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Wellington-Infrastrukturfonds: Warum Regulierung mehr zählt als KI

Fondsmanager Tom Levering setzt auf regulierte Energienetze – und erklärt, warum Rechenzentren keine echte Infrastruktur sind.

Infrastruktur galt lange als das verlässlichste, wenn auch unspektakulärste Investment im Aktienbereich: Mautstraßen, Brücken, Häfen – Anlagen, die einfach funktionieren. Doch das Bild hat sich gewandelt. Gestiegene Zinsen und die aufkommende Rechenzentrum-Welle haben die Anlageklasse verändert. Viele ETFs und Fonds mischen inzwischen Datenzentren unter ihre Infrastrukturpositionen. Die Frage lautet: Ist Infrastruktur noch das, was sie einmal war?

Tom Levering, Fondsmanager beim US-Fondsriesen Wellington in Boston, hat darauf eine klare Antwort. Mit dem Wellington Enduring Infrastructure Assets Fund (ISIN: IE00BJYM1P60) verfolgt er einen bewusst traditionellen Ansatz: Der Fonds investiert schwerpunktmäßig in regulierte Energieinfrastruktur – also Strom- und Gasversorger sowie Pipelinebetreiber. Das Fondsvolumen beträgt 2,3 Milliarden Euro, die jährlichen Kosten liegen bei 0,94 Prozent, ein Ausgabeaufschlag entfällt. Der aktuelle Anteilspreis liegt bei 16,68 Euro.

Regulierung als eingebauter Inflationsschutz

Das Herzstück von Leverings Investmentphilosophie ist die Regulierung. Bei Netzbetreibern ist die zulässige Rendite direkt an Zinsen und Inflation gekoppelt. Steigen die Zinsen oder zieht die Teuerung an, passen staatliche Aufsichtsbehörden die sogenannte Spread-Rendite entsprechend nach oben an. Kostensteigerungen – etwa bei Baumaterial oder Energie – werden über die Regulierungsformel weitgehend an die Endnutzer weitergereicht.

Das bedeutet: Die Gewinnmargen der Unternehmen bleiben vergleichsweise stabil, während klassische Industrieunternehmen Kostensteigerungen erst mühsam am Markt durchsetzen müssen. In Deutschland wurde die Regulierungsperiode für Stromnetzbetreiber 2024 angepasst, um schneller auf veränderte Kostenstrukturen reagieren zu können. Der allgemeine Trend gehe dahin, Erlösobergrenzen enger an Zins- und Inflationsentwicklung zu koppeln, so Levering.

Im Vergleich zu US-Versorgern liegen die regulatorisch erlaubten Renditen in Europa niedriger – Levering beziffert sie auf rund zehn Prozent. US-Unternehmen können wegen des höheren Zinsniveaus tendenziell höhere Sätze durchsetzen. Dafür seien europäische Netzbetreiber berechenbarer: weniger Aufwärtspotenzial, aber auch geringeres Abwärtsrisiko.

Zur Stabilität trägt außerdem die starke Marktstellung vieler Infrastrukturunternehmen bei. Wer ein regionales Stromnetz oder eine Pipeline betreibt, steht selten im direkten Wettbewerb. Diese Marktdominanz wirkt wie ein Stoßdämpfer: Gerät die Konjunktur ins Straucheln, bleiben Umsatz und Gewinn stabiler als bei Unternehmen, die aktiv um Marktanteile kämpfen müssen.

Transportinfrastruktur: Levering bleibt zurückhaltend

Bei der Sektorgewichtung unterscheiden sich Infrastrukturfonds teils erheblich. Der Fonds von First Sentier etwa hält unter seinen größten Positionen Transportinfrastruktur wie CSX, Union Pacific Railway und Canadian National Railway. Levering ist hier deutlich vorsichtiger. Transportunternehmen und Flughäfen mögen regional oft eine Monopolstellung genießen, sind aber konjunktur- und reiseverkehrsabhängiger – ein Umstand, der sich während der Coronapandemie deutlich gezeigt hat.

Dennoch hält Levering in geringem Umfang auch Transportinfrastruktur-Aktien, etwa vom französischen Mautstraßenbetreiber Vinci. Über einen längeren Zeitraum sei der Sektor trotz einer gewissen Konjunkturabhängigkeit ein defensiver Depotbaustein, so der Fondsmanager.

