US-Staatsschulden: Was Untergangspropheten systematisch falsch verstehen
Ökonomen widerlegen populäre Horrorszenarien zur US-Staatsverschuldung von 39 Billionen Dollar mit buchhalterischen Grundprinzipien.

Die US-Staatsverschuldung von 39 Billionen Dollar sorgt regelmäßig für apokalyptische Schlagzeilen. Autoren wie Nash, Thomas, Lang und Rastin zogen zuletzt in RealClearMarkets Parallelen zum Untergang des Römischen Reiches und zur Hyperinflation der Weimarer Republik. Das Argument klingt schlüssig und ist emotional befriedigend – es ist jedoch in mehrfacher Hinsicht falsch.
Der entscheidende Denkfehler liegt in der einseitigen Betrachtung: Staatsschulden werden als Verbindlichkeit ohne entsprechenden Vermögenswert behandelt. Das widerspricht sowohl den offiziellen Büchern der US-Regierung als auch grundlegenden ökonomischen Zusammenhängen.
Die Sektorensalden-Identität: Buchhalterische Arithmetik
Der Ökonom Wynne Godley formalisierte einen zentralen Zusammenhang, der in der öffentlichen Debatte fast vollständig ignoriert wird: die sogenannte Sektorensalden-Identität. Das Prinzip ist einfach – in einer geschlossenen Volkswirtschaft ist das Defizit eines Sektors zwingend der Überschuss eines anderen Sektors.
Jeder Dollar, den die Bundesregierung über ihre Steuereinnahmen hinaus ausgibt, erscheint als Nettogeldvermögen im privaten oder ausländischen Sektor. Das ist keine Theorie, sondern arithmetische Tatsache – vergleichbar mit einem doppelten Buchführungssystem, das stets ausgeglichen sein muss.
Konkret bedeutet das: Das US-Bundesdefizit betrug im Fiskaljahr 2024 rund 1,8 Billionen Dollar. Exakt dieser Betrag – abzüglich der Anteile ausländischer Staatsanleihenhalter – landete als Nettofinanzvermögen in den Bilanzen amerikanischer Haushalte, Unternehmen und Pensionsfonds. US-Staatsanleihen sind damit kein abstraktes Risiko für „zukünftige Steuerzahler", sondern ein finanzieller Vermögenswert, der heute von Sparern, Rentenkonten, Banken und Versicherungsgesellschaften gehalten wird.
Die historische Evidenz stützt diesen Zusammenhang. Jedes Mal, wenn sich das Staatsdefizit ausweitete – während der Rezession 2001, der Finanzkrise 2008 und der Pandemie 2020 – vergrößerte sich der Überschuss des Privatsektors um einen nahezu gleichen Betrag. Diese inverse Korrelation ist kein Zufall. Als die Politik die USA Ende der 1990er Jahre in Richtung eines Haushaltsüberschusses drängte, wurde der private Sektor in ein Defizit getrieben. Dieser private Verschuldungsexzess war ein wesentlicher Treiber der Finanzkrise von 2008.
Die Haushaltsanalogie: Schulden ohne Kontext sagen nichts
Die Kritiker warnen, die „Verschuldung pro Steuerzahler" übersteige 350.000 Dollar. Diese Kennzahl ist ohne die entsprechende Aktivseite der Bilanz jedoch bedeutungslos. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht das: Ein Berufstätiger mit 100.000 Dollar Jahreseinkommen und einer Hypothek von 300.000 Dollar gilt nach der Logik der Untergangspropheten als tief insolvent. Kein Banker würde diesen Haushalt jedoch als bankrott bezeichnen – denn die Hypothek ist durch einen Vermögenswert besichert. Wenn beim Hauskauf 20 Prozent angezahlt wurden, ist das Haus rund 360.000 Dollar wert.
Was zählt, ist der Vermögenswert auf der anderen Seite des Hauptbuchs, die Zuverlässigkeit des Einkommensstroms und die Fähigkeit, die Verpflichtung zu bedienen. Bei der US-Bundesregierung gilt dasselbe Prinzip.
Der Finanzbericht der US-Regierung für das Fiskaljahr 2024 weist 5,7 Billionen Dollar an Bilanzaktiva aus – darunter Barmittel, Darlehensforderungen sowie Sachanlagen und Ausrüstung. Dem stehen 45,5 Billionen Dollar an Gesamtverbindlichkeiten gegenüber, was eine negative Nettoposition ergibt. Kritiker greifen diese Zahl gerne auf, übersehen dabei aber die Fußnoten: Die Bilanz schließt explizit sogenannte „Stewardship Assets" aus. Schätzungen für den Wert des Bundeslandes allein reichen je nach Methodik von 1,8 Billionen bis über 5 Billionen Dollar – und erscheinen nicht in der offiziellen Bilanz.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseDie eigentliche Stärke: Die US-Steuerbasis
Wichtiger als jeder einzelne Vermögenswert ist die Steuerbasis. Die Bundesregierung nimmt jährlich rund 17 bis 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an Steuern ein – das entspricht etwa 5,1 Billionen Dollar. Diese verlässliche Einnahmebasis ist der eigentliche Garant für die Schuldentragfähigkeit der USA.
Defizite und Schulden sind nicht von Natur aus destruktiv. Sie finanzieren Ausgaben, die zu Einkommen für Haushalte und Unternehmen werden und so wirtschaftliche Aktivität stützen. Defizite stabilisieren die Wirtschaft oft gerade in Rezessionen, indem sie den privaten Sektor mit Liquidität versorgen und bei der Sanierung von Bilanzen helfen.
Würde man die Staatsschulden morgen abschaffen, würde man gleichzeitig 28 Billionen Dollar an Finanzvermögen vernichten, das von Sparern, Pensionsfonds und der Federal Reserve gehalten wird. Das wäre – anders als die Untergangspropheten glauben – tatsächlich eine Finanzkrise.


