Warsteiner schließt Herforder Brauerei: 100 Jobs weg
Die Haus-Cramer-Gruppe beendet 147 Jahre Brautradition in Herford – und das Aus war intern längst ein offenes Geheimnis.

Die Herforder Brauerei wird geschlossen. Seit 1878 wird am Standort in Hiddenhausen Bier gebraut – damit ist es nun vorbei. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bestätigte, dass die Belegschaft am Donnerstagmittag über die Schließungspläne informiert wurde. Knapp 100 Mitarbeiter verlieren damit in wenigen Monaten ihren Arbeitsplatz.
Der Standort gehört seit 2007 zur Haus-Cramer-Gruppe, zu der auch die Marke Warsteiner zählt. Gleichzeitig mit der Herforder Nachricht wurde bekannt, dass auch die Brauerei Paderborner – ebenfalls Teil der Unternehmensgruppe – noch in diesem Jahr verkauft werden soll. Findet sich kein Käufer, droht auch dort die Schließung zum Jahresende. Rund 120 Mitarbeiter sind betroffen. In Paderborn werden neben den Marken „Paderborner Gold", „Weissenburg" und „Isenbeck" auch Mixgetränke produziert.
Mohamed Boudih, Sprecher der NGG in Nordrhein-Westfalen, findet deutliche Worte: „Heute ist ein Katastrophen-Tag für das Bier-Land Nordrhein-Westfalen. Ein schwarzer Tag fürs Bier. Ein Horror-Tag für die Brauerei-Städte Herford und Paderborn."
Millionen investiert – und dann die Schließung
Auf den ersten Blick wirkt die Entscheidung paradox. Anfang 2025 nahm die Haus-Cramer-Gruppe am Herforder Standort eine neue Abfüllanlage in Betrieb, die rund 15 Millionen Euro gekostet haben soll. Die Anlage ersetzte eine Maschine aus dem Jahr 1986 und schafft bis zu 50.000 Flaschen pro Stunde. Auch das Sortiment wurde erst vor wenigen Monaten erweitert: Mit dem „Hellen Dikten", einem Hellbier mit 5 Prozent Alkohol, und einer neuen Mischvariante aus 40 Prozent Hellbier und 60 Prozent Zitronen-Erfrischungsgetränk wollte die Brauerei neue Kundensegmente erschließen.
Brauerei-Sprecher Peter Lohmeyer hatte noch Anfang des Jahres gegenüber der Lokalzeitung „Neue Westfälische" optimistisch geklungen: „Für unser Helles läuft es seit letztem Jahr wie'n Dittken." Die Investitionen und positiven Aussagen überdeckten offenbar, dass intern längst Zweifel am Standort bestanden.
Tatsächlich wollte sich die Haus-Cramer-Gruppe bereits Ende 2018 von der Herforder Brauerei trennen. Damals fanden sich zwar Interessenten, doch diese bemängelten die veralteten Anlagen und sahen von einer Übernahme ab. In Spitzenzeiten hatte die Brauerei mehr als eine Million Hektoliter pro Jahr produziert – beim Verkauf an Warsteiner 2007 waren es nur noch rund 660.000 Hektoliter.
Schließung war offenes Geheimnis in der Führungsetage
Laut einem Brancheninsider war die Schließung in der Warsteiner Zentrale zuletzt kein Geheimnis mehr. Intern sei kommuniziert worden, dass Brauereien geschlossen werden müssten, sollte das Jahr 2026 nicht erfolgreich verlaufen. „Da gab es klare Ansagen im Unternehmen", so der Insider gegenüber der WirtschaftsWoche.
Die Haus-Cramer-Gruppe begründet die Einschnitte offiziell mit dem anhaltend sinkenden Bierkonsum in Deutschland. Die Produktion der Gruppe in Nordrhein-Westfalen soll künftig am Stammsitz Warstein konzentriert werden. Die Marken „Herforder" und „Paderborner" bleiben erhalten, werden aber fortan in Warstein gebraut. Die Marke „Herforder" soll dabei den Zusatz „Gebraut in Warstein" erhalten – ob das bei den Stammkunden in Ostwestfalen gut ankommt, darf bezweifelt werden.
Dass in Warstein bereits länger gespart wird, zeigt ein weiteres Detail: Laut einem Insider wurde die Fahrzeugflotte aus Kostengründen von Mercedes-Benz auf Skoda umgestellt. Die Einsparung sei minimal, die Wirkung auf die Belegschaft jedoch verheerend. „Das macht vielleicht eine Ersparnis von 50 Euro pro Monat pro Fahrzeug aus, aber es demotiviert die Außendienstmannschaft", heißt es.
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Zur AktienanalyseDie Probleme der Haus-Cramer-Gruppe spiegeln einen branchenweiten Trend wider. Der Deutsche Brauer-Bund verzeichnete für das vergangene Kalenderjahr einen Rückgang des Bierabsatzes von 6,4 Prozent. Die Haus-Cramer-Gruppe kam mit rund 1,9 Prozent Rückgang noch vergleichsweise glimpflich davon – das entspricht etwa einem Drittel des Branchendurchschnitts.
Doch Fabian Huhle, Bierexperte bei der Unternehmensberatung Roland Berger, sieht keine Trendwende in Sicht: „Der Trend ist klar: Der Bierabsatz wird sich auch in den nächsten 10 bis 20 Jahren weiter verringern." Besonders kleine und mittlere Brauereien – sie stellen den Großteil der noch rund 1.400 Brauereien in Deutschland – stünden vor existenziellen Herausforderungen. Aber auch größere Unternehmen betreiben vielfach noch Kapazitäten, die auf den Absatz der 1990er-Jahre ausgelegt sind.
In der Branche kursieren bereits Gerüchte über mögliche Verkäufe einzelner Brauereien oder sogar der gesamten Haus-Cramer-Gruppe. Als potenzieller Käufer wird hartnäckig der Lebensmittelriese Edeka gehandelt. Kontakte zwischen Edeka und der Herforder Brauerei bestehen bereits: In Hiddenhausen wird die Edeka-Eigenmarke „Traugott Simon" gebraut.
Die Gewerkschaft NGG zeigt sich empört über das Tempo der Entscheidung. „In Herford haben heute knapp 100 Menschen erfahren, dass sie in gut drei Monaten keinen Job mehr haben. So geht man nicht mit Beschäftigten um, die seit Jahren oder sogar Jahrzehnten treu, mit Fleiß und hoher Verbundenheit für die Brauerei gearbeitet haben", sagt NGG-Sprecher Boudih. Ob das Aus in Herford und der drohende Verkauf in Paderborn erst der Anfang einer größeren Konsolidierungswelle in der deutschen Brauereibranche sind, bleibt abzuwarten.

