Verdi weitet Warnstreiks im Handel massiv aus – Fronten verhärtet
Tausende Beschäftigte im Einzel- sowie Groß- und Außenhandel streiken bundesweit. Verdi fordert sieben Prozent mehr Lohn.

Die Tarifverhandlungen im deutschen Einzelhandel sowie im Groß- und Außenhandel haben eine kritische Phase erreicht. Die Gewerkschaft Verdi hat ihre Warnstreiks bundesweit massiv ausgeweitet, um den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen. Betroffen sind rund fünf Millionen Beschäftigte der Branche.
An zwei aufeinanderfolgenden Tagen legten tausende Arbeitnehmer zeitweise die Arbeit nieder. Für zentrale Kundgebungen in Erfurt, Bochum, Saarbrücken, Berlin und Ingolstadt prognostizierte die Gewerkschaft eine Gesamtteilnehmerzahl von mehr als 10.000 Personen. Auch in Kiel zeigten rund 200 Beschäftigte aus Schleswig-Holstein Präsenz.
Verdis Forderungen: Sieben Prozent und Mindestbetrag
Im Kern fordert Verdi eine Anhebung der Löhne und Gehälter um sieben Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. In vielen Tarifgebieten ergänzt die Gewerkschaft diese Forderung durch eine soziale Komponente: Eine Erhöhung um mindestens 225 Euro monatlich soll sicherstellen, dass insbesondere untere Einkommensgruppen spürbar entlastet werden.
Silke Zimmer, Vorstandsmitglied von Verdi, machte bei der Demonstration in Kiel deutlich, worum es der Gewerkschaft geht. „Wir sind nicht die Billigheimer der Nation", sagte Zimmer. Sie betonte, dass es um Anerkennung und Wertschätzung gehe – insbesondere vor dem Hintergrund, dass knapp zwei Drittel der Beschäftigten im Einzelhandel in Teilzeitverhältnissen arbeiten und oft auf zusätzliche Stunden angewiesen seien, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Vermeidung weiterer Reallohnverluste sei das erklärte Ziel der Gewerkschaft.
Arbeitgeber sehen kaum Auswirkungen
Der Handelsverband Deutschland (HDE) bewertet die Lage deutlich gelassener. Steven Haarke, Tarifgeschäftsführer des HDE, erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass die Warnstreiks bisher keine spürbaren Auswirkungen auf die Kunden hätten. Die Unternehmen seien gut vorbereitet und die internen Abläufe eingespielt. Auch für weitere Streiktage rechnet der Verband nicht mit nennenswerten Störungen im Geschäftsbetrieb.
Der HDE verweist darauf, dass die Arbeitgeber bereits Angebote vorgelegt haben – die Verdi jedoch als unzureichend zurückgewiesen hat. Die Differenzen zwischen den Positionen sind erheblich.
Weite Kluft zwischen Angebot und Forderung
Im Groß- und Außenhandel haben die Arbeitgeber laut Verdi eine Entgelterhöhung von insgesamt 3,4 Prozent über eine Laufzeit von 24 Monaten angeboten, wobei die Erhöhung erst im Monat nach dem Tarifabschluss greifen soll. Die Gewerkschaft kritisiert, dass die lange Laufzeit den realen Zuwachs faktisch halbiere.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseIm Einzelhandel sieht das Arbeitgeberangebot eine noch langsamere Dynamik vor: Nach einer sechsmonatigen Nullrunde sollen die Entgelte um zwei Prozent steigen, gefolgt von einer weiteren dreimonatigen Phase ohne Steigerung und einer abschließenden Erhöhung um 1,5 Prozent – ebenfalls bei einer Gesamtlaufzeit von zwei Jahren. Für Verdi ist das weit von einer akzeptablen Lösung entfernt.
Die Verhandlungen finden in den 16 Tarifgebieten des Einzelhandels sowie den 20 Tarifgebieten des Groß- und Außenhandels statt, was die Lage zusätzlich komplex macht. Fortschritte und Angebote können sich regional unterscheiden. In mehreren Bundesländern – darunter Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland – ruhten die Streikaktivitäten am Donnerstag aufgrund des Feiertags Fronleichnam, wurden am Freitag jedoch flächendeckend fortgesetzt.
Die Gewerkschaft zeigt sich entschlossen, den Kurs beizubehalten, bis ein Abschluss erzielt wird, der die Leistung der Beschäftigten anerkennt und die Inflation ausgleicht. Der HDE hingegen sieht seine bisherigen Angebote als Basis für weitere Gespräche. Solange beide Seiten an ihren Positionen festhalten, dürften die Warnstreiks im Handel weitergehen.


