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Ukraine-Krieg: Zeitfenster für Waffenstillstand droht zu schließen

Ein Analyst warnt: Die Chance auf einen Waffenstillstand in der Ukraine ist real – aber das Zeitfenster könnte bald schließen.

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Ukraine-Krieg: Zeitfenster für Waffenstillstand droht zu schließen

Der Krieg in der Ukraine dauert nun bereits weit ins fünfte Jahr an – länger als viele der großen Konflikte des vergangenen Jahrhunderts. Politikanalyst Ivan Krastev, Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies und Fellow am IWM Wien, warnt in einem Gastbeitrag für die Financial Times: Nicht nur Putins Streben nach einem totalen Sieg hält den Krieg am Laufen. Auch das europäische und amerikanische Streben nach einem dauerhaften, diplomatisch ausgehandelten Frieden könnte eine „tödliche Illusion" sein.

Die entscheidende Botschaft lautet: Selbst wenn die Chance auf einen dauerhaften Frieden minimal ist, sollte die Gelegenheit für einen bedeutsamen Waffenstillstand nicht ungenutzt verstreichen. In einer Welt, in der Kriege als „Spezialoperationen" umetikettiert werden und Frieden nicht mehr als eingefrorene Ungewissheit bedeutet, hat sich das Wesen der Friedensschließung grundlegend verändert.

Selenskyjs Brief als Wendepunkt

Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Kontext der offene Brief des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an Putin vom 4. Juni. Darin forderte Selenskyj direkte Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau und argumentierte, es gebe guten Grund zur Annahme, dass die Feindseligkeiten in naher Zukunft eingestellt werden könnten. Krastev wertet diesen Brief als dramatischen Wandel in der Art und Weise, wie Kiew über das Ende des Krieges nachdenkt – vergleichbar mit dem Einfluss, den Drohnen auf die ukrainische Kriegsführung hatten.

Die militärische Lage spricht ebenfalls für ein Einfrieren des Konflikts. Russland gewinnt den Krieg nicht: Die russische Sommeroffensive wurde durch den technologischen Vorsprung der Ukraine gestoppt, während die Verluste Moskaus Kapazitäten zur Mobilisierung neuer Rekruten übersteigen. Die russische Wirtschaft blutet aus, und die öffentliche Unterstützung für den Krieg erodiert sichtlich. Will Putin sein Ziel, den gesamten Donbas zu kontrollieren, weiterverfolgen, müsste er auf Massenmobilisierung oder den Einsatz von Atomwaffen zurückgreifen – beides mit unvorhersehbaren, potenziell katastrophalen Folgen.

Was Putin aus einem Waffenstillstand herausholen könnte

Sollte sich Putin dazu entscheiden, die Kämpfe einzustellen, könnte er keinen totalen Sieg beanspruchen – aber er könnte einen Erfolg vortäuschen. Die US-Politik gegenüber Europa garantiert, dass die Ukraine zumindest kurzfristig nicht der NATO beitreten wird, sodass Putin behaupten könnte, eines seiner zentralen Ziele erreicht zu haben. Zudem zeigt eine aktuelle Umfrage des European Council on Foreign Relations, dass die meisten Europäer nicht begeistert davon sind, Friedenstruppen in die Ukraine zu entsenden – auch das könnte Moskau als Erfolg verbuchen.

Auch für die Ukraine gibt es gewichtige Gründe, ein Ende der Feindseligkeiten anzustreben. Der Konflikt hat der Welt bewiesen, dass die Ukrainer keine „verzauberten Russen" sind, wie russisch-nationalistische Narrative behaupten. Die ukrainische Armee gilt als eine der stärksten in Europa, der Verteidigungssektor wird weltweit beneidet, und die Souveränität des Landes wurde bekräftigt – trotz territorialer Verluste.

Die demografische Frage als strategisches Argument

Die vielleicht schmerzhafteste Frage stellt Krastev mit Blick auf die Zukunft: Wie viele Menschen kann die Ukraine noch verlieren, bevor sie ihre Zukunft verliert? Ein langer Krieg bedeutet nicht nur mehr Tote und Verwundete, sondern auch weniger geborene Kinder und weniger Ukrainer, die aus dem Ausland zurückkehren. Eine Fortsetzung des Konflikts – selbst wenn sie die Befreiung weiterer Gebiete ermöglicht – sei langfristig keine optimale Strategie, insbesondere angesichts eines weiteren harten Winters und möglicher ungünstiger Verschiebungen in der europäischen Politik.

Derzeit bestehe eine reale Chance, den Krieg einzufrieren. Das Risiko: Das Zeitfenster könnte verstreichen, weil Putin der Illusion eines totalen Sieges erliegt und weil Europas Verbündete nicht begriffen haben, dass sich das Wesen der Friedensschließung ebenso verändert hat wie das der Kriegsführung. Direkte Gespräche zwischen Russen und Ukrainern, so das Fazit, könnten noch immer der realistischste Weg zu dem sein, was heute als Frieden gilt.

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