SpaceX-Börsengang: Riskante Wette auf Raketen, KI und Mars
Der größte Börsengang der Geschichte vereint Milliardenverluste, Weltraumvisionen und eine 1,8-Billionen-Dollar-Bewertung.

Fünf Milliarden Dollar Nettoverlust im vergangenen Jahr – und trotzdem startet SpaceX an der Technologiebörse Nasdaq deutlich über dem Ausgabepreis. Mit einem Schlag nimmt das Unternehmen 75 Milliarden Dollar ein und wird mit rund 1,8 Billionen Dollar bewertet. Das ist fast doppelt so viel wie Coca-Cola, Netflix und Disney zusammen – oder in etwa die Größenordnung des gesamten Deutschen Aktienindex DAX.
Anleger weltweit wollen beim größten Börsengang der Geschichte dabei sein. Doch die entscheidende Frage lautet: Wofür zahlen sie eigentlich?
Das einzige profitable Standbein: Starlink
Auf der Einnahmeseite ist SpaceX heute vor allem ein Telekommunikationskonzern. Das Satellitennetzwerk Starlink zählt inzwischen mehr als zehn Millionen Abonnenten und erzielte 2025 rund elf Milliarden US-Dollar Umsatz. Es ist bislang das einzige Segment, das Gewinne abwirft. Die Raketensparte hingegen verdient kein eigenständiges Geld – fast überall sonst auf der Welt ist Raumfahrt deshalb entweder Staatssache oder das teure Hobby sehr reicher Männer.
Auf der Investitionsseite entwickelt sich SpaceX zunehmend auch zum KI-Konzern. Seit der Fusion mit Elon Musks KI-Firma xAI im Februar gehören das KI-Modell Grok und die Plattform X zum Konzernverbund. Die Ausgaben für Künstliche Intelligenz übersteigen inzwischen bei weitem die klassischen Investitionen in den Raketenbau.
Was Anleger tatsächlich kaufen, steht in einem 277 Seiten langen Börsenprospekt. Dort beschreibt SpaceX Unternehmensziele, die weit über das Geschäftliche hinausgehen: den Weltraum besiedeln, interplanetares Leben ermöglichen, Städte auf dem Mars bauen. Und mit der Kraft der Sonne eine „nach Wahrheit strebende KI" erschaffen, um das „Licht des Bewusstseins zu den Sternen zu tragen".
Story Stock mit 96-fachem Umsatzmultiple
Solche Unternehmensprosa ist typisch für Elon Musk – als Investitionsgrundlage ist sie mindestens riskant. Das eigentliche Versprechen an die Anleger lautet: Die verlustbringende Raketensparte soll durch astronomische Einnahmen an anderer Stelle ausgeglichen werden – durch ein globales Breitbandnetz, KI-Rechenzentren im Orbit und Regierungsaufträge von der NASA bis zum Pentagon.
An der Wall Street gilt SpaceX als klassischer „Story Stock": kein normales Industrieunternehmen, das nach klassischen Kennzahlen bewertet wird, sondern eine Investition in eine Vision. Das Verhältnis zwischen Zielbewertung und aktuellem Umsatz liegt beim 96-Fachen – reife Technologiekonzerne kommen sonst höchstens auf Faktor 15 bis 20.
Wer in SpaceX investiert, erkauft sich dabei kaum Mitspracherecht. Musk hält mehr als 80 Prozent der stimmberechtigten Anteile und ist zugleich CEO und Vorstandsvorsitzender – vereint also Führungs- und Kontrollfunktion in einer Person. Im Zuge des Börsengangs wurde zwar erstmals öffentlich, wer welche weiteren Führungsfunktionen innehat, und es sind durchaus erfahrene Köpfe dabei. Zu sagen haben sie im Zweifel jedoch wenig. Jedes Unternehmen von Musk ist strategisch eine One-Man-Show – das erhöht das Anlegerrisiko zusätzlich.
Staatsaufträge und politische Abhängigkeit
Hinzu kommt die enge, aber volatile Verflechtung mit der Regierung Trump. In den vergangenen fünf Jahren erhielt SpaceX rund sechs Milliarden Dollar aus staatlichen NASA- und Rüstungsverträgen – und Musk war Trumps größter Wahlkampfunterstützer. Diese politische Nähe ist ein zweischneidiges Schwert.
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Zur AktienanalyseDie Lücke zwischen Realität und Potenzial betrifft dabei nicht nur SpaceX. Weite Teile der KI-Branche in den USA – Chipkonzerne, Cloud-Anbieter, Rechenzentren, Kreditgeber – stecken in einem Investitionskreislauf, in dem sehr viel Geld sehr schnell umherläuft. Dieses KI-Geflecht produziert eine Realität, auf die der Markt selbst wettet. Das kann halten – es kann aber auch einstürzen. Für Sicherheit sorgen nach Einschätzung von Marktbeobachtern vor allem saubere Geschäftsberichte, glaubwürdige Unternehmensführung und staatliche Aufsicht. Letztere ist unter der Regierung Trump mit einigen Fragezeichen versehen.
Starship: Das Herzstück des gesamten Expansionsplans
Abseits aller Börsenspekulationen steht SpaceX vor handfesten technischen Herausforderungen. Die zentrale ist „Starship", die wiederverwendbare Schwerlastrakete – auf ihr beruht der gesamte Expansionsplan des Unternehmens. Nur wenn sie dauerhaft zuverlässig eingesetzt werden kann, funktioniert der Rest. Hinzu kommt die technische Stabilität des Netzwerks: Tausende Satelliten und Datenzentren im All sollen über Jahre stabil laufen. Und beim geplanten Flug in Richtung Mars bleibt die Frage nach dem Wiederauftanken im Weltall bislang unbeantwortet.
Diese Gleichzeitigkeit – Rakete, Netz, KI, Mars – ist die eigentliche Herausforderung für SpaceX und zugleich die Quelle der Faszination, auf die Anleger heute an der Nasdaq setzen. Dabei gilt die älteste aller Börsenregeln: Je größer das Versprechen, desto größer sollte die Vorsicht sein.

