Trumps zweite Amtszeit: Wie das US-Justizsystem standhält
Trotz massiver Angriffe auf rechtliche Leitplanken bremsen US-Gerichte Trumps Regierung immer wieder aus – doch die Grenzen verschwimmen.

„Wer sein Land rettet, verletzt kein Gesetz" – mit diesem Napoleon-Zitat läutete Donald Trump seine zweite Amtszeit ein. Als Faustregel gilt: Amerikas 47. Präsident stellt fast alle seine Handlungen, ob legal oder nicht, als Maßnahmen zur Rettung der USA dar. Auf die Frage, ob es Grenzen für sein Handeln im Ausland gebe, antwortete Trump schlicht: „Meine eigene Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich aufhalten kann."
Damit dürfte Trump in einem Bereich tatsächlich recht haben: Die US-Justiz hat traditionell Nachsicht gegenüber exekutiven Maßnahmen walten lassen, denen die Worte „nationale Sicherheit" vorangestellt waren. In der Innenpolitik sieht das jedoch ganz anders aus.
Gerichte als Bremse der Exekutive
Obwohl Trump eine Leitplanke nach der anderen angegriffen und langjährige Normen zerstört hat, haben US-Gerichte ihm seit Januar 2025 immer wieder Sand ins Getriebe gestreut. Hunderte von Dekreten des Weißen Hauses wurden blockiert oder dies zumindest versucht. Trump wurde von Richtern daran gehindert, die Nationalgarde in mehrere Bundesstaaten zu entsenden – darunter Kalifornien, Oregon und Illinois –, was die Razzien der Einwanderungsbehörde ICE gegen Migranten ohne Papiere verlangsamte. Nationalgardisten sind jedoch weiterhin auf den Straßen von Washington, D.C., präsent, das als kein Bundesstaat über weniger rechtliche Autonomie verfügt.
Gerichte torpedierten auch die weitreichendsten Schritte von Elon Musks sogenanntem „Ministerium für Regierungseffizienz" (Doge), einschließlich des Versuchs, persönliche Steuer- und Sozialversicherungsdaten von Amerikanern herunterzuladen. Musks vorzeitiger und jähzorniger Rückzug aus dieser Rolle im Mai 2025 lässt sich laut Beobachtern teilweise auf diese gerichtlichen Niederlagen zurückführen.
Die Frustration des Weißen Hauses ist entsprechend groß. Todd Blanche, der amtierende US-Justizminister, sprach von „abtrünnigen aktivistischen Richtern". Regierungsvertreter forderten wiederholt deren Absetzung oder ein Amtsenthebungsverfahren – bisher ohne Erfolg.
Juristische Vergeltung ohne prominente Erfolge
Auch bei seiner juristischen Vergeltungskampagne hat Trump kaum Fortschritte erzielt. Obwohl die Zielscheiben seines Zorns unter explodierenden Anwaltskosten leiden und ihr Leben auf den Kopf gestellt wird, blieben prominente Verurteilungen aus. Gerichte wiesen Klagen gegen James Comey, den ehemaligen FBI-Direktor, ab und zeigten sich tief skeptisch gegenüber dem Verfahren gegen Letitia James, die Generalstaatsanwältin des Bundesstaates New York. Fast sicher aus Angst vor einer Niederlage hat Trump nicht ernsthaft versucht, seine angekündigte Verfolgung der „Biden-Verbrecherfamilie" fortzusetzen oder Hillary Clinton „hinter Gitter zu bringen".
Ein bedeutender öffentlicher Moment ereignete sich im Januar, nachdem Bundesagenten in Minneapolis zwei Anti-ICE-Demonstranten, Renée Good und Alex Pretti, getötet hatten. Der öffentliche Aufschrei – nicht ein gerichtliches Eingreifen – überzeugte Trump, die ICE aus dem Bundesstaat Minnesota abzuziehen. Dennoch gehen ICE-Razzien im Morgengrauen auf Parkplätzen und in Kindertagesstätten sowie regelmäßige Straßensperren auf Pendlerstrecken andernorts ungehindert weiter.
Das Spiel mit wechselnden Regeln
Beamte des Justizministeriums haben routinemäßig gerichtliche Anordnungen ignoriert oder Maßnahmen auf schnell geänderten rechtlichen Grundlagen weiterverfolgt. Besonders berüchtigt sind die Behauptungen, die USA seien rechtlich nicht verpflichtet, illegal abgeschobene Migranten aus El Salvador, Venezuela und anderen Ländern zurückzuholen. Richter haben ihre Ungeduld mit dieser Praxis kaum verborgen.
US-Bezirksrichterin Ana Reyes brachte es im März 2025 auf den Punkt: „Ich werde nicht hinnehmen, dass Regierungsbeamte der Öffentlichkeit das eine sagen – was sie wirklich meinen – und dann hier vor Gericht erscheinen und mir etwas anderes erzählen, als wäre ich eine Idiotin." Sie reagierte damit auf Anwälte, die argumentierten, das Pentagon verbiete lediglich Soldaten mit „Geschlechtsdysphorie" den Dienst, während Verteidigungsminister Pete Hegseth eine Erklärung herausgegeben hatte, die Transgender-Personen generell den Militärdienst untersagte.
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Zur AktienanalyseIm Vergleich zu Nixon, dem der Oberste Gerichtshof 1974 befahl, seine Tonbandaufnahmen aus dem Oval Office herauszugeben, steht Trump bisher vor keinem derart direkten Konflikt mit dem höchsten Gericht des Landes. Tatsächlich gab der Supreme Court Trump im Juni 2025 grünes Licht, Aussetzungen seiner Handlungen durch untergeordnete Gerichte zu ignorieren, solange Berufungsverfahren anhängig sind.
Öffentliche Meinung und Zwischenwahlen als letzte Bollwerke
Die öffentliche Meinung gilt als ultimatives Bollwerk gegen eine abtrünnige Präsidentschaft. Wie Abraham Lincoln einst formulierte: „Die öffentliche Meinung ist alles. Mit ihr kann nichts scheitern; gegen sie kann nichts gelingen." Eine weitere potenzielle Kontrolle könnte im November bei den Zwischenwahlen folgen, sollten die Republikaner die Kontrolle über den Capitol Hill verlieren. Ein von den Demokraten kontrollierter Kongress würde Trump mit Vorladungen überhäufen und ihm weiteren Sand ins Getriebe streuen.
Vorerst gilt: Das System hält – gerade noch.


