Wells Fargo Q2-Zahlen: Warum der Zinsüberschuss alles entscheidet
Am 14. Juli präsentiert Wells Fargo seine Quartalsergebnisse – eine Kennzahl steht dabei im absoluten Mittelpunkt.

Wells Fargo (WFC) veröffentlicht am Dienstag, den 14. Juli 2026, gegen 13:00 Uhr MEZ seine Ergebnisse für das zweite Quartal. Anschließend findet um 16:00 Uhr MEZ eine Telefonkonferenz mit dem Management statt. Für Anleger ist dieser Bericht kein gewöhnlicher Quartalsbericht – er ist ein Stimmungstest für eine Bank, die gerade erst wieder in die Wachstumsspur zurückgefunden hat.
Der Grund für die besondere Aufmerksamkeit liegt in der jüngsten Geschichte des Instituts. Im Jahr 2018 verhängte die US-Notenbank Federal Reserve nach dem Skandal um fingierte Kundenkoten eine außergewöhnliche Sanktion: Sie fror die Bilanzsumme von Wells Fargo bei 1,95 Billionen US-Dollar ein. Sieben Jahre lang konnte die Bank ihre Bilanz nicht ausweiten – und damit auch ihr Kerngeschäft kaum steigern. Im Juni 2025 hob die Fed diese Obergrenze auf. Seitdem ist Wells Fargo erstmals wieder frei, parallel zum Geschäft zu wachsen.
Der Zinsüberschuss als entscheidende Kennzahl
Für Anleger ist daher nicht der Gewinn pro Aktie die wichtigste Zahl in diesem Quartalsbericht, sondern der Zinsüberschuss (Net Interest Income, NII). Dieser Wert misst die Differenz zwischen den Erträgen aus vergebenen Krediten und den Zinsen, die die Bank für Einlagen zahlt. Unter der Bilanzobergrenze stagnierte dieser Wert: Im Jahr 2025 belief er sich auf rund 47,5 Milliarden US-Dollar – im Wesentlichen unverändert gegenüber 2024.
Das Management hat für das Gesamtjahr 2026 einen Zinsüberschuss von rund 50 Milliarden US-Dollar in Aussicht gestellt. Das würde nach Jahren der Stagnation eine Rückkehr zu einem Wachstum im mittleren einstelligen Bereich bedeuten. Im ersten Quartal 2026 stieg der Zinsüberschuss im Jahresvergleich bereits um 5 Prozent – ein ermutigender Auftakt. Allerdings ging er gegenüber dem vierten Quartal 2025 um 235 Millionen US-Dollar bzw. 2 Prozent zurück, was auf zwei Fehltage und leicht gesunkene Zinsen zurückzuführen war.
Genau dieser sequentielle Rückgang macht den Dienstag so bedeutsam. Das Jahresziel von 50 Milliarden US-Dollar setzt voraus, dass der Zinsüberschuss im Jahresverlauf durch Kredit- und Einlagenwachstum steigt – also genau jene Aktivitäten, die durch die Bilanzobergrenze blockiert waren. Dabei gilt es zu beachten: Die Einlagen, die Wells Fargo nun frei einsammeln kann, sind tendenziell teurer als jene, auf die die Bank unter der Obergrenze angewiesen war. Wachstum und Marge werden also gegeneinander wirken.
Steigt der Zinsüberschuss im zweiten Quartal und hält das Management an der Prognose von 50 Milliarden US-Dollar fest oder hebt sie sogar an, bleibt das Wachstumsargument für die Aktie intakt. Stagniert die Zahl und wird die Prognose gesenkt, wird das Hauptargument für ein Investment in Wells Fargo gegenüber einem günstigen Indexfonds deutlich schwerer zu rechtfertigen sein.
Weitere Kennzahlen im Blick: Kosten und Kapitalrückführung
Neben dem Zinsüberschuss runden zwei weitere Kennzahlen das Bild ab. Erstens die Aufwandsquote (Efficiency Ratio), die angibt, welcher Anteil des Umsatzes für den Bankbetrieb aufgewendet wird – je niedriger, desto besser. Im ersten Quartal 2026 verbesserte sich diese Quote auf 67 Prozent, nach 69 Prozent im Vorjahreszeitraum. Da die Bank nun investieren muss, um zu wachsen, werden Anleger genau beobachten, ob die Kosten trotz Bilanzausweitung unter Kontrolle bleiben.
Zweitens die Kapitalrückführung: Wells Fargo kaufte im Jahr 2025 eigene Aktien im Wert von 17,7 Milliarden US-Dollar zurück. Aus einer Rückkaufermächtigung über 40 Milliarden US-Dollar stehen noch rund 26 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Nach dem bestandenen Fed-Stresstest für 2026 kündigte das Management zudem an, die Quartalsdividende um 11 Prozent auf 0,50 US-Dollar je Aktie anzuheben. Aktienrückkäufe in dieser Größenordnung steigern den Gewinn je Aktie selbst bei moderatem Nettogewinnwachstum spürbar.
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Zur AktienanalyseBewertung: Günstige Großbank mit neuem Wachstumshebel
Bei einem Kurs von rund 87 US-Dollar wird Wells Fargo mit dem etwa 13-Fachen des Gewinns bewertet – ein deutlicher Abschlag gegenüber dem S&P 500, der bei rund dem 25-Fachen notiert. Für eine Bank, die gerade erst wieder einen Wachstumshebel erhalten hat, erscheint diese Bewertung vergleichsweise günstig. Die Kombination aus niedrigem Bewertungsmultiplikator, einer neu „aufgetauten" Bilanz und steigender Dividende macht Wells Fargo zu einer seltenen Value-Situation unter den US-Großbanken.
Zusätzlich spielt der Zinskurs der Federal Reserve eine Rolle: Wie jede Bank profitiert Wells Fargo davon, wenn die Zinsen länger auf einem höheren Niveau verbleiben. Weniger Zinssenkungen als vom Markt erwartet würden der Bank dabei sogar in die Hände spielen. Alles in allem steht und fällt das Investment-Argument mit einer einzigen Zahl: dem Zinsüberschuss im zweiten Quartal – und der Frage, ob das Management an seiner Jahresprognose von 50 Milliarden US-Dollar festhält.


