Strategy und Bitcoin: Drohen jetzt massive Verkäufe der Kryptoreserven?
Michael Saylors Bitcoin-Bunker gerät unter Druck. Strategy schärft sein Finanzierungsmodell nach – und schließt Bitcoin-Verkäufe nicht mehr aus.

Michael Saylor, einst bekannt für heroische KI-generierte Selbstinszenierungen auf X, klingt neuerdings auffallend defensiv. „Das Schwierigste im Geschäft ist nicht, die Zukunft zu sehen", schrieb er kürzlich. „Es ist, lange genug zu überleben, um sie zu gestalten." Für viele seiner Anhänger stellt sich genau diese Frage: Wird Strategy überleben?
Saylor hat sein einstiges Softwareunternehmen in den vergangenen Jahren konsequent zu einem Bitcoin-Vehikel umgebaut. Rund 847.000 Bitcoin hält Strategy derzeit – größtenteils fremdfinanziert. Das Prinzip war lange simpel: Schulden aufnehmen, Bitcoin kaufen. Solange der Kryptomarkt stieg, trieb das auch den Aktienkurs. Viele Anleger nutzten die Strategy-Aktie als Hebelprodukt auf Bitcoin.
Doch dieses Modell funktioniert nur im Aufwind. Bitcoin hat seit Oktober rund die Hälfte seines Wertes verloren. Die Strategy-Aktie brach im gleichen Zeitraum sogar um mehr als 70 Prozent ein. Das ist nicht nur schmerzhaft für Aktionäre – es wird für das Unternehmen selbst zur Existenzfrage.
Strategy schärft sein Finanzierungsmodell nach
Am Montag reagierte das Unternehmen auf den wachsenden Druck und stellte ein neues „Digital Credit Capital Framework" vor. Dieses sieht drei zentrale Maßnahmen vor – und alle drei haben einen faden Beigeschmack.
Erstens erhöht Strategy seine Cash-Reserve von 1,4 auf 2,55 Milliarden Dollar. Diese soll künftig mindestens zwölf Monate Dividendenzahlungen abdecken. Nach Unternehmensangaben reichen die Mittel derzeit für 17,4 Monate. Allerdings: Als die Reserve Ende vergangenen Jahres eingeführt wurde, war das Ziel mit zwei bis drei Jahren noch deutlich ambitionierter.
Zweitens stellt Strategy Aktienrückkäufe in Aussicht – bis zu einem Volumen von einer Milliarde Dollar, finanziert außerhalb der Cash-Reserve. Grundsätzlich können Rückkäufe Aktionären helfen, weil der Wert je verbleibender Aktie steigt. Doch viele Investoren dürften kaum bereit sein, zu stark gefallenen Kursen zu verkaufen und damit Verluste zu realisieren.
Drittens – und das ist wohl die brisanteste Neuerung – bringt Strategy mögliche Bitcoin-Verkäufe ins Spiel. Bis zu 1,25 Milliarden Dollar an Bitcoin könnten veräußert werden, um die Liquidität zu stärken. Das ist eine bemerkenswerte Kehrtwende: Saylor hatte früher stets eine strikte „Never Sell"-Maxime propagiert und Anleger provokant aufgefordert, lieber eine Niere zu verkaufen, als sich von Bitcoin zu trennen.
Das Dividendenproblem wird immer drängender
Besonders kritisch ist die Lage rund um die Vorzugsaktie STRC. Strategy hatte diese zuletzt aggressiv vermarktet – STRC-Inhaber erhalten eine laufende Dividende, obwohl Bitcoin selbst keine laufenden Erträge abwirft. Bezahlt werden soll diese Dividende aus dem Softwaregeschäft, aus Cash-Reserven oder aus Erlösen neu ausgegebener Aktien und Anleihen.
Das Problem: Alle drei Quellen stehen unter Druck. Analysten erwarten für das laufende Jahr einen Umsatz von lediglich rund 500 Millionen Dollar. Die Cash-Reserve lag zuletzt bei etwa 1,4 Milliarden Dollar. Gleichzeitig müsste Strategy allein für Dividendenzahlungen rund 1,7 Milliarden Dollar pro Jahr aufbringen – die Reserve würde also nicht einmal ein Jahr reichen.
Ab Juli soll die Dividendenrendite zudem um einen weiteren Prozentpunkt auf zwölf Prozent steigen, um Anleger bei der Stange zu halten. Eigentlich soll STRC um die 100 Dollar notieren, doch der Kurs ist im Zuge der Krise zeitweise unter 75 Dollar gefallen.
Schlüsselkennziffer dreht ins Negative
Parallel dazu hat sich eine für das Strategy-Narrativ zentrale Kennziffer gedreht: der mNAV, der modifizierte Nettovermögenswert. Er setzt den Unternehmenswert inklusive Schulden und Vorzugsaktien ins Verhältnis zum Wert des Bitcoin-Bestandes. Am Freitag fiel der mNAV unter 1 – der Markt bewertete Strategy also niedriger als den reinen Wert seiner Bitcoin-Position. Das ist heikel, weil Kapitalmaßnahmen dann weniger attraktiv werden und neue Aktien weniger Geld einbringen.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseHinzu kommt: Der durchschnittliche Einstiegskurs bei Strategys Bitcoin-Käufen liegt bei rund 75.000 Dollar. Das entspricht einem Buchverlust von aktuell etwa einem Fünftel – der sich in den kommenden Quartalszahlen niederschlagen dürfte, da in den USA Wertänderungen bei Kryptoassets ins Unternehmensergebnis einfließen.
Markt reagiert positiv – aber wie lange?
Anleger honorierten die neuen Maßnahmen am Montag zunächst: Die Strategy-Aktie sprang um mehr als zwölf Prozent. Der mNAV stieg wieder über 1. Auch Bitcoin blieb auf niedrigem Niveau stabil.
Wie der Markt reagiert, falls Strategy die Verkaufsoption tatsächlich nutzt, ist allerdings offen. Bereits Anfang Juni hatte ein kleiner Verkauf von lediglich 32 Bitcoin für rund 2,5 Millionen Dollar eine neue Abwärtsbewegung am Kryptomarkt begleitet.
Vielleicht gelingt es Strategy, mit dem Kurswechsel das Schlimmste zu verhindern. Für konservative Privatanleger gilt dennoch: Wenn ein Unternehmen an seiner Substanz nagen muss, um Dividendenverpflichtungen zu bedienen, ist das selten ein Zeichen von Stärke.


