkommensstärkeren Amerikanern: Unter den Personen ab 65 Jahren in den obersten 10% der Einkommensbezieher nahmen 37,3% im Jahr 2025 Nettoentnahmen von Anlagekonten vor, gegenüber 24,5% im Jahr 2019. Diese Investitionsflüsse entsprachen 14,9% der Ausgaben dieser Gruppe, gegenüber 8% im Jahr 2019.
Laut dem Bericht könnte dieser Trend mehrere Faktoren widerspiegeln: normale Rentenentnahmen, die langfristige Umstellung von traditionellen Pensionen auf beitragsorientierte Altersvorsorgepläne sowie einen potenziellen Vermögenseffekt durch Aktiengewinne. Für Anleger bedeutet dies: Wer in Unternehmen investiert, die stark vom US-Konsum abhängen, sollte die demografische Zusammensetzung der Kundschaft im Blick behalten. Branchen, die überproportional von der Kaufkraft älterer Amerikaner profitieren, könnten strukturell stabiler aufgestellt sein.
Ausblick
Experten betonen, dass die generationenbedingte Kluft nicht bedeutet, dass jeder Babyboomer finanziell abgesichert ist oder jeder jüngere Amerikaner zu kämpfen hat. Dennoch könnte die Generationendimension ein zunehmend wichtiger Faktor für das Verständnis der US-Konsumwirtschaft werden – gerade wenn Rentenentnahmen und Vermögenseffekte weiter an Bedeutung gewinnen.
Kurz erklärt
- K-förmige Wirtschaft: Ein Wirtschaftsmodell, bei dem sich verschiedene Einkommensgruppen nach einer Krise in entgegengesetzte Richtungen entwickeln.
- G-förmige Wirtschaft: Ein von Ed Yardeni geprägter Begriff, der eine wirtschaftliche Spaltung entlang von Generationengrenzen statt Einkommensgrenzen beschreibt.
- Survey of Consumer Finances: Eine regelmäßige Erhebung der US-Notenbank Federal Reserve zur Vermögens- und Einkommenssituation amerikanischer Haushalte.
