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Social-Media-Verbote für Jugendliche: Experten warnen vor Kurzschlussreaktion

Weltweit verschärfen Regierungen die Social-Media-Regeln für Minderjährige – doch Experten kritisieren pauschale Verbote als unwirksam und ungerecht.

Social-Media-Verbote für Jugendliche: Experten warnen vor Kurzschlussreaktion

Australien machte im Dezember den Anfang: Als erstes Land der Welt setzte es ein umfassendes Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren durch. Plattformen wie Metas Instagram, ByteDances TikTok, Alphabets YouTube, Elon Musks X und Reddit sind seitdem verpflichtet, Altersverifikationsmaßnahmen zu implementieren – oder empfindliche Strafen zu riskieren. Mehrere europäische Länder, darunter Großbritannien, Spanien, Frankreich und Österreich, arbeiten bereits an eigenen Gesetzesentwürfen nach australischem Vorbild.

In den USA ist ein nationales Verbot zwar unwahrscheinlich, doch auf Bundesstaatsebene ist die Gesetzgebung bereits im Gange. Zusätzlichen Druck erzeugte Meta im März mit zwei juristischen Niederlagen: Eine Jury in Santa Fe stellte fest, dass Meta Nutzer über die Kindersicherheit in seinen Apps getäuscht hat. Einen Tag später entschied eine Jury in Los Angeles, dass Meta und YouTube Plattformfunktionen entwickelt haben, die zu psychischen Gesundheitsschäden eines Klägers beigetragen haben.

Experten: Verbote sind eine „bequeme" Ausrede

Sonia Livingstone, Professorin für Sozialpsychologie und Direktorin des Zentrums „Digital Futures for Children" an der London School of Economics, erwartet, dass diese Entwicklungen „viel mehr Gesetzgebung auslösen" werden. Gegenüber CNBC bezeichnete sie ein pauschales Social-Media-Verbot jedoch als überstürzte Lösung von Regierungen, die es jahrelang versäumt hätten, die Tech-Giganten angemessen zu kontrollieren. Experten sind sich einig, dass der Sektor sich zu lange der Rechenschaftspflicht entzogen habe, der andere Branchen längst unterliegen.

Livingstone verwies auf den britischen Online Safety Act, der das Prinzip „Sicherheit durch Design" (Safety by Design) vorschreibt. Konkret bedeutet das: Funktionen wie „Quick Add" bei Snapchat, die Jugendliche dazu einladen, sich mit Fremden anzufreunden, sollten unterbunden werden. Ihrer Ansicht nach wäre ein pauschales Verbot gar nicht erst zur Debatte gestanden, hätten Social-Media-Unternehmen angemessene Tests durchgeführt, um festzustellen, ob ihre Funktionen für die Zielgruppe sicher sind.

Dr. Victoria Nash, außerordentliche Professorin und Senior Policy Fellow am Oxford Internet Institute, bezeichnete Social-Media-Verbote als eine „extreme" Maßnahme. Sie warnte, dass Verbote junge Menschen in weniger regulierte Bereiche des Internets treiben könnten, die nicht über dieselben Schutzmechanismen verfügen. Livingstone ergänzte, ein umfassendes Verbot bestrafe lediglich eine Generation junger Menschen, die zunehmend von Online-Interaktionsmöglichkeiten abhängig geworden sei – ein „unfaires" Ergebnis für Jugendliche.

Alternativen: Datenschutz und Designverantwortung

Josh Golin, Exekutivdirektor der in Boston ansässigen gemeinnützigen Organisation Fairplay for Kids, sprach sich gegenüber CNBC klar für einen anderen Ansatz aus. Er würde in den USA lieber eine Gesetzgebung für „Privatsphäre und Sicherheit durch Design anstelle von pauschalen Verboten" sehen. Konkret fordert er die Verabschiedung des Children and Teen Online Privacy Protection Act, um auf persönlichen Daten basierende Werbung bei Kindern zu stoppen und damit „weniger finanzielle Anreize für Social-Media-Unternehmen zu schaffen, Kinder ins Visier zu nehmen und süchtig zu machen".

Golin betonte zudem die Bedeutung des Kids Online Safety Act (KOSA), der Plattformen rechtlich für Designmerkmale verantwortlich machen soll, die Sucht oder andere Schäden verursachen können. Meta habe jedoch bereits erfolgreich Lobbyarbeit betrieben, um KOSA zu stoppen – obwohl das Gesetz den US-Senat im Jahr 2024 passiert hatte. Sollte das Unternehmen die Gesetzgebung weiter blockieren, glaubt Golin, werde der Druck zugunsten von Verboten steigen, da „süchtig machend und unsicher nicht akzeptabel" sei.

Australiens Verbot: Jugendliche suchen Umgehungswege

Die Praxis zeigt bereits, wie schwierig die Durchsetzung solcher Verbote ist. Viele australische Jugendliche missachteten das Verbot, als es im Dezember erstmals in Kraft trat. Laut einem BBC-Bericht stiegen die Downloads von VPNs – Software, die den Standort der Nutzer verschleiert und länderspezifische Beschränkungen umgeht – bereits vor dem Inkrafttreten des Verbots an. In den Tagen danach schnellten auch die Downloads von Apps hoch, die noch nicht vom Verbot betroffen waren, darunter Lemon8, Yope und Discord.

Diese Entwicklungen verdeutlichen das zentrale Dilemma: Pauschale Verbote sind politisch attraktiv, aber in der Praxis schwer durchzusetzen. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, Tech-Konzerne zu verpflichten, ihre Plattformen von Grund auf sicherer zu gestalten – statt die Verantwortung auf Jugendliche und deren Eltern abzuwälzen.

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