Wellness-Boom: Berliner Start-ups verdienen Millionen mit Sauna-Raves
Rotlicht-Pilates, Techno-Saunen und Eisbäder: Berliner Gründer entdecken den Selfcare-Markt als lukratives Investitionsfeld.

In einem Innenhof in Berlin-Mitte, direkt neben der Kreativagentur Jung von Matt, liegt eines der derzeit gehyptesten Studios der Hauptstadt. Graue Betonwände, minimalistische Einrichtung, rotes Licht – und rund 40 Personen auf Matten, die Arme und Beine von sich strecken. Donnerstagvormittag, Pilates-Kurs fast ausgebucht.
Das Studio heißt Anti und bezeichnet sich selbst nicht als Pilates-Studio, sondern als „Social Wellness Club". Die Gründer Antonia Benecke und Joel Stumpf (Künstlername Yoel Sartras) haben damit einen Nerv getroffen. Models wie Toni Garrn und Stefanie Giesinger entspannen hier regelmäßig und teilen ihre Eindrücke auf Instagram. Einzelne Kurse kosten 29 Euro, eine Mitgliedschaft – für die man sich bewerben muss – schlägt mit bis zu 199 Euro monatlich zu Buche.
Vom Yogastudio zum Millionenumsatz
Stumpf gründete nach dem Abitur zunächst einen Reinigungsservice für Photovoltaikanlagen, bevor er Benecke beim Sport kennenlernte. Die heute 28-Jährige war damals erste Mitarbeiterin eines Schmuck-Labels. 2022 eröffneten die beiden gemeinsam ein Yogastudio in Berlin, ehe sie das Konzept zugunsten einer „roughen Optik" aufgaben und in den Brutalismus-Bau in Berlin-Mitte zogen.
Der Schritt hat sich ausgezahlt. Der monatliche Umsatz von Anti liegt laut Stumpf mittlerweile bei 150.000 Euro, das Unternehmen arbeitet kostendeckend. Noch in diesem Jahr plant das Duo drei weitere Standorte – zunächst in Berlin, dann in anderen Städten. Den Start finanzierte ein Scheck von Rafael Frenk, dem Kopf des Kollagenherstellers Glow25. Nun suchen Benecke und Stumpf weitere Investoren.
Das Angebot von Anti ist bewusst breit aufgestellt: Community-Events, Sportkurse mit Rotlichtbestrahlung, geführte Spa-Rituale in Gruppen und Techno-Raves in der Sauna gehören zum Programm. Einige Veranstaltungen sind exklusiv für Start-up-Gründer reserviert – Netzwerken bei 80 Grad. Ein Konzept, das in New York längst etabliert ist.
Wachstumsmarkt Fitness: Sieben Prozent Plus pro Jahr
Anti steht exemplarisch für einen größeren Trend. Während die Inflation in Deutschland anhält und die Wirtschaft stagniert, investiert die Berliner Gründerszene gezielt in Fitness und Wellness. Stumpf sieht darin keinen Widerspruch: „In einer Rezession und in stressigen Zeiten braucht man einen Raum, in dem man Energie tanken kann – vor allem, wenn es nur noch das Homeoffice gibt."
Die Zahlen stützen diese These. Der deutsche Fitness- und Gesundheitsmarkt wächst jährlich um mindestens sieben Prozent – überdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Branchen. Der gesamte deutsche Sportmarkt hatte im vergangenen Jahr ein Volumen von 6,25 Milliarden Euro – Wellness-Angebote wie Eisbaden und Saunagänge noch nicht eingerechnet.
Unternehmerin Lea-Sophie Cramer, bekannt als Gründerin von Amorelie, erklärt das Phänomen so: „Wenn vieles ins Wanken gerät, suchen Menschen nach Stabilität, Energie und Zugehörigkeit. Genau das schafft Sport." Und weiter: „Wir sehen, dass Ausgaben für Wohlbefinden und soziale Verbindung selbst in Krisen priorisiert werden."
