Robotaxis: Kann China nach E-Autos den nächsten Markt dominieren?
Chinesische Unternehmen testen fahrerlose Taxis bereits im Stadtverkehr – und wollen nun weltweit expandieren.

Im Pekinger Stadtteil Yizhuang gehören fahrerlose Fahrzeuge längst zum Alltag. Robotaxis schlängeln sich neben gewöhnlichen Autos durch den Verkehr, autonome Lieferwagen transportieren Pakete zu Abholstationen. Der Bezirk hat sich zu einem der wichtigsten Testfelder Chinas für autonomes Fahren entwickelt – mit Unternehmen wie Baidu, WeRide und Pony.ai, die dort bereits kommerzielle Robotaxi-Dienste betreiben.
Die Buchung einer Fahrt erfordert kaum mehr als das Öffnen einer App. Innerhalb weniger Minuten fährt ein Robotaxi vor – ohne Fahrer am Steuer. Nach der Bestätigung auf einem Touchscreen fädelt sich das Fahrzeug in den dichten Pekinger Verkehr ein und navigiert zwischen Bussen, Radfahrern, Rollern und Fußgängern. Die entscheidende Frage lautet nun: Können chinesische Unternehmen Robotaxis zu einem weiteren Sektor machen, den sie weltweit dominieren – so wie es ihnen bei Elektrofahrzeugen gelungen ist?
Starkes Fundament durch die E-Auto-Industrie
Chinas Unternehmen für autonomes Fahren verfügen über einen entscheidenden Vorteil: das industrielle Ökosystem, das das Land zum weltweit größten Markt für Elektrofahrzeuge gemacht hat. Etablierte Automobilhersteller wie BYD, Chery, Geely und SAIC bauen die Fahrzeuge, während spezialisierte Firmen die Software entwickeln. Autonome Fahrzeuge sind auf viele der gleichen Batterien, Sensoren, Chips und Bordcomputer angewiesen wie Elektroautos – Lieferketten, die in China bereits in gewaltigem Umfang existieren.
„Was man sieht, ist ein Tempo bei Innovation und Anpassung in der chinesischen Elektroautoindustrie, das meiner Meinung nach nirgendwo sonst auf der Welt erreicht wird", sagt Kyle Chan, Fellow für Außenpolitik an der Brookings Institution. Er beschreibt das Phänomen als „überlappende technologisch-industrielle Ökosysteme" – Chinas Stärken bei Elektrofahrzeugen strahlen demnach direkt auf verwandte Branchen wie das autonome Fahren aus.
Auch die Regierungspolitik spielt eine wichtige Rolle. Pilotprogramme in mehreren Städten erlauben es Unternehmen, die Technologie auf öffentlichen Straßen zu testen. Präsident Xi Jinping hat KI und Robotik als Teil von Chinas Bestreben gefördert, sogenannte „neue hochwertige Produktivkräfte" zu entwickeln – Technologien, die Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln sollen.
Komplexer Verkehr als Datengoldgrube
China bietet Unternehmen noch einen weiteren Vorteil: extrem komplexe Fahrbedingungen. Eine einzige Fahrt durch Peking kann von einem autonomen Fahrzeug verlangen, mit Bussen, Rollern, Radfahrern, Fußgängern und unvorhersehbarem Verkehr fertig zu werden. „Das Verkehrsumfeld hier in China ist sehr komplex", sagt Maeve Zhang, Chief Marketing Officer bei WeRide. Diese Vielfalt erzeugt enorme Datenmengen, die zur Verbesserung der Software beitragen.
Doch genau diese Stärke könnte im Ausland zur Schwäche werden. „Im Nahen Osten ist die Temperatur sehr hoch. In Südostasien gibt es starken Regen – und in der Schweiz können die Wintertemperaturen sehr, sehr niedrig sein", erklärt Zhang. Extreme Temperaturen beeinträchtigen die Batterieleistung, während Regen, Schnee und Nebel die Kameras und Sensoren stören, auf die autonome Fahrzeuge angewiesen sind.
Robotaxis sind dabei nur ein Teil von Chinas Ambitionen. QCraft etwa setzt seine autonome Software bei Pkw, Bussen und Lieferfahrzeugen ein und gibt an, dass seine autonomen Busse bereits in mehr als 20 chinesischen Städten im Einsatz sind. „Auf der technologischen Seite ist es sehr vielversprechend, dass es vielleicht in den nächsten fünf, sieben oder höchstens zehn Jahren in das Leben eines jeden Einzug halten wird", sagt James Yu, Vorsitzender und CEO des Unternehmens.
Waymo bleibt der kommerzielle Marktführer
Die größten kommerziellen Konkurrenten der Chinesen sitzen in den USA. Waymo, das Robotaxi-Geschäft von Alphabet, betreibt kostenpflichtige fahrerlose Dienste in mehreren US-Städten und gilt als Marktführer. Die zu Amazon gehörende Firma Zoox und Tesla expandieren vorsichtiger. Uber stellte die Entwicklung eigener autonomer Fahrzeuge nach einem tödlichen Unfall im Jahr 2018 ein.
Interessanterweise gehen Uber und sein Konkurrent Lyft nun Partnerschaften mit chinesischen Firmen ein. „Durch diese Partnerschaften sind sie in der Lage, zu kommerzialisieren und ihre Reichweite zu vergrößern", sagt Tu Le, Gründer des Beratungsunternehmens Sino Auto Insights. Dennoch räumt Le ein, dass Waymo bei der Nutzererfahrung die Nase vorn hat: „Nachdem ich Waymo sowie WeRide und Pony erlebt habe, muss ich sagen, dass die Nutzererfahrung bei Waymo viel besser ist als bei allen anderen Wettbewerbern."
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Zur AktienanalyseSicherheitsbedenken und geopolitische Hürden
Trotz aller Fortschritte gibt es erhebliche Bedenken. Anfang dieses Jahres kam es beim Apollo-Go-Dienst von Baidu zu einer Software-Fehlfunktion, durch die etwa 100 Robotaxis in Wuhan feststeckten. Einige Passagiere berichteten, dass sie die Fahrzeuge nicht verlassen konnten, weil die Türen automatisch verriegelt hatten. Die Dienste wurden für mehrere Wochen eingestellt – obwohl Baidu erklärt hat, weiterhin auf Kurs zu sein, noch in diesem Jahr im Vereinigten Königreich zu starten.
Auch in den USA gab es Rückschläge: GM schloss seine Robotaxi-Sparte Cruise, nachdem die kalifornischen Behörden die Genehmigung nach einem Unfall im Jahr 2023 ausgesetzt hatten. Analysten warnen zudem vor geopolitischen Barrieren: Anders als Elektroautos erzeugen Robotaxis große Mengen an Kartierungs-, Kamera- und Standortdaten – was sie in Überseemärkten besonders anfällig für nationale Sicherheitsbedenken macht.
Für Brookings-Fellow Chan stellen Robotaxis jedoch etwas weit Größeres dar als nur ein neues Transportmittel. „China versucht, eine Art Hightech-Wirtschaft zu schaffen, die digital vernetzt ist, auf KI basiert und auf seinen heutigen Stärken bei Batterien, Elektrofahrzeugen, Motoren und anderen verwandten Technologien aufbaut." Ob dieser Anspruch auch auf dem Weltmarkt eingelöst werden kann, bleibt abzuwarten.


