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Tony Blair Institute schlägt radikale Reform der staatlichen Rente vor

Ein neuer „Lifespan Fund" soll die staatliche Rente ersetzen – flexibler, gerechter und langfristig deutlich günstiger für den Staatshaushalt.

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Tony Blair Institute schlägt radikale Reform der staatlichen Rente vor

Das Tony Blair Institute (TBI) hat einen der radikalsten Reformvorschläge zur staatlichen Rente der jüngeren Zeit vorgelegt. Der 2016 vom ehemaligen britischen Premierminister gegründete Thinktank schlägt vor, die staatliche Rente in ihrer bisherigen Form vollständig durch einen sogenannten „Lifespan Fund" – einen Lebenszeit-Fonds – zu ersetzen. Das Modell würde das britische Rentensystem grundlegend umgestalten und könnte als Denkanstoß auch für andere europäische Rentensysteme relevant sein.

Hintergrund des Vorschlags ist die wachsende Sorge um die langfristige Finanzierbarkeit staatlicher Renten. In Großbritannien wird erwartet, dass die Kosten für die staatliche Rente bis 2070 auf 7,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen. Unter dem neuen TBI-Modell würden diese Kosten auf 5,5 Prozent sinken – was nach Angaben des Thinktanks jährlichen Einsparungen von 66 Milliarden Britischen Pfund in heutigem Geldwert entspräche.

So würde der Lifespan Fund funktionieren

Anstatt feste monatliche Zahlungen auf Basis von Sozialversicherungsbeiträgen zu leisten, würde der Lifespan Fund eher einer Leibrente ähneln. Die Höhe der Auszahlung wäre individuell und würde Alter sowie Gesundheitszustand der jeweiligen Person berücksichtigen. Je jünger und gesünder eine Person bei Rentenbeginn ist, desto geringer fällt die monatliche Zahlung aus – ähnlich wie bei einer klassischen Leibrente.

Das neue System würde auf einem fiktiven Anspruch von 250.000 Britischen Pfund basieren, was 12.500 Pfund pro Jahr über 20 Jahre entspricht. Wer länger lebt als statistisch erwartet, könnte am Ende mehr erhalten – die Mehrkosten würden durch Einsparungen ausgeglichen, die entstehen, wenn Menschen früher als erwartet sterben. Um den vollen Anspruch zu erwerben, müssten Einzelpersonen 40 Beitragsjahre vorweisen – derzeit sind es 35 Jahre für die volle staatliche Rente.

Die Berechnung der personalisierten Auszahlung könnte laut TBI-Bericht auf die NHS-Gesundheitsakte einer Person zurückgreifen. Dabei sollen Schutzmaßnahmen zur Wahrung der Privatsphäre sicherstellen, dass das System keine ungesunden Lebensstilentscheidungen wie Rauchen belohnt. Nutzer könnten ihren Fondsstatus über eine spezielle App einsehen, die aktuelles Guthaben, erworbene Beitragsjahre, prognostiziertes Einkommen sowie Berechtigung für Entnahmen oder Aufstockungen anzeigt.

Flexibler Zugang auch während des Erwerbslebens

Besonders weitreichend ist ein weiterer Aspekt des Vorschlags: Einzelpersonen könnten auch während ihres Erwerbslebens auf ihren Fonds zugreifen, wenn sie für einen bestimmten Zeitraum nicht arbeiten – vorausgesetzt, sie haben ein Mindestguthaben aufgebaut. Voraussetzung dafür wäre laut TBI, dass die betreffenden Personen Tätigkeiten ausüben, die ihr künftiges Verdienstpotenzial steigern oder gesellschaftlich nützlich sind – und nicht lediglich Freizeit nehmen oder Konsum finanzieren.

Wer nach einer solchen Auszeit ins Berufsleben zurückkehrt, würde erhöhte Sozialversicherungsbeiträge von bis zu 5 Prozent des Verdienstes zahlen, um den Fonds wieder aufzufüllen. Alternativ könnten Personen mit erheblichen privaten Rentenansprüchen auf diese Zuzahlungen verzichten. Diese Flexibilität könnte Menschen helfen, Herausforderungen in den späten 50ern oder frühen 60ern zu bewältigen – etwa bei Gesundheitsproblemen, Pflegeverpflichtungen oder Arbeitslosigkeit.

Triple Lock soll abgeschafft werden

Ein weiterer zentraler Punkt des TBI-Vorschlags ist die Abschaffung der sogenannten „Triple Lock"-Garantie. Diese stellt derzeit sicher, dass die staatliche Rente jedes Jahr um den höchsten Wert aus Lohnwachstum, Inflation oder 2,5 Prozent steigt. Stattdessen sollen die Zahlungen künftig auf Basis einer „geglätteten Kopplung an die Medianverdienste" angepasst werden, um einen realen Wertverlust zu verhindern.

Tom Smith, Direktor für Wirtschaftspolitik am Tony Blair Institute, kommentierte: „Britanniens staatliches Rentensystem wurde für eine andere Ära geschaffen. Wir können nicht weiter Geld in ein System pumpen, das zunehmend unbezahlbar wird. Die Rentenausgaben müssen begrenzt werden, und das bedeutet, dass der Triple Lock nach der nächsten Wahl nicht fortbestehen kann."

Gewinner und Verlierer des neuen Modells

Das TBI betont, dass das neue System gerechter wäre als das bestehende. Unter dem aktuellen System erhalten gesunde Personen, die bis in ihre 90er Jahre leben, deutlich mehr Leistungen als weniger gesunde Menschen, die in ihren 60ern oder 70ern sterben. Mit dem Lifespan Fund würden Personen in schlechtem Gesundheitszustand oder höherem Alter bei Rentenbeginn höhere Zahlungen erhalten, um ihrer kürzeren Lebenserwartung Rechnung zu tragen.

Laut Untersuchungen des Institute for Fiscal Studies (IFS) hat eine 1955 geborene Frau aus dem untersten Vermögensquintil nur eine 40-prozentige Chance, 20 Jahre lang eine staatliche Rente zu beziehen – bei einer Frau aus dem obersten Quintil liegt dieser Wert bei 75 Prozent. Der Lifespan Fund würde diese Ungleichheit adressieren. Dennoch wird es unweigerlich Gewinner und Verlierer geben: Wer eine kürzere Lebenserwartung hat, würde tendenziell profitieren, während gesunde Rentner unter dem bisherigen System besser gestellt wären. Menschen, die vorzeitig in den Ruhestand treten möchten, könnten ebenfalls von der Abschaffung eines festen Rentenalters profitieren – auch wenn dies ein geringeres Einkommen bedeuten würde.

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