VW-Krise: 100.000 Jobs und vier Werke auf dem Spiel
Vorstand, Betriebsrat und Land Niedersachsen stehen sich unversöhnlich gegenüber – eine Lösung ist nicht in Sicht.
Bei Volkswagen herrscht auch in der Sommerpause kein Frieden. Zum Ferienstart in den deutschen Werken eskaliert der Konflikt zwischen Konzernvorstand, Betriebsrat und dem Land Niedersachsen weiter. Rote IG-Metall-Fahnen vor den Werkstoren, Trillerpfeifen und wütende Reden prägten die Stimmung.
Am 9. Juli demonstrierten Hunderte Beschäftigte an deutschen VW-Standorten – auch vor der Konzernzentrale in Wolfsburg. Dort präsentierte der Vorstand dem Aufsichtsrat seine Sparpläne. Das bereits vorab durchgesickerte Papier sorgt für Aufruhr: Weltweit könnten bis zu 100.000 Stellen bei Volkswagen wegfallen.
Vier Werke ohne Zukunftsperspektive
Im Mittelpunkt der Debatte stehen die schwach ausgelasteten Standorte Hannover, Emden, Zwickau sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Für alle vier fehlen Folgemodelle. Die aktuelle Produktion läuft zu Beginn der 2030er-Jahre aus. Im Aufsichtsrat fand die Konzernspitze für ihre Pläne dennoch keine Mehrheit.
Damit ist der Streit jedoch nicht beendet. Nach Emden und Hannover begannen auch in Wolfsburg die Werksferien – Wochen der Ungewissheit für die Belegschaft. Die Arbeitnehmerseite läuft weiter Sturm gegen die Sparpläne. Für die IG Metall kommen Werksschließungen schlicht nicht infrage.
Noch 2024 hatte die Gewerkschaft einem Kompromiss zugestimmt: Der Abbau von konzernweit 50.000 Stellen wurde akzeptiert – aber nur, weil die VW-Führung im Gegenzug allen Werken eine Standortgarantie bis 2030 aussprach. Der erneute Sparkurs trifft nun auf massiven Widerstand.
IG Metall droht mit „heißem Herbst"
IG-Metall-Chefin Christiane Benner richtete nach der ersten Protestwelle klare Worte an den Vorstand: „Im ganzen Land, an allen Standorten haben wir eine klare Botschaft an den Vorstand gesendet: So nicht!" Die Gewerkschaft droht in einem Flugblatt mit einem „heißen Herbst" und kündigt weitere Proteste an. Bereits Ende August soll es VW-weit Betriebsversammlungen geben.
Der Konzernbetriebsrat stellte Konzernchef Oliver Blume nach der Aufsichtsratssitzung ein Ultimatum: Innerhalb eines Tages sollte er vor der Belegschaft Klartext sprechen. Blume ließ die Frist verstreichen – für den Betriebsrat ein weiterer schwerer Vertrauensverlust.
Der VW-Chef meldete sich erst später zu Wort – zunächst in der Bild am Sonntag, dann in einem Interview im VW-Intranet. Seine Botschaft: „Es gibt intelligentere Lösungen, als Werke zu schließen." Die IG Metall ließ das nicht gelten und sprach von Floskeln, deren Aussagekraft „gen Null" gehe. Die Kommunikation des Vorstands bezeichnete die Gewerkschaft als „Desaster".
Druck von allen Seiten auf Blume
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Zur AktienanalyseOliver Blume gerät zunehmend in die Zange. Neben der Arbeitnehmerseite lehnt auch das Land Niedersachsen – als einflussreicher Anteilseigner – das Sparkonzept ab. Ohne das Volkswagen-Stammland lässt sich im Konzern kaum etwas durchsetzen.
Gleichzeitig wächst der Druck von der Kapitalseite. Aus dem Umfeld der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch heißt es laut Medienberichten, Blume sei durchsetzungsschwach. Die Familien erwarten, dass er Volkswagen deutlich profitabler macht und die Kosten spürbar senkt. Seit Blumes Amtsantritt im September 2022 hat sich der VW-Aktienkurs halbiert – ein deutliches Signal für Privatanleger.
Um die Trendwende einzuleiten, denkt der Vorstand offenbar sogar über einen grundlegenden Konzernumbau nach. Die VW-Kernmarke soll demnach aus dem Konzernverbund herausgelöst werden – ein Schritt, der den Einfluss des Landes Niedersachsen und der Arbeitnehmervertreter erheblich beschneiden würde. Wie realistisch dieses Szenario ist, bleibt umstritten.
Eine Lösung im VW-Streit ist nicht in Sicht. Ab dem Herbst dürften die Emotionen weiter hochkochen – denn Volkswagen braucht dringend Entscheidungen. Dem einstigen Branchenprimus läuft die Zeit davon.


