Sommer-Carry-Trades: Bank of America entzaubert hartnäckigen Börsen-Mythos
Carry Trades im Sommer besonders profitabel? Bank of America-Analysten sehen dafür kaum statistische Belege.

Investing.com – Der weit verbreitete Glaube, dass Carry Trades in den Sommermonaten besonders gut abschneiden, hält einer nüchternen Datenanalyse kaum stand. Analysten der Bank of America kommen zu dem Schluss, dass makroökonomische Bedingungen eine weitaus größere Rolle spielen als der bloße Kalender. Der sogenannte „Sommer-Carry-Bias" ist demnach eher Mythos als Realität.
Das klassische Argument für sommerliche Carry Trades stützt sich auf geringere Handelsvolumina, weniger Wirtschaftsdaten und eine reduzierte geldpolitische Aktivität im Juli und August. Eine niedrigere Volatilität soll es Anlegern ermöglichen, Renditen aus höher verzinslichen Vermögenswerten zu erzielen, ohne auf große gerichtete Marktbewegungen angewiesen zu sein. Carry Trades bezeichnen dabei eine Strategie, bei der Anleger Kapital in Niedrigzinswährungen oder -anleihen aufnehmen und in höher verzinsliche Anlagen investieren, um die Zinsdifferenz als Gewinn einzustreichen.
Historische Daten liefern kaum Belege
Tatsächlich bieten historische Daten kaum Belege für einen beständigen Rückgang der realisierten Zinsvolatilität während des Sommers. Saisonale Bewegungen treten das ganze Jahr über auf, wobei einige der größten Veränderungen bereits vor den Sommermonaten zu beobachten sind. Das Bild ist also deutlich uneinheitlicher als das gängige Narrativ vermuten lässt.
Die implizite Volatilität zeigt zwar ein etwas klareres Muster: Sie tendiert dazu, um die Jahresmitte leicht zu sinken, bevor sie im Vorfeld des herbstlichen geldpolitischen Kalenders wieder ansteigt. Das Ausmaß dieser Verschiebung bleibt jedoch relativ gering. Die Analysten interpretieren dies eher als Ausdruck niedrigerer Risikoprämien denn als tatsächliche Verringerung der Marktunsicherheit.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf vergangene Sommer-Turbulenzen. Die Sommermonate haben mehrere bedeutende Umkehrungen bei Carry Trades hervorgebracht – darunter im August 2007, August 2015 und August 2024. Eine dünne Liquidität kann die Volatilität erheblich verstärken, wenn ein unerwarteter Schock eintritt. Diese historischen Episoden mahnen zur Vorsicht gegenüber allzu sorglosen Sommer-Strategien.
Aktuelle Makrolage stützt Carry-Präferenz
Trotz der skeptischen Einschätzung zum saisonalen Muster sehen die Analysten der Bank of America die aktuellen makroökonomischen Bedingungen als grundsätzlich unterstützend für Carry-Strategien an. Die Wirtschaftsaktivität bleibt stabil, Rezessionssorgen sind begrenzt, und die Marktrisiken neigen eher zur Reflation als zur Kontraktion. Auch die Zinsvolatilität blieb zuletzt relativ stabil.
Dies gilt, obwohl die Märkte nach höheren Ölpreisen und erneuten Inflationssorgen einen restriktiveren Kurs der US-Notenbank Federal Reserve einpreisen. Die Analysten deuten dies so, dass Anleger zwar eine Änderung des erwarteten geldpolitischen Pfades antizipieren, den breiteren Ausblick jedoch nicht als unvorhersehbar betrachten. Das Umfeld bleibt damit für Carry-Strategien kalkulierbar.
Als Hauptgefahr identifizieren die Experten einen tiefergehenden Nahostkonflikt und einen erneuten Ölpreisschock. Ein solches Ereignis könnte Carry-Strategien empfindlich stören, die auf stabilem Wachstum, begrenzter Inflation und niedriger Volatilität basieren. Dieses geopolitische Risiko bleibt der zentrale Unsicherheitsfaktor im aktuellen Umfeld.
Positionierung und Anleihe-Empfehlungen
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Zur AktienanalyseDie Analysten bevorzugen es, über den Sommer „Short Volatility" und „Long Carry" positioniert zu bleiben. Gleichzeitig empfehlen sie ein Engagement in höherer Terminvolatilität auf mittlere Sicht, da die Risiken der US-Zwischenwahlen zunehmend in kurzfristigere Kontrakte einfließen.
Besonders interessant erscheinen den Experten zehnjährige US-Staatsanleihen. Diese seien derzeit etwa 50 Basispunkte günstiger als ihr geschätzter fundamentaler fairer Wert. Positiver Carry und Rolldown-Effekte – also Gewinne durch das Abrollen einer Anleihe entlang der Zinskurve – stärken das Argument für deren Halten. Die US-Renditekurve biete dabei einen besseren Carry-Wert als mehrere andere Anleihekurven aus Industrieländern.
Für deutsche Privatanleger bedeutet dies: Wer auf Carry-Strategien setzt, sollte sich nicht blind auf saisonale Muster verlassen, sondern das makroökonomische Gesamtbild im Blick behalten – und geopolitische Risiken nicht unterschätzen.