Wie viel KI-Fantasie steckt wirklich drin?

Die Frage, die Anleger derzeit umtreibt: Wie stark profitiert Infrastruktur vom KI-Boom? Leverings Einschätzung ist nüchtern. Das Wachstum bei Strom- und Gasnachfrage liege im mittleren einstelligen Bereich. Davon könnten ein bis zwei Prozentpunkte auf den Ausbau von Rechenzentren und den Strombedarf großer Technologiekonzerne zurückzuführen sein. Auch ohne diesen KI-Effekt bliebe das Wachstum solide.

Wichtig sei zudem: Verträge mit Rechenzentrumsbetreibern sind in der Regel langfristig angelegt, mit garantierten Abnahmemengen. Das Risiko technologischer Verwerfungen – etwa durch effizientere Chips oder einen KI-Nachfrageeinbruch – trage in erster Linie der Betreiber, nicht der Infrastrukturinvestor.

Skeptisch ist Levering jedoch bei der Frage, ob Rechenzentren überhaupt als klassische Infrastruktur gelten sollten. Echte Infrastruktur zeichne sich durch sehr lange Nutzungsdauern und geringe technologische Veralterung aus. Ein Wasserwerk oder eine Stromleitung funktioniert über Jahrzehnte im Wesentlichen unverändert. Ein Rechenzentrum hingegen hängt an einem Technologiezyklus, der sich schnell ändern kann. Wer Rechenzentren wie klassische Infrastruktur bewerte, laufe Gefahr, ihnen fälschlicherweise eine Bewertungsprämie für „ewige Cashflows" zuzugestehen, obwohl Chipinvestments mitunter schnell veralten.

Global aufgestellt – selektiv in Schwellenländern

Der Fonds ist global ausgerichtet. Der größte Teil der Positionen stammt aus den USA, womit der Dollar rund die Hälfte des Fondsdepots ausmacht. Zweitgrößtes Gewicht haben japanische Aktien, gefolgt von französischen, britischen und italienischen Titeln. Aus Deutschland ist E.ON im Portfolio vertreten.

In Schwellenländern setzt Levering unter anderem auf Gasimport-Infrastruktur in Indien, ein Gasverteilnetz in China sowie einen Wasserversorger in Brasilien. Auch Telekommunikationsinfrastruktur in Schwellenländern zählt zum Portfolio. Levering betont jedoch, selektiv vorzugehen: Nicht jedes Schwellenland-Engagement biete den gleichen regulatorischen Schutz wie die USA oder etablierte europäische Märkte.

Klassische Infrastruktur-Indizes sind stark auf wenige große US-Bahnbetreiber konzentriert. Diese Gewichtung bildet der Wellington-Fonds bewusst nicht nach, sondern setzt stattdessen stärker auf europäische, zinssensitivere Titel sowie ein Übergewicht bei Erdgas-Pipelines.

Zwei Kernpositionen im Fokus

Levering hebt zwei Positionen besonders hervor. Erstens: Dominion Energy aus dem US-Bundesstaat Virginia. Durch einen Zusammenschluss mit NextEra entsteht der weltgrößte regulierte Stromversorger. Die Nachfrage durch Rechenzentren, Elektroautos und Industrie wächst – und für den erforderlichen Netzausbau ist Größe entscheidend.

Zweitens: Williams Companies, einer der größten Erdgaspipeline-Betreiber der USA. Das Unternehmen profitiert vom wachsenden US-Erdgasexport nach Europa – auch als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine – sowie von einem neuen LNG-Exportterminal an der Westküste, über das Flüssiggas nach Asien verschifft wird.

Zur Bewertung: Infrastruktur-Aktien seien momentan attraktiver bewertet als im Zehn-Jahres-Schnitt, sagt Levering. Der MSCI World hingegen ist historisch teuer. Auch in Europa zeigt sich nach wie vor eine Bewertungslücke zwischen Infrastrukturtiteln und dem breiten Markt – ein Argument, das für die Anlageklasse spricht.

Für Levering ist Infrastruktur keine Wette auf einen einzelnen Trend wie Künstliche Intelligenz. Die eigentliche Investmentthese lautet: verlässliche, inflationsgeschützte Cashflows – auch dann, wenn die Zinsen steigen.

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