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Shortseller: Neue Generation setzt auf KI und Satellitendaten

Während Shortselling-Legenden sich zurückziehen, drängen junge Leerverkäufer mit modernen Methoden und KI-Einsatz an die Börse.

Shortseller: Neue Generation setzt auf KI und Satellitendaten

Siegfried Eggert ist kein typischer Börsenakteur. Der Gründer von Grizzly Research, Mitte 30, stammt aus Deutschland – früher trainierte er sogar Handball beim VfL Gummersbach. Heute wettet er professionell gegen Unternehmen, bei denen er Missstände vermutet. Transparenz ist ihm dabei wichtig: „Ich stehe gerne Rede und Antwort", sagt Eggert. In einer Branche, die für ihre Verschwiegenheit bekannt ist, ist das alles andere als selbstverständlich.

Als aktivistischer Shortseller versucht Eggert, die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen. Zu seinen jüngsten Angriffszielen zählen der deutsche Prothesenhersteller Ottobock und der Schweizer Beteiligungsspezialist Partners Group. Beide Aktienkurse brachen nach seinen Berichten zwischenzeitlich ein. Eggert sieht sich dabei als Korrektiv: Eine kritische Analyse sei an den Finanzmärkten wichtig – „weil sie so selten ist".

Leerverkäufer funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Sie leihen sich Aktien gegen eine Gebühr aus, verkaufen sie sofort und kaufen sie später – im besten Fall zu einem niedrigeren Kurs – zurück. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufpreis, abzüglich der Leihgebühr, ist ihr Gewinn. Das Risiko: Steigt der Kurs statt zu fallen, drohen theoretisch unbegrenzte Verluste.

Alte Stars ziehen sich zurück – Neue übernehmen

Der jahrelange Bullenmarkt hat das Geschäft der Shortseller erheblich erschwert. Viele bekannte Namen haben in den vergangenen Jahren aufgegeben. Nate Anderson, der Mann hinter Hindenburg Research, zog sich zurück – laut Branchenkennern, weil er genug verdient hatte, um sich seiner Familie zu widmen. Fahmi Quadir, die in Deutschland durch ihre erfolgreiche Wirecard-Wette bekannt wurde, schloss ihren Fonds und setzt nun erstmals auf steigende Kurse – in Südkorea.

Im Jahr 2021 wettetem noch 15 Hedgefonds ausschließlich auf fallende Kurse. Mittlerweile sind es nicht einmal mehr zehn, die Shortselling in Reinkultur betreiben. Doch der Beruf stirbt nicht aus – eine neue Generation tritt an.

Diese neuen Akteure bringen frische Werkzeuge mit. Eggert etwa nutzt Satellitendaten, um Unternehmensangaben zu überprüfen. Berichtet ein Konzern von neuen Produktionsstätten, schaut Eggert per Satellitenbild nach, ob die Geschichte stimmt. Außerdem setzt die neue Generation verstärkt auf Künstliche Intelligenz für die Recherche und veröffentlicht deutlich mehr Berichte als ihre Vorgänger.

KI beschleunigt die Shortseller-Recherche

Will Coz beobachtet die Branche wie kein zweiter. Der Gründer von Activ8Insights – einer Datenbank für aktivistische Shortseller – registriert einen klaren Trend: Im ersten Halbjahr 2026 veröffentlichten Leerverkäufer beachtliche 140 Reports, ein Drittel mehr als im Vorjahr. „Durch künstliche Intelligenz können sie schneller recherchieren", sagt Coz. Mittlerweile greifen auch Banken und institutionelle Investoren auf seine Datenbank zu.

Mehr als 100 der Berichte aus dem ersten Halbjahr betreffen US-Konzerne – eine ungewöhnlich hohe Quote. Ein Grund dürften die hohen Bewertungen vieler US-Unternehmen sein. Shortseller müssen dabei nicht zwingend Betrug wittern: Es reicht, wenn die Lücke zwischen Börsenstory und harten Zahlen weit klafft. Durchschnittlich fallen die Kurse betroffener Unternehmen im ersten Monat nach einer Short-Attacke um 6,1 Prozent.

