Streit um Karenztage bei Krankheit entfacht Debatte
Arbeitgeber fordern Entlastung, Gewerkschaften warnen vor Risiken für Gesundheit und Vertrauen

Der Vorschlag des Allianz-Chefs Oliver Bäte, die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag zu streichen und einen sogenannten Karenztag wieder einzuführen, hat eine breite öffentliche Debatte ausgelöst. In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ begründete Bäte seinen Vorstoß mit den hohen Kosten, die durch krankheitsbedingte Fehlzeiten in Deutschland entstehen. Nach seinen Angaben liegen die durchschnittlichen Krankentage pro Arbeitnehmer in Deutschland bei 20 Tagen pro Jahr, was deutlich über dem EU-Durchschnitt von acht Tagen liegt. Er rechnet vor, dass durch die Abschaffung der Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag bis zu 40 Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden könnten.
Der Vorschlag stieß auf gemischte Reaktionen. Befürworter wie der Sozialexperte Bernd Raffelhüschen sehen darin eine Möglichkeit, die Belastung der Sozialsysteme zu verringern und Anreize für ein verantwortungsbewussteres Verhalten zu schaffen. Auch Mercedes-Chef Ola Källenius unterstützt die Idee und betont die wirtschaftlichen Folgen eines hohen Krankenstands. Vertreter der Politik zeigen sich teilweise offen für die Diskussion, wie etwa der Unions-Fraktionsvize Sepp Müller, der den Ansatz als eine „neue Idee“ bezeichnet, die diskutiert werden sollte.
Auf der anderen Seite gab es starke Kritik von Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnte vor den negativen Folgen eines solchen Vorgehens, wie etwa der Zunahme des sogenannten Präsentismus – also der Praxis, krank zur Arbeit zu erscheinen. Dies könne nicht nur die Gesundheit der Betroffenen weiter verschlechtern, sondern auch das Risiko von Ansteckungen und Arbeitsunfällen erhöhen. Die IG Metall bezeichnete den Vorschlag als einen Angriff auf die soziale Sicherheit und wies darauf hin, dass bessere Arbeitsbedingungen der Schlüssel zur Senkung des Krankenstands seien.
Auch Stimmen aus der Wirtschaft äußerten sich kritisch. Tobias Stüber, Chef der Bus-Buchungsplattform Flibco, wies darauf hin, dass derartige Maßnahmen das Vertrauen der Mitarbeiter in ihre Unternehmen schwächen könnten. Er plädierte stattdessen für eine unternehmensfreundlichere Führungspolitik, die auf die Bedürfnisse der Beschäftigten eingeht.
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Zur AktienanalyseStatistiken der Krankenkassen wie der DAK-Gesundheit und der Techniker Krankenkasse zeigen, dass die Anzahl der Krankheitstage in Deutschland zuletzt gestiegen ist. Während 2023 durchschnittlich 15,1 Krankheitstage pro Arbeitnehmer gemeldet wurden, verzeichnete die DAK für denselben Zeitraum sogar 20 Tage. Dennoch sehen Kritiker wie der DGB keinen akuten Handlungsbedarf und betonen, dass Fehlzeiten in Deutschland im internationalen Vergleich nicht dramatisch abweichen.


