WM-Fans schockiert von Trinkgeldkultur in den USA
Internationale Besucher der Fußball-WM berichten von Verwirrung und finanzieller Belastung durch das amerikanische Tipping-System.

Internationale Fans, die zur Fußball-Weltmeisterschaft in die USA gereist sind, zeigen sich zunehmend frustriert über die dortige Trinkgeldkultur. Gegenüber der BBC berichteten Besucher aus England, Australien und Japan von einem regelrechten Kulturschock – und von einer wachsenden „Trinkgeld-Müdigkeit". Besonders die Kombination aus hohen Ticketpreisen, teuren Mahlzeiten und dem erwarteten Trinkgeld belastet viele Reisebudgets erheblich.
Der England-Fan Geoff Pryor aus Norwich, der für das Turnier durch die USA reist, bringt das Problem auf den Punkt: Er verstehe Trinkgeld für guten Service, finde es aber „seltsam", wenn er eine Flasche Wasser kaufe und „versucht wird, ein Trinkgeld für nichts zu bekommen". Grundsätzlich zeigt er jedoch Verständnis für das System: „Ich weiß zu schätzen, dass sie nicht so viel verdienen wie vielleicht in Großbritannien, aber insgesamt ist der Service meist gut. Wenn er gut ist, verdienen sie auch ein gutes Trinkgeld."
Warum Trinkgeld in den USA existenziell ist
Der Hintergrund des amerikanischen Tipping-Systems ist für viele Europäer und Asiaten kaum nachvollziehbar. In einigen US-Bundesstaaten erhalten Servicekräfte in Restaurants und Bars einen Stundenlohn von knapp über 2 Dollar – umgerechnet etwa 1,50 Pfund. In Atlanta etwa beträgt der gesetzliche Mindestlohn für Servicepersonal mit Trinkgeldanspruch lediglich 2,13 Dollar pro Stunde. Erst wenn Lohn und Trinkgelder zusammen den staatlichen Mindestlohn von 7,25 Dollar nicht erreichen, muss der Arbeitgeber die Differenz ausgleichen.
Rosa Thurnher, Inhaberin des Restaurants „El Ponce" und Vorstandsmitglied der Independent Restaurant Coalition, erklärt: „In den USA ist die Höhe des in unserer Branche erwarteten Trinkgelds einzigartig. Hier sind 20% ziemlich Standard." Und sie betont: „Wenn sie keine Trinkgelder erhalten, ist es unmöglich, in der Dienstleistungsbranche zu überleben." Los Angeles gehört mit einem Basislohn von 16,20 Dollar pro Stunde für Servicekräfte zu den Ausnahmen mit vergleichsweise hoher Grundvergütung.
Die australischen Fans Chris O'Flynn und Robert McNamara schildern ihre Erfahrungen besonders anschaulich. O'Flynn zeigt sich grundsätzlich verwirrt: „Ich finde es immer noch ein wenig verwirrend, warum es das gibt. In Australien gibt es einen Pauschalpreis, den man bezahlt. Hier verlangen oder erwarten die Leute Trinkgeld. Manchmal weiß man nicht, wie viel man geben soll." McNamara ergänzt: „Sie erwarten nach jedem Getränk ein Trinkgeld, sodass es sehr schnell teuer wird. Man kauft ein Getränk und schlägt 5 Dollar auf. Das ist schwer nachzuvollziehen."
Hohe Ticketpreise verschärfen die finanzielle Belastung
Für viele WM-Besucher kommen die Trinkgelder zu ohnehin schon hohen Ausgaben hinzu. Die teuren Eintrittskarten für die Fußballspiele haben laut O'Flynn und McNamara ihre Finanzen bereits stark strapaziert. O'Flynn fasst die Meinung vieler australischer Fans zusammen: „Die meisten Australier hier denken: Zahlt euren Angestellten einen besseren Lohn. Es sollte Aufgabe des Unternehmens sein, nicht des Kunden, für eine angemessene Bezahlung des Personals zu sorgen."
Auch japanische Fans zeigen sich betroffen. Maiko Asahi, die mit ihrer Familie aus Tokio angereist ist, um Japan in Dallas spielen zu sehen, erklärt: „Die Preise ohne Trinkgeld sind bereits sehr hoch, mit Trinkgeld ist es einfach zu viel." Ihr Landsmann Akihiro, der mit seinem Sohn reist, rechnet vor: „Selbst die günstigste Mahlzeit in einem Restaurant kostet immer noch etwa 30 Dollar, und wenn man dann ein Trinkgeld von beispielsweise 13 bis 20% hinzurechnet, denkt man am Ende: Oh weh, dafür hätte ich eine weitere Portion bekommen können."
Barbesitzer klagen über schlechte Trinkgeldgeber aus Europa
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseNicht nur die Touristen sind frustriert – auch auf Seiten der Gastronomen gibt es Unmut. Chris Keller, Besitzer der Fußballbar „Banter" in Brooklyn, empfängt regelmäßig britische und europäische Gäste und kennt das Problem gut: „Das ist immer so. Da führt kein Weg dran vorbei. Es mangelt immer an Trinkgeld, oder sie stellen sich unwissend, als ob sie es nicht wüssten." Keller hat deshalb sein System umgestellt: Kunden mit Reservierungen müssen Getränke nun im Voraus bezahlen, inklusive einer Servicegebühr. „Das dient nur zum Schutz unseres Personals", sagt er.
Ann Calimano, Miteigentümerin von Hurley's Restaurant & Bar in New York City, berichtet von einem massiven Zulauf während der WM – einer Jahreszeit, die normalerweise ruhiger wäre. Doch nicht alle neuen Gäste seien an das Trinkgeben gewöhnt. „Europäer geben nicht so viel Trinkgeld wie die Amerikaner. Das ist die Kultur", sagt sie. Wenn Kunden Speisen und Getränke im Wert von 600 Dollar bestellen, ohne dem Personal Trinkgeld zu geben, sei ein klärendes Gespräch notwendig. Ihre Barkeeper erklären dann höflich, dass der Service nicht im Preis inbegriffen sei – anders als in Europa, wo der Service üblicherweise im Preis enthalten ist.
Joseph Pitruzelli, Inhaber der „Wurstküche" – einem Restaurant mit deutschem Thema in Downtown Los Angeles – berichtet dagegen von weniger Problemen. Er hält seine vorgeschlagenen Trinkgelder bewusst niedrig: „Wir halten unsere Trinkgelder im Bereich von 10, 15 und 20%, aber ich habe gesehen, dass einige Lokale 20, 25 und 30% vorschlagen, was ich für sehr hoch halte." Er teilt die Trinkgelder unter allen Teammitgliedern auf – von den Spülern über die Köche bis hin zu Barkeepern und Kellnern.