Nicht jede Attacke ist jedoch erfolgreich. Als Shortseller Dan David von Wolfpack Research im April Vorwürfe gegen das kanadische Techunternehmen Poet lancierte, verdoppelte sich dessen Aktienkurs binnen weniger Tage – statt zu fallen.

Neue Geschäftsmodelle: Journalismus trifft Hedgefonds

Ein besonders innovatives Modell hat Hunterbrook etabliert. Das 2023 von Investor Nathaniel Brooks Horwitz und Journalist Sam Koppelman gegründete Unternehmen verbindet investigativen Journalismus mit Shortselling. Hunterbrook Media beschäftigt Journalisten und veröffentlicht deren Recherchen. Hunterbrook Capital kann auf Basis dieser Berichte Short-Positionen eingehen. Formal sind beide Einheiten getrennt, in einigen Artikeln findet sich jedoch der Hinweis, dass Hunterbrook Capital die besprochenen Aktien leerverkauft hat – so etwa Anfang Juli, als über Probleme beim Arbeitsvermittler Stepstone berichtet wurde.

Die Branche bewegt sich dabei auf juristisch heiklem Terrain. Das verdeutlicht ein aktuelles US-Urteil: Shortseller Andrew Left von Citron Research – bekannt durch Wetten gegen Tesla – wurde Anfang Juni von einer Jury der Marktmanipulation für schuldig befunden. Er soll Positionen nicht transparent offengelegt und Beziehungen zu Hedgefonds verschleiert haben. Left drohen bis zu 25 Jahre Haft, das Strafmaß soll im Dezember verkündet werden.

„Als das Urteil verkündet wurde, war ich sehr nervös", sagt Coz. „Ich dachte, das bringt die ganze Branche ins Wanken." Die meisten Shortseller hätten daraufhin lediglich ihre Disclaimer angepasst und achten nun noch stärker auf Transparenz.

Der anonyme Angreifer: Callisto Research

Während Eggert auf Transparenz setzt, geht die Gegenseite der Branche in die entgegengesetzte Richtung. Der Kopf hinter Callisto Research will nicht einmal verraten, wo er arbeitet – sein Büro befinde sich „an einem unbekannten Ort". Beim Nachrichtendienst Signal nennt er sich schlicht „Cal". Zuerst trat er 2025 in Erscheinung.

Zuletzt griff Cal das Schweizer Unternehmen Sportradar an, das Wettplattformen und Kunden wie den Fußballverband Uefa mit Sportdaten versorgt. Callisto Research wirft den Schweizern vor, mit unlizenzierten, illegalen Plattformen zusammenzuarbeiten. Sportradar bestreitet das. Dennoch: Die Sportradar-Aktie fiel nach Veröffentlichung des Reports um bis zu 30 Prozent.

Cal klingt jung am Telefon. Insbesondere die deutschsprachigen Länder in Europa seien ein gutes Jagdrevier, sagt er. Er suche dort nach Unternehmen mit schwacher Corporate Governance, fragwürdigem Geschäftsmodell oder starker Abhängigkeit von einzelnen Unternehmerpersönlichkeiten.

Was Privatanleger wissen sollten

Für Privatanleger bieten Short-Attacken interessante Signale – aber auch Risiken. Wer die Wetten der Shortseller nachahmen möchte, kann das mit sogenannten Put-Optionen tun. Steigt der Wert eines solchen Derivats, wenn der Kurs der zugrunde liegenden Aktie sinkt. Im Bundesanzeiger lässt sich einsehen, auf welche Unternehmen viele Leerverkäufer setzen: Wer mehr als 0,5 Prozent der ausstehenden Aktien geshortet hat, muss seine Position dort offenlegen.

Puts sind jedoch riskant und für Anfänger nicht geeignet. Marcus Storr, der beim Bad Homburger Vermögensverwalter Feri den Bereich Alternative Investment leitet, sieht dennoch Chancen: „Aktien-Long-Short-Strategien sind im Moment besonders erfolgreich." Das aktuelle Marktumfeld mit starken Schwankungen sei „von Vorteil für Aktien-Long-Short-Strategien", so Storr. Rund 99 Prozent aller Leerverkäufe werden laut Storr im Rahmen solcher klassischen Hedgefondsstrategien getätigt – weit abseits des Rampenlichts, das aktivistische Shortseller genießen.

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