VW-Hauptversammlung: Sparprogramm allein rettet den Konzern nicht
Volkswagen kämpft mit Kosten, China-Krise und US-Zöllen. Analysten warnen: Ohne Strategie bleibt Sparen wirkungslos.

VW-Konzernchef Oliver Blume trat zur Hauptversammlung mit einer ungewöhnlich offenen Botschaft an die Aktionäre. Neben Erfolgen wie der Auszeichnung als innovativstes Automobilunternehmen der Welt und der Marktführerschaft bei Elektroautos in Europa räumte Blume in seiner Rede auch die ernste Lage des Konzerns ein: „Die Risikolage war noch nie so hoch – und sie wird sich weiter verstärken."
Weltweite Konflikte, neue US-Zölle und ein brutaler Preiskampf auf dem chinesischen Markt setzen Volkswagen massiv unter Druck. Blumes Schlussfolgerung daraus ist klar: „Der größte unternehmerische Handlungsbedarf liegt weiterhin bei unseren Kosten." Für Privatanleger bedeutet das: Der Konzern befindet sich in einer Phase tiefgreifender Umstrukturierung – mit allen damit verbundenen Risiken und Unsicherheiten.
Massiver Stellenabbau bereits beschlossen
Bereits Ende 2024 hatte VW nach monatelangem Ringen mit Betriebsrat und IG Metall ein umfangreiches Sparpaket vereinbart. Bis 2030 sollen an zehn Standorten rund 35.000 Stellen sozialverträglich abgebaut werden, der Großteil davon in Niedersachsen. Laut Volkswagen haben bereits 28.000 Beschäftigte ihren Austritt vertraglich fixiert. Zusätzlich sind bei Porsche und Audi weitere 15.000 Stellenstreichungen geplant.
Doch knapp zwei Jahre nach dem Beschluss zeichnet sich ab: Das Sparprogramm könnte nicht ausreichen. Eine Verschärfung der Maßnahmen gilt als wahrscheinlich – und damit auch neuer Konflikt mit Gewerkschaft und Betriebsrat.
Analysten fordern mehr als nur Kostensenkung
Janne Werning, Analyst bei der Fondsgesellschaft Union Investment, bringt die Kernkritik auf den Punkt: „Ein Sparprogramm allein ist keine Strategie." Ohne tragfähige Lösungen für die Schwäche in China und den USA sowie ohne einen erfolgreichen Übergang zu software-definierten Fahrzeugen werde auch das Sparen nicht helfen. VW müsse „wirklich beides ausbalancieren", so Werning.
Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka teilt diese Einschätzung: „Volkswagen muss attraktive Produkte produzieren, dann ist die Kostenfrage erst mal zweitrangig." Für Anleger ist das ein wichtiges Signal: Die Bewertung der VW-Aktie hängt langfristig weniger vom Sparerfolg ab als von der Fähigkeit des Konzerns, im globalen Wettbewerb wieder relevante Produkte zu liefern.
Gewerkschaft zieht klare Grenzen
IG Metall und VW-Betriebsrat haben ihre Position bereits vorsorglich abgesteckt. In einer gemeinsamen Erklärung pochen sie auf „gute Arbeit, Zukunftsperspektiven und sichere Beschäftigung" – und kündigen an, allem, was dem zuwiderläuft, „mit aller Härte" entgegenzutreten. Werksschließungen bleiben für beide Seiten absolut indiskutabel.
Dennoch wird über die Zukunft einzelner Standorte bereits wieder spekuliert. Werke wie Hannover und Emden gelten als kostenintensiv, sind aber durch den „2024er-Kompromiss" bis 2030 abgesichert. Einzig der Standort Osnabrück hat keine gesicherte Perspektive über das Jahr 2027 hinaus.
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Zur AktienanalyseSchwerfälliger Aufsichtsrat als strukturelles Problem
Analyst Werning sieht ein weiteres Hemmnis für eine schnelle Kurskorrektur: den Aufsichtsrat. Dieser sei „sehr sehr schwerfällig" aufgrund seiner besonderen Zusammensetzung. Das Land Niedersachsen, die Familien Porsche und Piëch sowie Gewerkschaft und Betriebsrat vertreten dort teils gegensätzliche Interessen – was schnelle Entscheidungen erschwert.
Deka-Experte Speich geht noch weiter und spricht von „schwacher Unternehmensführung" – meint damit jedoch ausdrücklich nicht den Vorstand um Oliver Blume, sondern die Governance-Struktur des Aufsichtsrats. Er fordert Reformen. Für Blume bedeutet das alles: 2026 wird erneut kein einfaches Jahr. Den großen, vielschichtigen VW-Konzern durch diese Krise zu steuern, gilt als eine der schwierigsten Managementaufgaben in der deutschen Industrie.


