Rüstung statt Autos: Kann Europas Verteidigungsboom die Autoindustrie retten?
VW, Renault und Co. suchen Rettung in der Rüstungsbranche – doch Analysten und Gewerkschaften bleiben skeptisch.

Die europäische Automobilindustrie steckt in einer tiefen strukturellen Krise. Nachlassende Nachfrage nach Elektrofahrzeugen, Marktanteilsverluste an chinesische Konkurrenten und höhere Kreditkosten haben in den vergangenen fünf Jahren einen „perfekten Sturm" für den Sektor erzeugt. Die Absatzzahlen liegen weiterhin deutlich unter dem Niveau vor der Pandemie – und ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht.
Angesichts dieser Lage suchen einige Automobilhersteller nun Zuflucht in einem ungewöhnlichen Bereich: der Rüstungsindustrie. Analysten der US-Bank Citi bezeichnen diesen Strategiewechsel treffend als „Anything but Autos"-Trade – also „alles außer Autos". Die Idee dahinter: Europas boomende Verteidigungsausgaben könnten den kriselnden Autobauern neue Einnahmequellen erschließen.
Renault baut Drohnen, VW verhandelt über Iron Dome
Konkrete Schritte in diese Richtung gibt es bereits. Der französische Automobilhersteller Renault gab bekannt, eine Bodendrohne für militärische und zivile Zwecke zu entwickeln. Dies folgte auf eine im Januar angekündigte Partnerschaft mit dem Rüstungskonzern Turgis Gaillard zur Produktion von Flugdrohnen in Frankreich.
Noch weitreichender sind die Berichte über Volkswagen: Der deutsche Automobilhersteller soll sich laut einem Bericht der Financial Times vom 24. März in Gesprächen mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Rafael befinden. Dabei geht es um die mögliche Umwandlung des VW-Werks in Osnabrück in eine Produktionsstätte für Komponenten des israelischen Raketenabwehrsystems „Iron Dome". Das Werk, das VW eigentlich 2027 schließen will, könnte so bis zu 2.300 Arbeitsplätze retten – ein nicht unerheblicher Faktor angesichts der geplanten Stellenstreichungen von 35.000 Jobs bis 2030.
Die Aktienkurse der Automobilhersteller spiegeln das Ausmaß der Krise deutlich wider. Der Stoxx 600 Automobiles Index ist in den vergangenen fünf Jahren (Stand 2. April) um 30 Prozent gefallen. VW büßte im gleichen Zeitraum sogar über 60 Prozent ein. Stellantis, zu dem Marken wie Fiat und Peugeot gehören, verlor 58 Prozent. Zum Vergleich: BYD, der chinesische Elektroautobauer, meldete zuletzt einen Anstieg der Auslieferungen in der EU um 175 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 13.982 Einheiten – während die Neuwagenverkäufe in der EU insgesamt bis Januar zurückgingen.
Historische Wurzeln: Autobauer und Rüstung
Die Verbindung zwischen Automobilindustrie und Rüstungsproduktion hat historische Tradition. Während des Zweiten Weltkriegs stellten Automobilunternehmen weltweit die zivile Fertigung ein und konzentrierten sich auf Militärfahrzeuge, Flugzeugmotoren sowie Waffen und Munition. Experten betonen, dass viele der zugrunde liegenden Fähigkeiten in hohem Maße übertragbar seien – der Übergang von Rädern zu Waffen und zurück sei grundsätzlich machbar.
Gleichzeitig boomt die europäische Verteidigungsindustrie wie selten zuvor. Die russische Invasion in der Ukraine 2022 und die sich verschlechternden Beziehungen innerhalb der NATO haben den Druck auf Europa erhöht, in der Verteidigungsproduktion autarker zu werden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte im vergangenen Jahr, Europa befinde sich in einer „Ära der Wiederaufrüstung" und könne 800 Milliarden Euro an Verteidigungsinvestitionen durch Kredite und andere Programme mobilisieren.
Skepsis bei Gewerkschaften und Analysten
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Zur AktienanalyseTrotz der strategischen Logik gibt es erhebliche Vorbehalte. Deutschlands größte Gewerkschaft IG Metall erklärte, die Versetzung einer großen Zahl von Beschäftigten aus der Automobilindustrie in die Rüstungsbranche sei „unrealistisch" und „keine Lösung" für die strukturellen Probleme des Sektors. Die Verteidigungsindustrie könne im großen Stil keine Antwort auf die Misere der Branche bieten.
Hinzu kommen ethische Bedenken: Beschäftigte könnten sich vor die Wahl gestellt sehen, entweder Waffen zu produzieren oder Entlassungen hinzunehmen – ein moralisches Dilemma, das nicht zu unterschätzen ist. Citi verwies zudem auf politische Risiken und zog einen Vergleich zu Elon Musks Engagement in der US-Regierung unter Donald Trump, das mit einbrechenden Tesla-Verkäufen in Europa einherging.
Die Strategie „Alles außer Autos" mag für einzelne Werke und Unternehmen kurzfristig Erleichterung bringen. Als strukturelle Lösung für die gesamte europäische Automobilindustrie sehen sie weder Analysten noch Gewerkschaften – die eigentlichen Herausforderungen durch chinesische Konkurrenz, den Wandel zur Elektromobilität und schwache Nachfrage bleiben ungelöst.


