Schwellenländer-ETFs: Warum KI die Emerging Markets verändert hat
Der MSCI Emerging Markets legte in zwölf Monaten über 40 Prozent zu – doch der Grund überrascht viele Anleger.

Wer in den vergangenen Jahren auf Schwellenländer-ETFs gesetzt hat, brauchte vor allem Geduld. Zwischen 2021 und Herbst 2024 lief der MSCI Emerging Markets im Wesentlichen seitwärts, während der MSCI World – dominiert von US-Aktien – rund 60 Prozent zulegen konnte. Das Bild hat sich inzwischen gedreht.
Auf Sicht der vergangenen zwölf Monate steht beim MSCI Emerging Markets ein Plus von mehr als 40 Prozent zu Buche. Der MSCI World schaffte im selben Zeitraum nur etwa halb so viel. Auf den ersten Blick klingt das nach der Rückkehr des klassischen Schwellenländer-Versprechens: Wachstumsmärkte, aufstrebende Mittelschicht, Nachholpotenzial. Doch diese Erklärung greift zu kurz.
„Mit dem klassischen Schwellenländer-Narrativ hat dieser Anstieg wenig zu tun", sagt Christian W. Röhl, Chefökonom von Scalable Capital, im WirtschaftsWoche-Podcast „Leben mit Aktien". Der eigentliche Treiber sei nicht die Dynamik aufstrebender Volkswirtschaften, sondern ein globales Megathema: der KI-Boom.
Warum Taiwan und Südkorea den Index dominieren
Der Grund liegt in der Indexkonstruktion. Zu den Emerging Markets zählen nach MSCI-Methodik auch Taiwan und Südkorea – zwei Länder, die vom Halbleiter- und KI-Boom besonders profitieren. Der MSCI Taiwan, in dem TSMC mit rund 30 Prozent dominiert, legte auf Zwölfmonatssicht in Euro rund 90 Prozent zu. Der MSCI Korea, geprägt von Samsung und SK Hynix, konnte sich im selben Zeitraum sogar mehr als verdreifachen.
Zusammen machen Taiwan und Südkorea rund 44 Prozent des MSCI Emerging Markets aus. Hinzu kommen chinesische Technologieriesen wie Tencent und Alibaba. Das Ergebnis: Die Sektoren IT und Kommunikation sind im MSCI Emerging Markets mit 44 Prozent sogar höher gewichtet als im MSCI World mit 37 Prozent.
Das zeigt, wie sehr sich der klassische Schwellenländer-Index gewandelt hat. Wer heute einen MSCI-Emerging-Markets-ETF kauft, erwirbt je nach Indexmethodik nicht nur „Aufholpotenzial", sondern in großem Stil auch ein Exposure gegenüber KI-Zulieferern, Halbleitern und asiatischen Technologiegewinnern.
All-Country-World als solide Basis für Privatanleger
Für viele Anleger spricht das für einen All-Country-World-Ansatz als Kerninvestment. Entscheidend ist dabei, breit gestreut investiert zu sein – unabhängig davon, wie einzelne Länder klassifiziert werden. Ob kapitalisierungsgewichtet oder mit alternativen Gewichtungsmethoden: Wichtiger ist, dass die Konstruktion zur eigenen Risikotoleranz passt und auch dann durchgehalten wird, wenn eine Region oder ein Sektor zeitweise alles dominiert.
Als Beimischung bleiben Schwellenländer dennoch attraktiv – wegen günstigerer demografischer Strukturen, höherer Wachstumsraten und oft niedrigerer Bewertungen. Allerdings lässt sich dieses klassische Paket mit dem MSCI Emerging Markets kaum noch zielgerichtet abbilden. Wer gezielt auf Binnenwachstum und Nachholpotenzial setzen will, muss tiefer in die Produktpalette greifen: Länder- und Regionen-ETFs auf Indien, Lateinamerika, Südafrika oder die ASEAN-Staaten wie Indonesien, Malaysia, Thailand und die Philippinen. Die Umsetzung ist jedoch komplex – spezialisierte ETFs auf einzelne ASEAN-Länder sind rar.
„True Emerging Markets": Ein neuer Ansatz ohne China, Taiwan und Korea
Genau hier setzt ein Produktkonzept an, das zuletzt Aufmerksamkeit gewonnen hat: der „True Emerging Markets"-Index von WisdomTree. Die Idee dahinter ist einfach: Nur jene Länder aufnehmen, die tatsächlich klassische Schwellenländer-Merkmale aufweisen. Taiwan, Südkorea und China sind bewusst ausgeschlossen. Als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt passt China nur bedingt in das traditionelle Emerging-Markets-Bild.
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Zur AktienanalyseWisdomTree nutzt dafür ein „Multi-Metrik-Framework", das unter anderem die Länderklassifizierung des Internationalen Währungsfonds (IWF), den UN Human Development Index und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf berücksichtigt. Da rund zwei Drittel des klassischen MSCI Emerging Markets wegfallen, werden die verbleibenden Länder entsprechend höher gewichtet.
Die größten Positionen auf Länderebene sind:
- Indien: 21,11 Prozent
- Brasilien: 18,96 Prozent
- Südafrika: 10,01 Prozent
- Saudi-Arabien: 9,53 Prozent
- Mexiko: 7,12 Prozent
Danach folgen Polen, die Vereinigten Arabischen Emirate, Thailand, Malaysia und Indonesien. Auch die Branchenstruktur unterscheidet sich deutlich: Finanzwerte dominieren mit 36 Prozent, gefolgt von Rohstoffen mit 23 Prozent und Konsumgütern mit 15 Prozent. Technologie spielt mit rund 3,5 Prozent kaum eine Rolle. Zudem ist das Portfolio breiter gestreut – die Top-Ten-Aktien machen nur 19 Prozent aus, beim MSCI Emerging Markets sind es 31 Prozent.
Für Privatanleger, die gezielt auf das klassische Schwellenländer-Versprechen setzen wollen, bietet dieser Ansatz eine interessante Alternative. Wer dagegen einfach breit investiert bleiben möchte, fährt mit einem globalen Basisinvestment weiterhin gut – und sollte sich bewusst sein, dass „Emerging Markets" heute längst nicht mehr das bedeutet, was der Name suggeriert.


