Standard Chartered: US-Zolleinnahmen sinken, weiterer Rückgang droht
Nach dem IEEPA-Urteil des Obersten Gerichtshofs fallen US-Zolleinnahmen – doch Standard Chartered warnt vor noch größeren Verlusten ab Juli 2026.

Das Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA gegen die Anwendung des International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) zur Verhängung von Zöllen hat die US-Zolleinnahmen spürbar gedrückt. Laut einer Analyse von Standard Chartered ist der Schaden bislang jedoch begrenzter als vielfach befürchtet – könnte sich aber in den kommenden Monaten deutlich verschärfen.
Die Ökonomin der Bank, Dan Pan, erwartet für März und April – die ersten beiden Monate nach dem Urteil – Zolleinnahmen von jeweils rund 25 Milliarden US-Dollar. Das entspricht zwar einem Rückgang gegenüber den Höchstständen, liegt aber immer noch beim etwa 3,4-Fachen des Niveaus vor dem sogenannten „Liberation Day". Ende 2025, als die Zölle in vollem Umfang in Kraft waren, hatten die Einnahmen noch das Vierfache des Niveaus von 2024 überstiegen.
Auf Basis dieser Entwicklung schätzt Pan den jährlichen Einnahmeverlust durch das IEEPA-Urteil auf rund 60 Milliarden US-Dollar. „Der Rückgang ist bedeutend, aber weitaus geringer als weithin erwartet, wenn man bedenkt, dass IEEPA-Zölle mehr als die Hälfte der US-Zolleinnahmen ausmachen", schrieb sie in einem Kommentar. Gemessen am US-Bruttoinlandsprodukt entspricht der Rückgang etwa 0,2 Prozent.
Notlösung mit Ablaufdatum
Die US-Regierung reagierte nach dem Urteil schnell und verhängte einen pauschalen Zoll von 10 Prozent auf Basis von Sektion 122 des Handelsgesetzes. Diese Maßnahme gilt jedoch nur befristet: Pan warnt ausdrücklich, dass es „keinen perfekten Ersatz gibt, sobald die 150-Tage-Frist am 24. Juli 2026 abläuft". Danach könnten die Einnahmen weiter sinken. Zusätzlich könnte sich das Tempo der Rückerstattungen für bereits erhobene Zölle beschleunigen, was die fiskalische Belastung weiter erhöht.
Die Bemühungen der Regierung, den IEEPA durch andere rechtliche Instrumente zu ersetzen, stoßen auf erhebliche Hürden. Zwar wurde der Anwendungsbereich der Zölle nach Sektion 232 – die Stahl, Aluminium und Kupfer abdecken – ausgeweitet. Doch Kanada und Mexiko leisten Widerstand, während die Neuverhandlungen des USMCA-Handelsabkommens an Intensität gewinnen. Parallel dazu laufen Untersuchungen nach Sektion 301, wobei die Regierung versucht, deren traditionell engen Spielraum zu erweitern.
Strukturelle Herausforderung für die Zollpolitik
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalysePan hebt einen grundlegenden Unterschied zwischen den bisherigen und den künftigen Zollinstrumenten hervor. Während IEEPA- und Sektion-122-Zölle pauschale Maßnahmen waren, die einfach zu verwalten sind, sind die Sektionen 232 und 301 branchenspezifisch und erfordern aufwendigere Untersuchungen und Anhörungen.
Die Ökonomin warnte, dass „der Ersatz weitgehend einheitlicher Zölle durch solche, die je nach Branche und Land variieren, wahrscheinlich erhebliche Wohlfahrtsverluste mit sich bringen wird". Dennoch scheint dies die Richtung zu sein, in die sich die US-Zollpolitik bewegt. Für Anleger und Unternehmen mit Handelsbeziehungen in die USA bedeutet das: Die Unsicherheit bleibt hoch, und die fiskalischen wie wirtschaftlichen Auswirkungen der US-Handelspolitik sind noch nicht vollständig absehbar.


