VW-Sparpläne gescheitert: Betriebsrat stellt Blume Ultimatum
Nach dem Aufsichtsrat-Debakel fordert Betriebsratschefin Cavallo von VW-Chef Blume noch heute eine klare Stellungnahme.

Der Volkswagen-Konzern steckt tief in der Krise – und die Unsicherheit wächst. Nach einer turbulenten Aufsichtsratssitzung gibt es weiterhin keine Klarheit über den geplanten Stellenabbau und mögliche Werksschließungen. Betriebsratschefin Daniela Cavallo zeigte sich nach der Sitzung offen erbost und stellte VW-Chef Oliver Blume ein Ultimatum: Er solle noch im Laufe des heutigen Freitags gegenüber der Belegschaft Stellung beziehen und sich unmissverständlich zu den kursierenden Gerüchten äußern.
Blume hatte bereits im Frühjahr angekündigt, an einem neuen „Zielbild 2030" für den Konzern zu arbeiten und den Sparkurs deutlich verschärfen zu wollen. Nun berichten mehrere Medien von drastischen Plänen: Laut dem Manager Magazin könnten bis zu 100.000 Jobs weltweit wegfallen – doppelt so viele wie bisher geplant. Die BILD geht sogar von bis zu 120.000 Stellen aus, die abgebaut werden könnten, bis zu 70.000 mehr als bislang vereinbart.
Den Berichten zufolge setzt VW dabei vorrangig auf freiwillige Lösungen wie Altersteilzeit oder Abfindungen. Allerdings sollen auch bestehende Verträge und deren Jobgarantien überprüft werden. Besonders brisant: Vier deutschen VW-Werken droht demnach die Schließung – Emden und Zwickau bis 2031, Hannover bis 2032 und Neckarsulm bis 2034.
Aufsichtsrat lehnt Beschlusspaket ab
Doch die Pläne des Vorstands sind vorerst gescheitert. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ist der VW-Vorstand mit seinen Sparplänen im Aufsichtsrat „vorerst krachend gescheitert". Konkrete Beschlüsse zu Stellenstreichungen oder Werksschließungen wurden nicht getroffen. Auch das Manager Magazin berichtete, das komplette Beschlusspaket sei offenbar abgelehnt worden.
Der Konzern selbst bestätigte am späten Donnerstagabend lediglich, dass der Vorstand dem Aufsichtsrat ein umfangreiches Maßnahmenpaket mit zwölf Initiativen sowie das Zielbild 2030 vorgestellt habe. Demnach soll die Modellpalette schrittweise um bis zu 50 Prozent gestrafft und die Anzahl möglicher Ausstattungsoptionen um bis zu 75 Prozent reduziert werden. Zu konkreten Stellenstreichungen oder Werksschließungen schwieg der Konzern in seiner Mitteilung.
„Die Produktionskapazitäten werden an die veränderte globale Marktlage und den massiv gewachsenen Wettbewerb auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr angepasst", hieß es in der offiziellen Stellungnahme. Zum Vergleich: Vor der Corona-Krise kalkulierte Europas größter Autobauer noch mit bis zu zwölf Millionen Fahrzeugen jährlich, nach der Pandemie wurden es zehn Millionen. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD), der dem Aufsichtsrat angehört, räumte ein: „Tatsächlich ist die Frage, wann Entscheidungen getroffen werden, noch unklar."
Einbruch in China belastet den Konzern massiv
Die Krise hat handfeste operative Ursachen. Der Wolfsburger Konzern, zu dem Marken wie VW, Audi, Skoda und Porsche gehören, kann sich der Schwäche im chinesischen Markt weiterhin nicht entziehen. Im zweiten Quartal lieferte VW in der Volksrepublik rund 26 Prozent weniger Fahrzeuge aus. Weltweit sank die Zahl der Auslieferungen von April bis Juni auf nur noch 2,08 Millionen Fahrzeuge – ein Rückgang von fast neun Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Der Rückgang fiel damit noch stärker aus als im ersten Quartal, das bereits ein Minus von vier Prozent verzeichnet hatte. Besonders hart traf es die Kernmarke Volkswagen mit einem Minus von 14 Prozent. Audi verbuchte einen Rückgang von 8,2 Prozent auf 367.000 Fahrzeuge, Porsche meldete sogar ein Minus von 18 Prozent auf 61.300 Sport- und Geländewagen. Einzig Skoda konnte sich mit einem Plus von knapp fünf Prozent auf rund 284.000 Autos positiv abheben.
Etwas Licht gibt es in Nordamerika und Europa: In Nordamerika wurden trotz der neuen US-Zölle unter Präsident Donald Trump insgesamt 242.000 Fahrzeuge ausgeliefert, fast acht Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. In Westeuropa stiegen die Auslieferungen um knapp zwei Prozent auf gut 900.000 Fahrzeuge. Bei Elektroautos legte der Konzern europaweit sogar um knapp sechs Prozent auf gut 200.000 Fahrzeuge zu.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalysePolitischer Druck und Debatte um Arbeitszeiten
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) übte im Deutschlandfunk scharfe Kritik an Volkswagen. Das Unternehmen habe in den vergangenen Jahrzehnten Fehler gemacht, sei ineffizient und leide unter einem zu großen Wasserkopf. Kretschmer forderte zudem eine Abkehr von der 35-Stunden-Woche – ähnlich wie es bei Mercedes diskutiert wird.
Dort sorgt das Thema Wochenarbeitszeit derzeit ebenfalls für erhebliche Unruhe. Vergangene Woche demonstrierten Beschäftigte in vielen Mercedes-Werken gegen die Managementpläne, zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich zurückzukehren. Die Gewerkschaft IG Metall hält diese Forderung für inakzeptabel. Die Debatte um Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitskosten erfasst damit gleich zwei der größten deutschen Automobilkonzerne gleichzeitig.