Prominente Investoren entdecken den Fitnessmarkt
Cramer handelt nicht nur nach diesem Prinzip, sondern investiert auch danach. Gemeinsam mit Zalando-Manager Oliver Roskopf, Ex-eDarling-Chef Lukas Brosseder und Unternehmer Johannes Kreibohm gründete sie im vergangenen Jahr Epix Sports. Das Vehikel unterstützt Marken im Fitnessbereich, darunter den Berliner Padel-Anbieter Mitte und den Laufclub Pace Race. Langfristig plant die Gruppe, eigene Studios zu errichten.
Auch das Investmentvehikel von Tengelmann ist in dem Markt aktiv, ebenso diverse Berliner Wagniskapitalfonds und vermögende Privatinvestoren. Tengelmann beteiligte sich etwa an Kalia Labs – einst als digitale Klinik für Schönheitschirurgie in Hamburg gestartet, heute mit Kosmetikstudios unter dem Konzept „Skin Longevity" vertreten. Mehrere Millionen Euro flossen in das Unternehmen. Wenige Ecken entfernt betreibt das Start-up Ohia ein neuartiges Meditationsangebot, hinter dem unter anderem Influencerin Diana zur Löwen und Lea-Sophie Cramer als Investorinnen stehen.
Massagen im Abo: New Soul verdoppelt Umsatz jährlich
Ein weiteres Beispiel für den Boom liefert New Soul. Christian Gorgas und Philipp Desgranges – beide mit Start-up-Erfahrung, Gorgas verkaufte seine frühere Reinigungsfirma an Henkel, Desgranges war Manager beim Lieferdienst Flink – bauten Ende 2023 eine Kette von Massagestudios auf. Erst in Berlin, mittlerweile deutschlandweit.
New Soul setzt auf ein digitales Abomodell: Vorgespräche und Massagevorlieben werden online erfasst, alle Standorte teilen denselben natürlichen Boho-Chic. Eine Einzelstunde Lymphdrainage oder assistiertes Stretchen kostet 69 Euro. „Unsere etablierten Standorte haben eine Rate von 80 Prozent wiederkehrender Kunden", sagt Gorgas. In diesem Jahr wird New Soul einen zweistelligen Millionenumsatz erzielen, die Erlöse verdoppeln sich laut Gründer von Jahr zu Jahr. Bis zur Profitabilität eines Standorts dauert es demnach höchstens ein halbes Jahr.
Gorgas beschreibt seine Kernzielgruppe präzise: „Millennials sind dauerhaft gestresst, sowohl durch die Arbeit als auch Social Media. Die Generation hat aber auch verstanden, auf sich zu achten. Unsere Kunden geben lieber mehr Geld für Sport und Ernährung aus als für Cocktails und Partys."
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Zur AktienanalyseRotlicht als Selbstläufer – und Kopierschablone
Zurück zu Anti: Das Rotlicht-Konzept entstand eher zufällig. Ein Kooperationspartner schickte dem Gründerduo eine Infrarotlampe zum Testen. Eine Kurslehrerin probierte sie aus, die Begeisterung der Teilnehmer war groß – und das Konzept entwickelte sich zum Selbstläufer. Heute stehen mehrere dieser Lampen im Yoga-Raum, der gesamte Kursplan ist auf Rotlicht ausgelegt. Andere Studios kopieren die Idee bereits.
Rotlicht-Therapien sind in der Gesundheitsindustrie seit Jahren bekannt. Die Strahlen sollen Entzündungen senken und die Kollagenbildung fördern – wissenschaftlich belegt ist allerdings nur die Wärmewirkung. Anti hat den Trend in ein Gruppenformat überführt und damit eine neue Nachfrage geschaffen.
Das Studio finanziert sich auch über Kooperationen: Marken nutzen die Räume für Events und Fotoshootings, selbst Berghain-Türsteher Sven Marquardt ließ sich vor den grauen Betonwänden fotografieren. Drei Mitarbeiter kümmern sich ausschließlich um solche Verträge. Benecke fasst die Ambition des Studios zusammen: „Wir wollen Trends entwickeln und nicht nur in Berlin, sondern international verbreiten."
Der nächste Sauna-Rave ist bereits in Planung. Bis zu 100 Gäste sollen einen Abend lang zwischen Aufguss, DJ-Pult und Eisbecken pendeln – in Bikini und Bademantel.


