US-Erdgasindustrie: Trotz Rekordförderung leiden heimische Hersteller unter Versorgungsengpässen
Deutsche Chemiekonzerne wie Evonik müssen Produktion einstellen, während LNG-Exporte Vorrang haben

Die USA fördern so viel Erdgas wie nie zuvor und sind zum weltgrößten Exporteur von Flüssigerdgas (LNG) aufgestiegen. Doch ausgerechnet die heimische Industrie leidet zunehmend unter Versorgungsengpässen – besonders an kalten Wintertagen. Der versprochene Wettbewerbsvorteil durch billiges, reichlich verfügbares Gas erweist sich für viele Hersteller als Illusion.
Ende Januar musste das Werk von Evonik Industries in Havre de Grace, Maryland, die Produktion komplett einstellen. Der lokale Versorger hatte dem deutschen Chemiekonzern mitgeteilt: Stellen Sie das Gas ab, oder riskieren Sie enorme finanzielle Strafen. Sieben Tage lang stand die Kieselsäure-Produktion für Zahnpasta und Lebensmittelprodukte still.
"Es geht buchstäblich in den Einmottungsmodus über", erklärt Len Kientz, Direktor für Energiemanagement bei Evonik in Nordamerika. "Es hat wirklich wehgetan, weil wir eine Woche Produktionszeit verloren haben." Mitarbeiter mussten Notheizungen hochfahren, damit die Anlagen nicht einfroren, und wurden mit Wartungsaufgaben beschäftigt.
Pipeline-Kapazitäten reichen nicht aus
Das Problem liegt nicht in mangelnder Gasförderung, sondern in unzureichender Pipeline-Infrastruktur. Wenn die Nachfrage nach Heizung und Kühlung sprunghaft ansteigt, reicht die Transportkapazität in vielen Landesteilen nicht aus. Dabei werden industrielle Abnehmer systematisch benachteiligt.
Kraftwerke und Privathaushalte haben Vorrang – aus nachvollziehbaren Gründen der Versorgungssicherheit. Doch auch LNG-Exporteure bleiben verschont, dank langfristiger Lieferverträge mit garantierten Pipeline-Kapazitäten. Die heimische Industrie steht hinten an.
Für Evonik blieb es nicht bei Maryland. Auch Standorte in Illinois, Indiana, Tennessee und Nebraska wurden in diesem Winter von sprunghaft ansteigenden Spotmarktpreisen getroffen. Der deutsche Chemiekonzern ist damit exemplarisch für ein strukturelles Problem der US-Energiepolitik.
Wettbewerbsvorteil verpufft
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Zur AktienanalyseVor fünfzehn Jahren versprach der Schiefergas-Boom amerikanischen Herstellern einen dauerhaften Kostenvorteil gegenüber der globalen Konkurrenz. Tatsächlich erreicht die US-Gasförderung weiterhin neue Rekordwerte. Doch die fehlende Infrastruktur und die Priorisierung von Exporten konterkarieren diesen Vorteil zunehmend.
Für Unternehmen wie Evonik bedeuten die Produktionsausfälle nicht nur entgangene Umsätze, sondern auch Planungsunsicherheit. Wenn an den kältesten Wintertagen die Gasversorgung nicht garantiert werden kann, verliert der Standort USA an Attraktivität – trotz der vermeintlich reichlich vorhandenen Ressourcen unter amerikanischem Boden.


