Sommerurlaub 2026: Wo Deutsche trotz Krise reisen wollen
Rekordumsätze im Tourismus, explodierende Spritpreise und ein blockierter Kerosinmarkt – so planen Deutsche ihren Sommerurlaub.

Camping boomt, Spanien lockt trotz Rekordpreisen, und neue Ziele wie Marokko gewinnen an Beliebtheit. Der deutsche Reisemarkt zeigt sich trotz multipler Krisen erstaunlich robust – doch die Unsicherheit wächst.
Der Campingplatz in Seeshaupt am Starnberger See fasst gerade einmal 75 Touristenstellplätze. Trotzdem ist er von Mitte Juni bis Mitte September komplett ausgebucht. Betreiber Matthias Lederer erklärt den Trend so: „Es geht einfach darum, draußen in der Natur zu sein und minimalistisch zu leben. So wie es der Camper mag." Für die Sommermonate empfiehlt er eine frühzeitige Reservierung – und beobachtet in diesem Jahr besonders viele Langzeitbuchungen.
Hinter dem Camping-Boom steckt auch ein finanzielles Kalkül. Lederer vermutet, dass viele Urlauber schlicht Geld sparen wollen – und das angesichts der aktuellen Spritpreise kaum verwundert. Laut ADAC war der April 2026 der teuerste Tankmonat aller Zeiten: Super E10 kostete im Schnitt 2,11 Euro pro Liter, Diesel sogar 2,26 Euro. Camping ist damit nicht nur Lifestyle, sondern auch Budgetstrategie. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 44,7 Millionen Übernachtungen auf deutschen Campingplätzen gezählt – ein neuer Rekord.
Rekordsummen trotz Krisenstimmung
Trotz aller Spartendenzen geben die Deutschen für ihren Urlaub so viel aus wie nie zuvor. Laut aktueller Tourismusanalyse investierte jeder Reisende im vergangenen Jahr durchschnittlich 1.636 Euro in seinen Urlaub – ebenfalls ein Rekordwert. Anne Zitschke, Reiseexpertin bei HolidayCheck, erwartet für dieses Jahr einen weiteren Anstieg: „Durch die allgemein steigenden Preise steigt auch der Reisepreis. Aber der Urlauber ist immer noch bereit, höhere Preise auch zu zahlen."
Besonders deutlich zeigt sich das in Spanien. Im Hochsommer verfünffachen sich die Hotelpreise dort im Vergleich zum Frühjahr. Ein Vier-Sterne-Hotel am Strand mit Frühstück kostet in der Hauptsaison rund 5.000 Euro für ein Paar. Dennoch rechnet der spanische Tourismusminister Jordi Hereu Boher in diesem Jahr mit rund 100 Millionen ausländischen Gästen – mehr als je zuvor.
Zitschke betont, dass die Reiseveranstalter auf die hohe Nachfrage nach europäischen Zielen reagieren: „Dort, wo die Nachfrage groß ist, werden noch mehr Flüge hingeschickt." Last-Minute-Angebote werde es geben – allerdings nur für flexible Reisende, die beim Zielort oder der Reisezeit Kompromisse eingehen können.
Kerosinpreise unter Druck – Airlines sichern sich ab
Ein zentrales Thema für die Reisebranche ist der Kerosinmarkt. Die Blockade der Straße von Hormus infolge des Iran-Krieges hat den Treibstoffpreis für Flugzeuge massiv in die Höhe getrieben. Zu Jahresbeginn lag der Kerosinpreis noch bei rund 670 Dollar pro Tonne – im April wurden Höchstwerte von fast 1.800 Dollar erreicht. Seitdem ist der Preis leicht gesunken, bleibt aber deutlich über dem Vorkriegsniveau.
Auf die Ticketpreise hat sich das bislang kaum ausgewirkt. Eine Auswertung des Vergleichsportals Check24 zeigt: Für Flüge nach Zypern sanken die Preise sogar um 16 Prozent, nach Ägypten um zwölf Prozent, in die Türkei um vier Prozent. Leicht teurer wurden lediglich stark gefragte Mittelmeerziele – Griechenland plus drei Prozent, Spanien plus vier Prozent. „Eine flächendeckende Verteuerung sehen wir aktuell nicht", so Check24-Geschäftsführer Christian Meier.
ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel erklärt, warum: Airlines sichern sich Treibstoffpreise durch sogenanntes Hedging bereits Monate im Voraus. „Bei der Lufthansa etwa sind für 80 Prozent des Kerosinbedarfs die Preise über Hedging gesichert. Das ist sicherlich ein Grund, warum wir noch keine massiven Preissteigerungen gesehen haben." Zusätzlich haben Airlines Angebote nach Asien reduziert und besonders kerosinintensive Flugzeuge aus dem Betrieb genommen.
Auch eine drohende Kerosinknappheit sieht Immel gelassen: „Drei Viertel des Kerosinbedarfs stammen nicht aus der Golfregion. Und das, was aktuell durch den Krieg fehlt, kann ersetzt werden – zu großen Teilen aus den USA oder aus Nigeria." Lufthansa, TuiFly und Eurowings äußerten sich auf Anfrage übereinstimmend optimistisch zur Treibstoffversorgung im Sommerflugplan.
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Zur AktienanalyseMarokko als neues Ausweichziel
Dennoch plant ein erheblicher Teil der Deutschen um. Laut einer aktuellen HolidayCheck-Umfrage wollen fast ein Fünftel der Deutschen in diesem Jahr ganz auf Urlaub verzichten. 40 Prozent der Befragten weichen auf sicherere Reiseziele aus. Zitschke beobachtet dabei weniger Stornierungen als vielmehr eine Verlagerung: „Der Urlaub ist nach wie vor wichtig, und da sucht sich der Urlauber neue Orte."
Ein Profiteur dieser Entwicklung könnte Marokko sein. Die marokkanische Regierung rechnet in diesem Jahr mit einem Tourismus-Rekord. Allein bei deutschen Gästen verzeichnete das Land im vergangenen Jahr ein Plus von elf Prozent. Ob der Boom anhält, ist jedoch ungewiss. Gabriele Noack-Spaeth, die in Marrakesch ein kleines Hotel betreibt, berichtet: „Im Moment sind wir sehr gut gebucht, aber das sind Buchungen, die schon länger bestehen. Neue Buchungen kommen so gut wie keine rein."
Für die Branche insgesamt bleibt Reiseexpertin Zitschke dennoch zuversichtlich: „Die Tourismusbranche hat leider sehr viele Krisen in den letzten Jahren erlebt – und aus der Erfahrung können wir sagen, dass sie sich sehr schnell von Krisen erholt."


